Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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17.9.2019

Liturgie
Spurensuche vom Alten Testament bis zur Reformationszeit

von Sebastian Schwarze

Wer in einem Gottesdienst sitzt, weiß in der Regel (wenigstens ungefähr), was ihn erwartet. Für Außenstehende oder bei Konfirmandinnen und Konfirmanden, die ihre ersten Gottesdiensterlebnisse sammeln, ist das, was geschieht, keineswegs selbstverständlich. Um sich in einem Gottesdienst so richtig wohl zu fühlen, braucht es eine große Vertrautheit mit dem, was dort geschieht.

Liturgie, das gottesdienstliche Geschehen, will aber genau das: Indem die vertrauten Worte gesprochen, die liturgischen Melodien gesungen, die immer wiederkehrenden Handlungen miteinander begangen werden, entstehen Gemeinschaft und Geborgenheit unter dem Segen Gottes.

Somit ist Liturgie dreierlei: Erstens ist sie immer Spiegel der zeitgenössischen Kirche. Sie ist beweglich, ja muss beweglich sein, um nicht in leeren Floskeln zu erstarren. Zweitens stellt die Liturgie uns in die Geschichte Gottes mit den Menschen. Schon unsere jüdischen Brüder und Schwestern feierten Gottesdienst mit dem Gott, zu dem auch wir uns bekennen. Viele Elemente unseres Gottesdienstes fanden sich im jüdischen Gottesdienst biblischer Zeit. Darum ist Liturgie drittens ein Sinnbild für die Ewigkeit.

Dadurch, dass Menschen in allen Zeiten Gottesdienst feierten, feiern und feiern werden, wird deutlich, dass Gottes Verbindung zu den Menschen nicht abbricht. In den orthodoxen Kirchen gilt Liturgie als Vorhof zum himmlischen Paradies. Dort stellt man sich vor, dass irdische und himmlische Kreatur sich in einem Gesang vereinen – ein hoffnungsvolles Bild, vereint es doch Lebende und aus dem irdischen Leben Geschiedene wieder miteinander.

Im apokryphen Buch des Alten Testaments Jesus Sirach, Kap. 50 (ca.170 v. Chr.) finden wir eine Beschreibung des damaligen jüdischen Tempelkultes:

"Der Hohepriester Simon ... wenn er aus dem Vorhang hervorging, so leuchtete er wie der Morgenstern durch die Wolken ... wie ein angezündeter Weihrauch im Räucherfass ... Wenn er den schönen langen Rock anzog und zum heiligen Altar trat, so zierte er das ganze Heiligtum umher ... Und er richtete sein Amt aus auf dem Altar ... er reckte seine Hand aus mit dem Trankopfer und opferte roten Wein ... Da riefen die Kinder Aarons laut und bliesen mit Trompeten ... und die Sänger lobten ihn mit Psalmen und das ganze Haus erscholl von dem süßen Getöne. Und das Volk betete zum Herrn ... dass er gnädig sein wollte, bis der Gottesdienst aus war und sie ihr Amt vollendet hatten ... Er reckte seine Hand über die ganze Gemeinde Israel und gab ihnen den Segen des Herrn ... und wünschte ihnen Heil in seinem Namen. Da beteten sie abermal... und sprachen: Nun danket alle Gott, der große Dinge tut an allen Enden, der uns von Mutterleibe an lebendig erhält und tut uns alles Gute. Er gebe uns ein fröhliches Herz und verleihe immerdar Frieden zu unserer Zeit in Israel ..."

