ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > April 2008

24.3.2019

Johann-Hinrich Wichern
Ein verantwortliches Leben im Spannungsborgen zwischen Theologie und Gesellschaft (Teil 2)

von Peter Goerke

Auswirkungen von Wicherns Gründungsarbeit in Kirche und staatlichen Bereichen


Johann Hinrich Wichern, Fotografie, um 1870 (Ausschnitt). Bild: Agentur Rauhes Haus

Mit seinen Jahresberichten und einer Zeitschrift an Freunde, Förderer des Rauhen Hauses und Interessierte wurde seine Arbeit durch theologische Aufsätze, Berichte über Armen- und Krankenpflegevereine, Sonntagsschulen und manches mehr immer bekannter. Es ging ihm dabei um die Schaffung von Projekten praktischer Nächstenliebe. Wesentlich dazu war seine programmatische Veröffentlichung über die "Notstände der protestantischen Kirche und die innere Mission".

Die innere Mission wurde sozusagen zu seinem Programm. Dieses hatte zum Inhalt, die von Staat und Kirche vernachlässigten inneren und äußeren Lebensbereichen der Menschen aufzugreifen und diese Notstände zu beseitigen. Dabei sparte er auch nicht mit Kritik an kirchlicher und staatlicher Untätigkeit.

Die im Hause lebenden und arbeitenden Brüder wollte Wichern auf einen sozial-karitativen Beruf vorbereiten. Sie sollten danach als Erzieher, Fürsorger oder Missionare in kirchlichen oder staatlichen Bereichen tätig werden. 1843 legte er dazu die Konzeption einer vierjährigen theoretischen und praktischen "Brüderausbildung" vor, die sowohl theologische wie soziale und psychologisch-pädagogische Themen beinhaltete. Dafür bekam er aus Kirche und Theologie Anerkennung, aber auch heftige Kritik.

Ein Durchbruch gelang Wichern dann aber während des Kirchentages 1848 in der Schlosskirche zu Wittenberg. In seiner ausführlichen Rede erläuterte er den Versammelten die sozialen Notstände und stellte seine Lösungsvorschläge vor. Er überzeugte damit die Versammlung, so dass kurz danach der "Centralausschuß für die Innere Mission der deutschen evangelischen Kirche" gegründet wurde. Wichern lieferte auch die Statuten dazu.


Amanda Wichern, Fotografie, um 1875. Bild: Agentur Rauhes Haus

In seiner Denkschrift "Die Innere Mission der deutschen evangelischen Kirche" machte er deutlich, was ihm wichtig war, nämlich: Alle Menschen zu erreichen, die Hilfe für Leib und Seele bedürfen und von den geordneten kirchlichen Ämtern nicht erreicht werden. Zudem solle die Innere Mission dem Staat deutlich machen, dass die Lebensquellen in Christo und nirgends woanders zu suchen seien. Die Veröffentlichung dieser Denkschrift führte mit dazu, dass in der Folgezeit verschiedenste Einrichtungen nach dem Vorbild des Rauhen Hauses entstanden wie in Bethel, Kaiserswerth, Neuendettelsau u.a .Wichern selbst gründete 1858 in Berlin das Evangelische Johannesstift.

So wurden Wicherns Ideen deutschlandweit bekannt, und er war als Experte für Innere Mission und Sozialarbeit sehr gefragt, u.a. beim preußischen König Friedrich Wilhelm IV. Dessen Innenminister ernannte Wichern zum Ministerialbeamten, u.a. mit dem Auftrag einer Gefängnisreform. Hierbei strebte Wichern insbesondere die Wiedereingliederung der Gefangenen in die Gesellschaft an. Dafür wurden im Rauhen Haus im Rahmen der Brüderausbildung "Aufseher" ausgebildet, die im Moabiter Gefängnis zum Einsatz kamen. Das bedeutete erstmalig ein Abweichen von der bisherigen Praxis des ausschließlichen Wegsperrens von Gefangenen, Veränderungen, die daraufhin auch in anderen Strafanstalten eingeführt wurden.

