Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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16.12.2019

Gedanken zum Monatsspruch September

von E-Mail

Vorbei die Zeiten, in denen Menschen in schönster Sonntagsschrift auf feinem Papier erhabene Gefühle zum Ausdruck bringen und Liebesbriefe verfassen. Bei der älteren Generation scheint vielleicht noch manche Pralinenschachtel gefüllt mit Liebesbriefen auf Dachböden oder in Kellerschränken vorhanden zu sein.

Handgeschriebene Liebesbriefe mit parfümgetränktem Briefumschlag und mit rotem Lippenabdruck signiert sind aber selten geworden. Man muss sich nur mal im Freundeskreis umhören, um zu erfahren: Kaum jemand kann sich noch entsinnen, wann er die letzte Liebespost im Briefkasten hatte. Früher, so wird beteuert, war das anders. Da wurden Herzensbotschaften als zusammengefaltete Zettelchen unter Schulbänken weitergereicht. Und heute? Es stimmt: Da kann man Jahre warten, bis der Postmann auch nur einmal klingelt und mit einem Liebesbrief winkt.

Die Jugendlichen der heutigen Generation haben für diese Art der Liebesbezeugung wohl oft nur ein müdes Lächeln übrig, denn in heutiger Zeit werden Liebesschwüre per E-Mail oder als SMS oder besser noch als MMS verschickt.

Der wahre Grund aber, warum heute keine Liebesbriefe mehr mit der Hand geschrieben werden, ist vielleicht: zu ungebremst drängt das Gefühl in unserer schnelllebigen Zeit nach Artikulation, als dass die gute alte Schneckenpost noch mithalten könnte.

Die ausschweifende Liebeskommunikation hat sich ins Internet verlagert. Dort wuchert sie, nimmt ungeahnte Formen an, überquert in Lichtgeschwindigkeit ganze Kontinente. Musste man früher tage- oder wochenlang auf den nächsten Brief warten, reicht heute ein Tastendruck, und die oder der Liebste erhält den neuen elektronischen Herzenserguss mit angehängter Klang- und Bilddatei – oder gar übers Fotohandy unter die Bettdecke.

Der Liebesbrief ist tot – es lebe die Liebesmail. Das Medium hat sich gewandelt, aber die Gefühle bleiben dieselben, ja werden durch die Schnelligkeit der Datenübertragung so angeheizt, dass der Übermittlung von Liebesbotschaften eine ganz neue Bedeutung zukommt.

Der Nachteil dieser modernen Form der Liebeserklärung ist aber auch, dass sie sehr schnell im elektronischen Papierkorb landen kann und damit für die Nachwelt ein für allemal verloren ist.

Gut zu wissen, dass es auch Liebeserklärungen gibt, die Jahrtausende überdauert haben, wie z.B. diese: "Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte." Wir finden sie aufgeschrieben beim Propheten Jeremia, in der Hebräischen Bibel, unserem Alten Testament. Eine wunderbare Liebeserklärung Gottes an sein Volk Israel.

Das sind genau 83 Zeichen (inklusive Leerzeichen) und sie würden ausreichen für eine SMS.

Mehr braucht es hier nicht, um deutlich zu machen: Gott ist kein seelenloser Gedanke, kein unpersönlicher Weltengeist. Gott ist Person und Gegenüber, jemand, der liebt und der leidet.

Der Prophet Jeremia ist davon überzeugt, dass Gott sich den Menschen wie ein Liebhaber nähert und anspricht, um sein Gegenüber wirbt und seine Nähe sucht.

Und diese Nähe beruhigt, sie gibt Geborgenheit und sie schenkt Trost. Das ist es auch, was der Prophet seinem Volk in erster Linie nahe bringen will. Denn die Situation war schwierig: ein Teil Israels wurde nach Babylon deportiert, während er mit einem kleinen Rest in Jerusalem bleibt.

In dieser Situation ist eine solche Liebeserklärung wohl die stärkste Ausdrucksform für Gottes Nähe und Treue. Denn wer liebt, gibt den anderen nicht verloren.

Eine Vorleistung für dieses Handeln ist dabei nicht nötig. Ausschlaggebend ist allein Gottes Güte. All menschlicher Trost und alle menschliche Liebe werden so zum Hinweis auf den größeren Trost und die größere Liebe Gottes. Gut zu wissen, dass es sie gibt und das Menschen wie Jeremia davon erzählen und schreiben.

Pfarrer Michael Busch

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