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21.1.2019

"Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf..."
Die biblische Glosse

von Lutz Poetter

Ein gereizter, pikierter Unterton schwingt mit, wenn heute jemand diesen Satz aus dem Psalm 127 zitiert: "Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf..." Manch einer hat eben ein unverschämtes, unverdientes Glück, das ihm einfach so in den Schoß fällt. Neid und Missgunst mischen sich in die gallige Ironie des Kommentators, wenn er diesem begnadeten Menschentypus begegnet.

Ohne Anstrengung

Walt Disney hat dem unbedarften Glückspilz mit der Figur des Gustav Gans ein Denkmal gesetzt in seinem gezeichneten Entenhausener Miniaturuniversum. Gustav, dem findigen Einfaltspinsel glückt einfach alles. Was er auch anfängt, ihm gelingt es, alles wird gut und schafft ihm Erfolg, Reichtum und Freunde. Gleichzeitig geht dem emsigen Tolpatsch Donald ebenso sicher alles schief. Erfolg hat er nie, seine einzige Begabung hat er im Verlieren, es bleiben ihm immer bloß die Freunde... Als wäre es auf diesen Unglücklichen gemünzt erklärt der Psalmist: "Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzt und esst euer Brot mit Sorgen, denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf." Glück und Gelingen lassen sich anscheinend nicht verbissen erarbeiten oder erkämpfen, beides kommt einfach, wenn man zu den Richtigen gehört.

Ohne Mühe

Das Psalmwort liest sich wie ein heiteres Glücksversprechen, wie ein Plädoyer für eine paradiesische Mühelosigkeit. Paradiesisch? Arbeits- und mühelos war das Leben im Garten Eden wohl, wenn wir dem biblischen Bericht folgen. Tag und Nacht gab es ja schon, allerdings noch keine Arbeit, von der sich Adam hätte erholen müssen. Ob er wohl schlief in der Nacht? Erwähnt wird sein Schlaf erst, als Gott sich um eine Gehilfin für den einsamen Adam kümmerte: "Da ließ Gott der Herr einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch. Und Gott der Herr baute ein Weib aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm und brachte sie zu ihm." 'Dem Seinen gibt’s der Herr im Schlaf', hätte Adam voller Glück ausrufen können, als er nach dem Erwachen aus göttlicher Narkose seine wohlgebaute Eva in paradiesischer Nacktheit vor sich sah...

Im Traum

Der Aufenthalt im Paradies währte nur kurz, danach begann die unvermeidliche Plackerei, um den Lebensunterhalt des Menschen für sich, Frau und Kinder zu erringen. Schlaf, Erholung, Traum wurden unverzichtbarer nächtlicher Ausgleich zur mühsamen täglichen Knochenarbeit. Damals wie heute gilt: Wichtiges, Entscheidendes passiert uns Menschen im Schlaf, im Traum, in diesem visionären Ausnahmezustand des Geistes und der Seele. Abraham, Isaak und Jakob empfingen göttliche Offenbarungen im Traum. Der Sklave Joseph erwies sich als kompetenter Traumdeuter der nächtlichen Visionen des Herrschers von Ägypten. Des Pharao Träume waren allerdings keine Eskapaden seligen Müßiggangs, sondern harte Arbeitsanweisungen für ganz Ägypten, die auch Joseph für Jahre beschäftigen sollten – im Rang eines Wirtschaftsministers traf er Vorsorge für die im Traum angekündigte Rezession nach Jahren des Aufschwungs.... Er musste hart erarbeiten lassen, was der Herr ihm im traumschweren Schlaf des Pharao gegeben hatte.

Ameisen und Faule

Um uns vollends zu verwirren enthält die Bibel zahlreiche und heftige Warnungen vor dem schädlichen Müßiggang, den bitteren Folgen des gar nicht süßen Nichtstuns wie im Buch der Sprüche Kapitel 6: "Geh hin zur Ameise, du Fauler, sieh an ihr Tun und lerne von ihr! Wenn sie auch keinen Fürsten noch Hauptmann noch Herrn hat, so bereitet sie doch ihr Brot im Sommer und sammelt ihre Speise in der Ernte. Wie lange liegst du, Fauler? Wann willst du aufstehen von deinem Schlaf? Ja, schlafe noch ein wenig, schlage die Hände ineinander ein wenig, dass du schlafest, so wird dich die Armut übereilen wie ein Räuber und der Mangel wie ein gewappneter Mann."

Beim Schlaf

Ja, was gilt denn nun: Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf oder die Warnung vor dem unproduktiven Schlummer? Wir schlagen noch einmal den 127. Psalm auf und lesen weiter: "Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn, und Leibesfrucht ist ein Geschenk. Wie Pfeile in der Hand eines Starken, so sind die Söhne der Jugendzeit. Wohl dem, der seinen Köcher mit ihnen gefüllt hat! Siewerden nicht zuschanden, wenn sie mit ihren Feinden verhandeln im Tor." Endlich geht uns ein Licht auf: Es geht um den Nachwuchs, speziell die starken Söhne. Und davon möglichst eine ganze Furcht einflößende Mannschaft. Damit verschafft man sich Respekt als Vater. Und diese Leibesfrüchte lassen sich bekanntlich nicht erarbeiten. Gott schenkt sie uns. Sie sind eine Gabe im Schlaf. Unsere eigene Beigabe ist demnach gering. Und sich tagsüber Sorgen zu machen, hilft auch nicht weiter. Ganz ohne menschliche Beigabe zum Schlaf kommen Kinder allerdings auch nicht zur Welt. Deshalb heißt er wohl auch so.

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