Außerdem kümmerte sich Wichern um die Strukturierung der Inneren Mission, regte die Schaffung von Vereinen auf regionaler und überregionaler Ebene an. Hinzu kam eine umfangreiche Vortragstätigkeit zu sozialen und kirchlichen Themen und vielfältige Veröffentlichungen. In seinen letzten Lebensjahren beschäftigte er sich besonders mit dem Thema "Rettungsanstalten als Erziehungshäuser in Deutschland". Damit legte er einen Überblick über die christliche Heimerziehung des 19. Jahrhunderts vor. Er war damals der einzige Autor, der so viel Wissen und praktische Erfahrung im Umgang mit schwierigen Kindern und Jugendlichen zusammengetragen hatte.

Wichern war als Theologe und Sozialpolitiker ein Mann mit Visionen und ein tiefgläubiger Christ. Er starb am 7. April 1881 in Rauhen Haus. Auf seinem Grabstein ist sein Lebensmotto zu lesen: "Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat."

Diakonie heute

Seit 1970 bilden fast alle 22 Diakonengemeinschaften auch Frauen aus. Sie sind im "Verband Ev. Diakonen- und Diakoninnengemeinschaften in Deutschland e.V." zusammengeschlossen. 1975 wurden Innere Mission und Ev. Hilfswerk umbenannt in Diakonisches Werk. Diakonisches Werk und diakonische Gemeinschaften entwickelten immer wieder zeitgemäße Formen sozialer Arbeit, z.B.: Sozialpädagogische Betreuung und psychologische Beratung von Eltern, Kindern und Jugendlichen, Sozialstationen für Pflege und Betreuung Hilfsbedürftiger zuhause, neue Formen von Obdachlosenbetreuung, wie Kältebusse, und vieles mehr. Bis heute sind beide Träger der Diakonie durch das Ausprobieren neuer Wege für notwendige Hilfen - gemeinsam mit anderen Wohlfahrtsverbänden - Vorreiter für staatliche Maßnahmen bzw. Gesetze.

Am Beispiel des Rauhen Hauses wird deutlich, wie Wicherns Geist und Ideenreichtum auch nach 175 Jahren weiter wirkt. So befinden sich auf dem Gelände in Hamburg-Horn heute Einrichtungen der Kinder-, Jugend- und Behindertenhilfe, ein Alten- und Pflegeheim, eine Ev. Berufsschule für Altenpflege, die Wichernschule (größte Hamburger Privatschule mit Grund-, Realschule und Gymnasium), die Ev. Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie (die kleinste Hochschule Hamburgs), der Sitz der Brüder- und Schwesternschaft und die Leitung der Gesamteinrichtung. Dazu kommen noch betreute Wohngruppen im Hamburger Stadtgebiet und ein landwirtschaftlicher Betrieb mit betreutem Wohnen in Schleswig-Holstein. Diakone und Diakonninen unserer Brüder-und Schwesternschaft sind deutschlandweit, aber auch im Ausland, in verschiedensten kirchlichen, kommunalen und freien Einrichtungen tätig. Bei regelmäßigen Treffen im Rauhen Haus, wie in regionalen Konvikten, wird Gemeinschaft gelebt, Partner/innen und Familien einbezogen. Dabei finden persönlicher Austausch und thematische Arbeit statt, oft spannende generationsübergreifende Diskussionen zwischen Studierenden, Berufstätigen und Ruheständlern - nach Wicherns Vorbild, immer so nah wie möglich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert.

Nicht nur im Rauhen Haus in Hamburg und im Ev. Johannesstift in Berlin ist Wicherns 200. Geburtstag Anlass zum Feiern und Gedenken, sondern auch in vielen Gemeinden und Einrichtungen wird bundesweit zum Wichernjahr eingeladen.

Titelbild "Der Bote" Berichte aus der Brüder- und Schwesternschaft des Rauhen Hauses (Nr.3+4 Dez. 2006) (Ausschnitt)

Lesen Sie zu diesem Thema auch: