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21.5.2019

Johann-Hinrich Wichern
Ein verantwortliches Leben im Spannungsborgen zwischen Theologie und Gesellschaft (Teil 1)

von Peter Goerke

Johann-Hinrich Wicherns 200. Geburtstag im April dieses Jahres hat für mich eine besondere persönliche Bedeutung; denn ich bin Diakon und Sozialpädagoge des Rauhen Hauses in Hamburg und stehe damit in der Nachfolge der ersten Diakone, die Wichern selbst ab 1833 ausgebildet hat.

So ist es naheliegend für mich, über ihn zu schreiben.

Familiärer Hintergrund, schulische Ausbildung und Studium

Johann Hinrich Wichern wurde am 21. April 1808 in Hamburg geboren und wuchs in einer kriegerisch bewegten und notvollen Zeit auf. Er war das älteste von acht Kindern. Der Vater war Kutscher und Schreiber, brauchte aber für die große Familie eine kontinuierliche Tätigkeit. Er lernte in Eigenarbeit eine Reihe von Fremdsprachen. Dadurch erhielt er eine Tätigkeit in einer Notariatspraxis.

Johann-Hinrich kam mit sechs Jahren auf eine Privatschule, die von einem Theologen geleitet wurde, der die Pädagogik Pestalozzis vertrat. Mit hervorragenden Beurteilungen dieser Schule wechselte er im Alter von 10 Jahren zu der Gelehrtenschule Johanneum, wobei Geschichte, Mathematik, Latein und Griechisch seine Lieblingsfächer wurden. Als Johann-Hinrich 15 Jahre alt war, starb der Vater. Die Mutter musste nun für die acht Kinder allein aufkommen, in dem sie Zimmer vermietete und als Wollhändlerin Geld verdiente.

Johann- Hinrich musste den Schulbesuch abbrechen und zum Unterhalt der Familie beitragen. Er nahm eine Stelle als Gehilfe in einer christlichen Anstalt an, in der Söhne gut situierter Eltern unterrichtet und betreut wurden. In seinen Tagebüchern notierte er, dass er mit der pädagogischen Arbeit insgesamt gut zurecht kam, aber auch Auseinandersetzungen mit einzelnen schwierigen Jungen hatte. Während dieser Zeit wuchs bei ihm der Wunsch, Theologe zu werden. Hintergrund war wohl die Hamburger Erweckungsbewegung, der sich die Familie Wichern zugehörig fühlte und ihre Gottesdienste besuchte. Seinen Schulbesuch konnte er neben seiner Arbeit schließlich doch fortsetzen und 1828 erfolgreich beenden, um anschließend ein Theologiestudium in Göttingen aufzunehmen. Hier beeindruckten ihn besonders die Vorlesungen der Kirchengeschichte, die er als eine Geschichte des christlichen Lebens mit unmittelbaren Bezügen zur Gegenwart verstand. Dies sollten wesentliche Aspekte für sein späteres vielfältiges Wirken sein. 1830 setzte er das Studium in Berlin fort, beendete es 1832 und ging zurück nach Hamburg.

Erste berufliche Erfahrungen

In Hamburg fand Wichern eine Bevölkerung vor, die zum großen Teil nur mit Betteln überleben konnte, insbesondere viele verwahrloste Kinder. Armenpfleger waren eingesetzt, um diese Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen. Viele wurden im Arrest oder in Gefängnissen untergebracht. So wurde Wichern mit einer katastrophalen gesellschaftlichen Situation konfrontiert. Dagegen blühten Wirtschaft, Banken und Gewerbe, und Handelshäuser machten glänzende Geschäfte; doch nur ein ganz geringer Teil der Bevölkerung profitierte von diesem Wohlstand.

Wichern erhielt eine Stelle als Oberlehrer im Hamburger Stadtteil St Georg, dem Viertel mit den Ärmsten der Armen. Dort hatte Pastor Rautenberg eine Sonntagsschule eingerichtet für Kinder, die wegen der Armut der Eltern gar nicht oder kaum die Schule besuchen konnten.

Etwa 400 Kinder wurden hier sonntags von freiwilligen Helfern betreut und konnten, neben einer warmen Mahlzeit, Lesen und Schreiben lernen, biblische Geschichten hören und gemeinsam singen.

