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16.7.2018

Einer der wenigen Retter: Gerhart Bollert
Zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar

von Katrin Rudolph

Viel zu wenige Juden und Christen "jüdischer Herkunft" wurden durch den engagierten Einsatz ihrer nicht verfolgten Nachbarn oder Kollegen vor dem Holocaust gerettet.
Im November dieses Jahres werden wir an den 70. Jahrestag der Reichspogromnacht und ihre Opfer denken.

Heute möchte ich Sie aber auf einen der Wenigen aufmerksam machen, die nicht weggesehen haben. In Berichten von Überlebenden begegnet häufig der Name von Justizrat Dr. Gerhart Bollert, der sich juristisch um rassisch Verfolgte bemühte. Wer war dieser Mann?

Gerhart Bollert wurde am 8. November 1886 in Pritzwalk (Prignitz) geboren und entstammt dem dortigen evangelischen Pfarrhaus. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Frankfurt/Oder studierte er Jura in Berlin und Breslau, wurde mit 21 Jahren bereits Referendar und mit 24 Assessor. Neben der juristischen Tätigkeit in seiner florierenden Anwaltskanzlei profilierte sich Bollert als Politiker. Von 1912 bis 1918 war er Abgeordneter der nationalliberalen Partei im Deutschen Reichstag, von 1919 bis 1922 im Preußischen Landtag.

Neben der konkreten juristischen Hilfe für alle Hilfesuchenden war Bollert bemüht, sich auch im Alltag nicht zu verbiegen. Er vermied den Hitlergruß und weigerte sich, nationalsozialistisch zu flaggen. Dafür opferte er sogar sein stattliches Haus in der Charlottenburger Berliner Straße 25 (heute: Straße des 17. Juni). 1910 hatte er die Villa erworben und aufwändig umgebaut. Sie beherbergte bald eine beachtliche Skulpturen- und Bildersammlung.

Nach der Erinnerung der Enkeltochter, Margrit Utech-Bollert, gaben sie das Haus auf, "weil Hitler die Berliner Straße zur Aufmarsch-Straße auserkoren hatte. Mein Großvater hatte sich geweigert, die Hakenkreuzfahne rauszuhängen, und damit waren sie verdächtig. Und dann wurden sie gezwungen, das Haus zu verkaufen. Sie haben sich nicht wehren wollen, wegen der jüdischen Abstammung meiner Großmutter, denn das hätte sonst anders ausgehen können." Martha Bollert, geb. Darmstädter, stammte aus einer großbürgerlichen jüdischen Familie, war aber evangelisch wie Bollert selbst. Beide hatten zwei Söhne, Gerd (geb. 1909) und Werner (geb. 1910).

Gut erinnerte sich Olga Tresselt-Mannstaedt (Bollerts Sekretärin, die von 1931 bis 1947 bei ihm beschäftigt war) an die Umstände, unter denen ein prominenter Klient Bollerts, Professor Dr. Paul Lazarus (1873 - 1957) gemeinsam mit seiner Frau Hertha 1937 ausreisen konnte. Frau Tresselt wurde in das Bischöfliche Ordinariat gesandt und erhielt dort eine von dem katholischen Bischof Kardinal Graf Preysing unterzeichnete Bescheinigung darüber, dass Lazarus an der Katholischen Hochschule Fribourg in der Schweiz zu einer Gastvorlesung eingeladen sei. Lazarus, seit 1907 Professor für innere Medizin an der Berliner Universität, war ab 1930 Ärztlicher Krankenhausdirektor im St.-Antonius-Krankenhaus Berlin-Karlshorst.

Nach seiner Vertreibung wurde er 1937 Leiter der Radiumsabteilung des Kantonspitals in Fribourg. Als katholischer "Nichtarier" hatte er diverse Verfolgungserfahrungen gemacht. 1933 war ihm bereits die Lehrbefugnis entzogen worden. Durch eine Intrige war er Anfang 1937 unter Mordverdacht festgenommen worden und hatte auf dem Polizeipräsidium am Alexanderplatz seinen ersten Herzinfarkt erlitten. Dabei hatte der renommierte Wissenschaftler zuvor international Achtung erlangt. In Lazarus' Nachlass befinden sich Korrespondenzen mit Wissenschaftlern wie Albert Einstein und Marie Curie.

