Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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6.12.2019

Monatsspruch April

von Vikarin Katrin Rudolph

Über die Macht der Hoffnung gibt es eine wunderbare Ballade in Gerhard Schönes Liedersammlung "Seltsame Heilige":

Ein Wand'rer, ein Junge, sein Name ist Jean,
läuft müde, ja beinah in Trance
über steinige Hänge, durch trockenes Land
zwischen Alpen und der Provence.
Geröll, dort wo früher ein Dörfchen mal stand,
kein einziger Baum ist zu sehen.
Nur wilder Lavendel wischt Staub von den Schuhen
an diesem Junitag 1910.

Gegen Mittag ein Köter kläfft wütend ihn an.
Den Hund pfeift ein Schafhirt zurück.
Ein schweigsamer Alter, der Wasser ihm gibt.
Sie gehen zusammen ein Stück.
Und alle paar Schritte sieht er, wie der Hirt
mit dem Stecken ein Loch bohrt im Nu,
eine Eichel hineinwirft, fast mechanisch geht das,
halb im Gehen drückt er's wieder zu.

"Was machen Sie da?" "Ich pflanze was an.
Das wird irgendwann mal ein Wald."
"Gehört das Land Ihnen?" - "Nein. Nichts gehört mir!"
"Bekommen Sie das denn bezahlt?"
"Ich mach das, was Not tut und frag keinen drum,
verdien keinen Pfennig daran.
Doch ganz ohne Baum sinkt das Grundwasser ab.
Drum pflanze ich Eichen hier an."

"Hundert Eicheln am Tag seit über drei Jahr'n
zwanzigtausend davon gehen auf.
Die Hälfte der Jungbäume geht bestimmt
durch Tiere und Trockenheit drauf.
Wenn Gott es so will, kommen zehntausend durch.
Ich zieh nebenbei noch zu Haus
aus Bucheckern niedliche Schößlinge groß.
Die setze ich nächstes Jahr aus."

Nach zwei Tagen sagt Jean dem Hirten "Leb wohl!"
Kurz darauf schickt man ihn zum Krieg.
Er kommt lebend wieder. Es zieht ihn nach Jahr'n
in die einsame Gegend zurück.
Der Alte, noch frisch und beharrlich wie einst,
hat jetzt seine Schafe nicht mehr.
Die war'n scharf auf die Bäume, stattdessen summt
nun ein ganzes Volk Bienen umher.

Jean schluckt seine Tränen herunter, als er
den herrlichen Eichwald erblickt.
Den Tag lang durchwandern sie schweigend den Wald.
Und da, in der Niederung liegt
die Schonung der Buchen, schon mannshoch im Wuchs.
Er kann es kaum fassen, wie weit
das Grün sich ausbreitet aus Blättern und Gras,
wo es wüst war vor etlicher Zeit.

Ein letztes Mal sieht Jean den einsamen Greis
fünfundvierzig, nun völlig verstummt.
Vielstimmig spricht aber die Landschaft für ihn.
Das raschelt, rauscht, zwitschert und summt.
Das Bachbett führt Wasser, von Birken gesäumt,
als wär das so seit eh und je.
Den Namen des Alten, das weiß ich von Jean,
sein Name ist Elzéar Bouffier."

Die Macht der Hoffnung hat aus einer toten Gegend lebendiges Grün gemacht. Elzéar Bouffier (1858-1947) war ein "seltsamer Heiliger", weil er im Vertrauen darauf, das Richtige zu tun, Unmögliches vollbracht hat. Er hat nicht nur die Gegend begrünt, er hat auch die Stimmung in den einzelnen Gehöften der einstmals trostlosen Umgebung beeinflusst. Die Lebensbedingungen, die hoffnungslos gewesen waren, hatten die Bewohner zu egoistischen Streithähnen gemacht. Bouffiers Beharrlichkeit setzte eine Kettenreaktion in Gang. Die Wurzeln der entstehenden Bäume hoben den Grundwasserspiegel an, Flussbetten füllten sich mit Wasser, an den Ufern siedelten sich weitere Lebewesen an. Das Leben hatte wieder Sinn. Die Dorfbewohner fingen an, mit Lust zu leben. Sie bebauten ihre Gärten, sie kümmerten sich neu um ihre Häuser. Was sie dazu brachte, hätten sie vermutlich nicht beschreiben können, vermutlich dachte auch kaum jemand an Elzéar Bouffier.


Zum Weiterlesen:
Jean Giorno/Quint Buchholz: Der Mann, der Bäume pflanzte, Sanssouci-Verlag 2007, ISBN: 3-8363-0039-7

Woher bekommen wir Hoffnung? Manchmal, mitten im Alltag, vergesse ich Ostern. Ich lebe dann, als wäre ich noch nicht erlöst. Als wäre Christus nicht schon vorausgegangen. Wenn es mir dann, mitten im Trubel, wieder einfällt, kann ich mich erleichtert aufrichten. Gut ist es deshalb, zur Kirche zu gehören, auf Menschen zu treffen, die mich gelegentlich daran erinnern. Deshalb sind mir Gespräche über das Leben und den Glauben so wichtig.

Gerhard Schöne schreibt zu seinem Lied über Elzear Bouffier: "1954 schrieb der Journalist Jean Giorno in der Zeitschrift Vogue über einen Hirten, dem er als junger Mann begegnet war. Die anrührende Geschichte eines Mannes, der beharrlich einen Wald pflanzt. Auch ein Schweizer Herausgeber veröffentlichte diese Geschichte in deutscher Sprache und machte sich auf die Suche nach Jean Giorno, um die genaue Lage des Eichenwaldes zu erfahren. Im Altersheim fand er den Mann, aber er erfuhr, dass dieser Wald von der Armee wieder gefällt worden sei, um unterirdische Raketenbunker bauen zu können. Der alte Journalist, der die Enttäuschung des Schweizers erkannte, versuchte ihn damit zu trösten, dass die Tat dieses unbekannten Hirten unterdessen seinen Samen in so viele Herzen verstreut hätte, dass sie nie und nimmer sinnlos zu nennen sei." Deshalb seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen gesegneten Frühling,

Ihre Vikarin Katrin Rudolph

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