Wichern war es wichtig, diese Kinder möglichst individuell zu fördern, dazu richtete er Klassen ein. Die Betreuer verpflichtete er, Hausbesuche zu machen, woran er sich auch selbst beteiligte. Dazu aus seinem Tagebuch: "Janssens Witwe (mit zwei Kindern) entsetzlich arm, in Logis ein Lumpensammler. Für 4 Personen nur ein Strohsack und eine Decke.quot;

Diese Eindrücke verstärkten sein Vorhaben, ein Rettungshaus für vernachlässigte Kinder zu errichten.

Die Gründung des Rauhen Hauses

In dem Senatssyndikus Sieveking fand Wichern einen tatkräftigen Unterstützer seiner Idee, der ihm dafür auf seinem Gut in Hamburg-Horn eine Bauernkate mit angrenzendem Grundstück zu günstigen Bedingungen zur Verfügung stellte. Die strohgedeckte Kate wurde im Volksmund schon immer "dat ruge Hus" genannt. Aus Nachlässen und Spenden kam Startkapital zusammen. Am 12. September 1833 wurde auf einer Versammlung in der Hamburger Börsenhalle Wicherns Rettungshaus offiziell gegründet. Wichern stellte dabei seine Grundgedanken vor:

Aufgabe seines Rettungshauses werde es sein, Kinder den Einflüssen seiner entschieden verderblichen Umgebung durch den liebevollen Ernst einer christlichen Hausordnung nicht bloß vorübergehend zu entreißen, die Kräfte neuen Lebens mit dem Evangelium, nicht an die Strafe, sondern an die Vergebung und den Entschluss fortschreitender Besserung zu knüpfen.

Diese Gedanken fanden Zustimmung der Versammlung. Wichern wurde zum Vorsteher bestimmt, so dass vierzehn Tage später die ersten14 erheblich problembeladenen Kinder ins Rettungshaus einziehen konnten.

Jedes Kind wurde nach der Aufnahme gebadet und neu eingekleidet. Dieses hatte für Wichern eine deutlich symbolische Bedeutung für einen neuen Lebensabschnitt. Danach sprach er die berühmten Begrüßungssätze:

"Mein Kind, dir ist alles vergeben! Hier ist keine Mauer, kein Graben, keine Riege; nur mit einer schweren Kette binden wir dich hier, diese heißt Liebe und ihr Maß ist Geduld. Das bieten wir und was wir fordern, ist zugleich das, wozu wir dir verhelfen wollen, dass du deinen Sinn änderst und fortan dankbare Liebe übest gegen Gott und Menschen."

Schon nach dem Einzug der ersten Kinder war es Wichern klar, dass er für ihre Betreuung geeignete Mitarbeiter brauchte. So fand er Gehilfen in christlichen Handwerkerkreisen. Sie sollten bei freier Kost, Logis und einem geringen Taschengeld mit den Kindern zusammen wohnen und ihre Betreuer sein. Er nannte sie "Brüder", weil sie wie ältere Brüder mit ihren Anvertrauten ein gemeinsames Leben führen sollten.

Wicherns Arbeit wurde in der Öffentlichkeit so bekannt, dass weitere Spenden und Nachlässe eingingen. Er fand zudem immer mehr Persönlichkeiten der Hansestadt als Unterstützer seiner Arbeit, so dass er auf der Grundstücksfläche eine kleine Kolonie mit Häusern für weitere Kindergruppen errichten konnte.

Für seine pädagogische Arbeit hatte Wichern neue konzeptionelle Vorstellungen. Die Kinder sollten wie eine Familie in kleinen Gruppen jeweils in einem Haus wohnen. Sie sollten entsprechend ihren Begabungen gefördert aber auch gefordert werden. Ihr negativer Erfahrungshintergrund sollte zum Positiven hin verändert werden. So hatte als besonderes Gemeinschaftserlebnis das Feiern von Festen für Wichern eine große Bedeutung; denn bis dahin wurden verwahrloste Kinder in Waisen- und Arbeitshäusern untergebracht, isoliert und diszipliniert.

Im Oktober 1835 heiratete Wichern Amanda Böhme, die er in der Sonntagsschule kennen gelernt hatte. Sie unterstützte ihn bei seiner pädagogischen Arbeit und übernahm die Funktion einer Hausmutter.

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