ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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16.7.2019

100 Jahre in Giesensdorf: Elly Franke

von Gisela Meyer


Foto: Eva Niggemann

Für die Reihe "Außenseiter Spitzenreiter" fragte der MDR vor einigen Wochen seine Zuschauer: "Wer lebt am längsten in seinem Haus oder seiner Wohnung?" Es wurde dann ein fast Hundertjähriger vorgestellt, der seit seiner Geburt im selben Haus in einem Dorf Thüringen wohnt. Zu spät für meinen Anruf beim Sender, denn Elly Franke wohnt noch länger in ihrer Giesensdorfer Wohnung: Genau hundert Jahre!

Das Licht der Welt erblickte die kleine Elly am 9.Januar 1908 in Lichterfelde-Ost in der Prinzenstraße. Aus Lühnsdorf im Fläming waren ihre Eltern gemeinsam nach Lichterfelde gekommen, das damals nicht zu Berlin sondern noch zum Kreis Teltow gehörte. Als sie drei Monate alt war, zogen die Eltern mit ihr und den beiden Geschwistern ins Hinterhaus der Berliner Straße 65a, dem heutigen Ostpreußendamm. Die beiden vierstöckigen, stuckverzierten Mietshäuser 65 und 65a, die direkt an das Gemeindegrundstück anschließen, waren erst um1905 errichtet worden. Sie überragten die einstöckigen Häuser, die bis dahin den Charakter des alten Dorfkerns von Giesensdorf prägten. Der Fortschritt war also auch in Giesensdorf (Lichterfelde-Süd und Ost) nicht mehr aufzuhalten, fuhr doch auch schon lange die Straßenbahn vom Bahnhof Groß-Lichterfelde-Ost über den ehemaligen Dorfanger Richtung Teltow.

Pfarrer Bergemann taufte, konfirmierte und traute Elly in der Dorfkirche, die bis zum Kriegsende 1945 noch ein hölzerner Kirchturm schmückte.

Zur Schule hatte sie es nicht weit, denn die befand sich an der gleichen Stelle wie heute, gleich neben dem Gemeindehaus. Doch schon wenige Monate nach der Einschulung begann der 1. Weltkrieg, der gravierende Auswirkungen auch auf den Schulbetrieb hatte. Die Lehrer mussten in den Krieg, Lebensmittel und Heizmaterial wurden knapp. Da war die Familie froh, dass sie den Schrebergarten hinter dem Haus hatte, aus dem sie sich mit frischem Obst und Gemüse versorgen konnte, und dankbar für die Großeltern im Fläming, auf deren Hof die Ferien verbracht wurden.

Elly wuchs heran und besuchte nach der Volksschule die Handelsschule. Sie lernte ihren späteren Mann, Willi Franke, kennen und lieben, auch er ein eingeborener Giesensdorfer, Jahrgang 1904, Lokführer bei der Reichsbahn. Willi war Fußballspieler und am Wochenende, wenn gegen andere Mannschaften gespielt wurde, hatten Elly und ihre Freundinnen eine diebische Freude daran, sich hinter das generische Tor zu stellen und den Torwart abzulenken, erzählt sie mir mit verschmitztem Lächeln. Noch heute sieht sie sich begeistert jedes Fußballspiel im Fernsehen an.

Den Bruder zog es nach Teltow, wo er ein Haus baute, in das auch die Eltern mit einzogen. Elly und Willi heirateten und blieben in der alten Wohnung, wo 1942 Sohn Gert geboren wurde. Bis zur Rente arbeitete sie mit großer Begeisterung in einem Versicherungsbüro der Feuersozietät, dessen Hauptkundschaft Mitarbeiter der deutschen Konsulate und Botschaften in der ganzen Welt waren. 1968 bekam sie von ihrem Chef zum Abschied das schöne Landschaftsbild geschenkt, das jahrzehntelang über ihrem Schreibtisch im Büro hing und das jetzt ihr Wohnzimmer schmückt. Nach wie vor bekommt sie Besuch von der Tochter ihres längst verstorbenen Arbeitgebers.

Seit 1979 ist sie allein. Ihr Willi liegt auf dem Dorffriedhof bei der alten Kirche, wo er so oft die Glocken geläutet hat, wenn der Kirchwart Herr Döbler sein freies Wochenende hatte, sogar auch zur Trauung des Sohnes mit Christa im April 1970.

Viele schöne Reisen hat sie mit den Giesensdorfer Senioren unternommen, die letzte 2006 nach Thüringen. Danach hat sie sich keine mehr zugetraut, aber zu Ausflügen, wie im vorigen Herbst nach Bitterfeld, fährt sie immer noch gern mit.

Die Wandergruppe "Die Schnecken", mit der sie lange Jahre regelmäßig unterwegs war, spielte eine wichtige Rolle in ihrem Rentnerleben. Obwohl sie nun nicht mehr mitlaufen kann, bestehen die Verbindungen zu den alten Wanderfreundinnen weiter.

Jetzt geht sie in die Seniorentagesstätte "Anna-Charlotte" in der Langestraße und fühlt sich dort sehr gut aufgehoben.

Natürlich sind all die Jahre nicht spurlos an ihr vorüber gegangen, die Beine wollen nicht mehr so, und der Kopf meint sie, könnte auch schneller sein. Was sie aber am meisten beeinträchtigt, ist ihre Schwerhörigkeit. Es macht sie oft sehr traurig, dass sie trotz der Hörgeräte vieles nicht mehr richtig versteht.

Ein bisschen Bange war ihr schon vor dem hundertsten Geburtstag, obwohl vom Sohn alles bestens geregelt war. Doch dann stürzte sie wieder einmal und musste leider ihren besonderen Ehrentag im Bethel-Krankenhaus feiern.

Nun steht der Umzug in ein Heim bevor, dessen Notwendigkeit sie zwar einsieht, der ihr aber verständlicherweise trotzdem sehr, sehr schwer fällt. Zum Glück hat ihr Sohn ein Heim gefunden, das nur knapp drei Kilometer entfernt in der Hildburghauser Straße liegt, auch ganz bei ihm in der Nähe, und nicht zu weit, um weiterhin alle 14 Tage zum Altenkreis "Spätlese" zu Frau Dallmann in die Gemeinde zu kommen.

Ich hoffe, dass Frau Franke sich in der neuen Umgebung schnell einlebt und wohlfühlt! Eine großer Teil ihrer Möbel und das lieb gewordene Landschaftsbild werden ihr sicher dabei helfen. Erste positive Kontakte hat sie dort schon beim Kaffeetrinken geknüpft.

Gisela Meyer, Gemeindeschwester

PS: Ich kenne Frau Franke schon seit langer Zeit aus unserer Gemeinde, betreue sie seit fast drei Jahren pflegerisch und werde sie auch in Zukunft besuchen. Vieles von dem, was ich über Giesensdorf weiß und was in die Chronik der 700 Jahrfeier Giesensdorfs vor neun Jahren mit einfloss, habe ich ihr zu verdanken.