Ein weiterer prominenter Freund und Klient, an den sich Olga Tresselt-Mannstaedt erinnert, ist der frühere Reichsjustizminister Eugen Schiffer (1860-1954). Der protestantische Christ "jüdischer Herkunft" wurde mit seiner Tochter in eine kleine Dachkammer des jüdischen Krankenhauses in die Iranische Straße am Wedding gebracht, wo er völlig isoliert bis 1945 unbehelligt lebte.

Und der 1933 entlassene ehemalige Ärztliche Direktor die Chirurgische Abteilung des Städtischen Krankenhauses Moabit, Prof. Moritz Borchardt (1868-1948), wurde durch Bollert 1936 bei der Ausreise nach Südamerika unterstützt. Borchardts Tochter Eva war im Übrigen Pfarrfrau an der Seite von Adolf Kurtz in der Schöneberger Zwölf-Apostel-Gemeinde.

Ebenfalls durch Bollert "vor dem Schlimmsten bewahrt" blieb die "nichtarische" Frau des ehemaligen Finanzministers Albert Südekum (1871--1944). Gescheitert ist hingegen Bollerts Hilfe für die über achtzigjährige Cecilie Liebermann, die Schwägerin des Malers Max Liebermann. Trotz Zahlung einer mit der Gestapo vereinbarten Lösegeldsumme, die ihr die Ausreise nach Schweden ermöglichen sollte, wurde Liebermann deportiert.

Auch Rose Scharnberg berichtet von einer Hilfeleistung Bollerts. Scharnberg, selber evangelische "Nichtarierin", wurde im Zusammenhang mit der Hilfe für einen untergetauchten Rasseverfolgten im Oktober 1942 verhaftet. Bollert, den sie aus der gemeinsamen Hilfstätigkeit kannte, erreichte zusammen mit dem späteren Staatssekretär Walter Strauß Anfang 1943 ihre Freilassung. Und die "halbarische" Hanna Sohst erzählte der Historikerin Claudia Schoppmann, dass Bollert mit ihrem Onkel, dem Arzt Georg Sultan befreundet war. Als dieser sich 1942 vor seiner beabsichtigten Deportation das Leben nahm, amtierte Bollert als Testamentsvollstrecker.

Ein befreundeter Arzt soll "Herzversagen" als Todesursache attestiert haben, so dass das Vermögen in diesem Fall nicht an den Staat fiel, wie bei Selbsttötung gesetzlich vorgesehen. Zu Hanna Sohst, die als Alleinerbin eingesetzt war, hielt Bollert weiterhin Kontakt. Er besuchte sie auch später im Gefängnis, in das sie wegen ihrer fortgesetzten Kontakte zu Juden gebracht wurde. Hanna Sohst hatte sich in dieser Situation wieder an ihn gewandt, vertraute demnach auf seine Hilfsbereitschaft.

In der Nacht vom 22. zum 23. November 1943 wurden Bollerts in der Brückenallee (heute Bartningallee) ausgebombt und verloren ihren Besitz, wobei ihre Kunstsammlung nach Thüringen ausgelagert war und den Krieg überstand. Am 1. Mai 1944 wurde Gerhart Bollert aus politischer Missliebigkeit die Ausübung der Anwaltschaft untersagt. Auch zum Schutz seiner Frau nutzte er die Gelegenheit, mit ihr gemeinsam ins Süddeutsche überzusiedeln, die Spuren ihrer "nichtarischen" Herkunft verwischend. Gerhart Bollert starb am 7. August 1947 in Rottach und wurde dort begraben. Nach Erteilung einer Zuzugsgenehmigung nach Westberlin kehrte Martha Bollert dorthin zurück. Schließlich wurde auch Gerhart Bollerts Urne nach Berlin umgebettet, so dass beide in der selben Grabstelle zu liegen kamen.

Gemessen am gesellschaftspolitischen Einfluss von Justizrat Dr. Gerhart Bollert und seiner Familie ist er bis heute vergleichsweise wenig gewürdigt worden. Es ist wichtig an die wenigen Helfer von damals zu erinnern, um zu zeigen, was doch möglich war.

Die Quellenangaben zu den Zitaten und eine ausführliche Darstellung finden Sie in Katrin Rudolph: "Gilt die Taufe der Juden nicht, so erklären auch wir unsere Taufe für ungültig... – Zur Situation Berliner Christen 'jüdischer Herkunft' im Nationalsozialismus", Berlin 2007.

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