ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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17.1.2019

Monatsspruch Dezember

von Vikarin Katrin Rudolph

Kennen Sie die Adler-Geschichte von Hermann Gilhaus?

'Ein Mann ging in einen Wald, um nach einem Vogel zu suchen, den er mit nach Hause nehmen könnte. Er fing einen jungen Adler, brachte ihn heim und steckte ihn in den Hühnerhof zu den Hennen, Enten und Truthühnern. Und er gab ihm Hühnerfutter zu fressen, obwohl er ein Adler war, der König der Vögel.

Nach fünf Jahren erhielt der Mann den Besuch eines naturkundlichen Mannes. Und als sie miteinander durch den Garten gingen, sagte der: "Der Vogel dort ist kein Huhn, er ist ein Adler!" "Ja", sagte der Mann, "das stimmt, aber ich habe ihn zu einem Huhn erzogen. Er ist jetzt kein Adler mehr, sondern ein Huhn, auch wenn seine Flügel drei Meter breit sind." "Nein", sagte der andere, "er ist noch immer ein Adler, denn er hat das Herz eines Adlers. Und das wird ihn hoch hinauffliegen lassen in die Lüfte". "Nein, nein", sagte der Mann, "er ist jetzt ein richtiges Huhn und wird niemals wie ein Adler fliegen".

Darauf beschlossen sie, eine Probe zu machen. Der naturkundliche Mann nahm den Adler, hob ihn in die Höhe und sagte beschwörend: "Der du ein Adler bist, der du dem Himmel gehörst und nicht dieser Erde: breite deine Schwingen aus und fliege!" – Der Adler saß auf der hochgereckten Faust und blickte um sich. Hinter sich sah er die Hühner nach ihren Körnern picken, und er sprang zu ihnen hinunter. Der Mann sagte: "Ich habe dir gesagt, er ist ein Huhn". "Nein", sagte der andere, "er ist ein Adler, ich versuche es morgen noch einmal".

Am anderen Tag stieg er mit dem Adler auf das Dach des Hauses, hob ihn empor und sagte: "Adler, der du ein Adler bist, breite deine Schwingen aus und fliege!" Aber als der Adler wieder die scharrenden Hühner im Hofe erblickte, sprang er abermals zu ihnen hinunter und scharrte mit ihnen. Da sagte der Mann wieder: "Ich habe es dir gesagt, er ist ein Huhn". – "Nein, sagte der andere, „er ist ein Adler. Lass es uns noch ein einziges Mal versuchen; morgen werde ich ihn fliegen lassen".

Am nächsten Morgen erhob er sich früh, nahm den Adler und brachte ihn hinaus aus der Stadt, weit weg von den Häusern an den Fluss eines hohen Berges, jede Zinne erstrahlte in der Ferne eines wundervollen Morgens. Er hob den Adler hoch und sagte zu ihm: "Adler, du bist ein Adler. Du gehörst dem Himmel und nicht dieser Erde. Breite deine Schwingen aus und fliege!" Der Adler blickte umher, zitterte, als erfüllte ihn neues Leben – aber er flog nicht. Da ließ ihn der naturkundliche Mann direkt in die Sonne schauen. Und plötzlich breitete er seine gewaltigen Flügel aus, erhob sich mit den Schrei eines Adlers, flog höher und höher und kehrte nie wieder zurück.'

Die Geschichte klingt wie der alle Jahrzehnte neu aufflammende Anlage-Umwelt-Streit in der Entwicklungspsychologie: Was setzt sich im Menschen durch – das, was in ihm von seinen Eltern her angelegt ist, oder das, wozu der Mensch von seiner Umwelt her geprägt wurde. Der "naturkundliche" Mann denkt an den guten Kern im Adler, den es einfach nur wieder zu beleben gilt: "Der du ein Adler bist, der du dem Himmel gehörst und nicht der Erde..." Der Vogelbesitzer ist ebenso hartnäckig: "Ich habe dir gesagt, er ist ein Huhn." Helfen tuen beiden Beschwörungen nichts. Aber vielleicht beeindruckt uns das Vertrauen des "naturkundlichen" Mannes in die Fähigkeiten des Adlers. Es ist das Vertrauen darauf, die Fesseln der Umwelt doch abschütteln zu können, seiner eigenen Anlage gerecht zu werden.

Andererseits erinnert mich die Forderung des "naturkundlichen" Mannes an den Adler an die unbarmherzigen Forderungen eines beliebigen Lifestylemagazins an uns Zeitgenossen: "Erkenne dich selbst!"; "verwirkliche dich selbst!". Oder an die Angebote der unterschiedlichsten Anbieter auf dem spirituellen Markt: "Begreife, wer du wirklich bist! Der Weg nach innen befreit dich vom Irrtum und führt dich zur Wahrheit! Löse dich von der schicksalhaften Bindung an die Welt (des Bösen etc.)!" Das alles hat doch wenig mit uns als Christinnen und Christen zu tun.

Spannend an der Geschichte ist – und hier wird auch die Verbindung zum Monatsspruch deutlich – dass der Adler sich schließlich nicht etwa aus eigenem Vermögen in die Weite des Himmels aufschwingt. Der entscheidende Anstoß kommt von außen, hier durch die Sonne. Was sie in dem Adler auslöst, wer weiß es?

Der Monatsspruch sagt, dass diejenigen neue Kraft kriegen (und auffahren mit Flügeln wie Adler), die auf den Herrn harren, also auf ihn vertrauen. Auf Gott vertrauen heißt ja auch: sich hier gewollt, gebraucht, geliebt sehen. In sich selbst das Ebenbild Gottes entdecken. Ich muss es nicht herstellen, erreichen, verwirklichen. Ich bin es schon, von außen, von Gott gegeben! Vielleicht kann ich noch etwas dafür tun, hier in diesem Hühnerhof oder unter diesem blauen Himmel gut zu Hause sein zu können, in meinem eigenen Leben, in meiner Haut, in meiner Geschichte, in meinen Wünschen, in meinen Beziehungen.

In der Adventszeit dürfen wir uns diesen Anstoß von außen wieder geben lassen. Gott will in unsere Welt kommen und uns daran erinnern, dass wir seine Ebenbilder sind.

Ich wünsche Ihnen in diesem Sinn frohe und besinnliche Adventswochen,

Ihre Vikarin Katrin Rudolph