Die Apostelgeschichte, Kap.2 (ca.80-90 n. Chr.) erwähnt die erste christliche Gemeinde in Jerusalem: "Sie blieben aber beständig in der Apostel Lehre und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet." Der urchristliche Gottesdienst, der hier beschrieben wird, hatte also die Aufgabe, die Lehre der Apostel zu verbreiten (Bibellesungen, Predigt), Gaben für die gegenseitige Unterstützung darzubringen (Sammeln von Kollekte) . So ist hier u.a. "Gemeinschaft" zu verstehen, es wurde das Abendmahl gefeiert und gebetet. Wortverkündigung und Mahlfeier, Gottesdienst damals wie heute. In der Apologie (Verteidigungsschrift) des Justin (ca.150 v. Chr.) finden wir u.a. die Erwähnung des Sonntags als dem Tag, an dem die christliche Gemeinde den Gottesdienst feiert. Im römischen Kult war der Tag der Sonne dem "sol invictus" (römischer Sonnengott) gewidmet. Um in der Verfolgungszeit zu überleben, suchten die Christen in Rom einen Weg, um sich vor der Regierung zu rechtfertigen: Auch sie beteten zum "sol invictus", nämlich zu Christus, dem Sieger über das Leben, dem zur Zeit des Sonnenaufgangs Auferstandenen. Justin ist es auch, der für die abendländische Kirche die erste Gottesdienstordnung festlegt. Ein Wortteil mit Gebeten, Lesungen und Predigt findet sich dort genauso wie ein Abendmahlsteil.

Für die christliche Kirche kommt es im 4. Jahrhundert n. Chr. zu einer dramatischen Wende: Aus der verfolgten Religion wird eine Staatsreligion. Unter Kaiser Konstantin gibt es ab ca. 300 n. Chr. keine Christenverfolgungen mehr. Der Gottesdienst der Kirche ersetzt quasi den Kaiserkult. Natürlich kam es hierbei auch zu einer Vermischung verschiedener Traditionen. So wie die Römer ihrem Kaiser zuriefen "Herr erbarme dich" (Kyrie eleison), sollte dieser Ruf bald in der christlichen Kirche erklingen; nun freilich als Begrüßungsruf der Gemeinde, die Christus als den Herrn anerkennt und die sich damit gegen jegliche Vergötzung menschlicher Macht wendet. Die lateinische Sprache wurde zur Sprache der Kirche.

In den folgenden Jahrhunderten war der Gottesdienst - "Missa" genannt (nach der lateinischen Schlussformel "ite missa est" "es ist Entlassung", daher nennt die römisch-katholische Kirche ihren Gottesdienst auch heute noch Messe) – vielen Wandlungen unterworfen. Dennoch bildete sich ein Grundgerüst heraus, das bis heute Bestand hat. Das sogenannte Ordinarium (feststehende Stücke des Gottesdienstes) setzt sich zusammen aus dem Kyrie, dem Gloria in excelsis ("Ehre sei Gott in der Höhe" bzw. "Allein Gott in der Höh sei Ehr"), dem Credo (Glaubensbekenntnis), dem Sanctus ("Heilig, heilig, heilig") und dem Agnus Dei ("Christe, du Lamm Gottes"). Das sind auch die Stücke, die sich seit dem 15. Jahrhundert in den musikalischen Messvertonungen finden.

Bis zur Reformationszeit blieb die Sprache des Gottesdienstes Latein, der normale Gottesdienstgänger verstand nicht, was im Gottesdienst vor sich ging. Interessant ist, dass Martin Luther zunächst gar keinen Handlungsbedarf sah, die Sprache des Gottesdienstes zu verändern. Ganz im Gegenteil war er zunächst der Überzeugung, dass man, aus Rücksicht auf die "Schwachen", mit Veränderungen vorsichtig sein müsse. Außerdem sollte die lateinische Messe auch als Sprachunterricht für die Jugend dienen. Erst auf Drängen seiner Mitstreiter konzipierte er eine "Deutsche Messe", die 1526 erschien. Damit war der Bann gebrochen.

In Deutschland kam es in der Folge zu vielen Agenden (Gottesdienstordnungen), die in der Mundart der jeweiligen Region gehalten waren. Die römisch-katholische Kirche hielt allerdings noch sehr lange Zeit an der lateinischen Messe fest. Für den lutherischen Gottesdienst wurde die Predigt neben dem Abendmahl zum zentralen Bestandteil. Für Luther stand fest, dass der Gottesdienst der Ort ist, wo der Mensch Gemeinschaft mit Gott findet.

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