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13.12.2018

Weihnachtspyramide, Nußknacker und Schwibbogen
Ein Adventsbesuch im Erzgebirge

Die Weihnachtsseite von Torsten Lüdtke

Schnaufend und zischend zog die kleine Dampflokomotive den übervollen Zug durch die gebirgige, winterliche Landschaft. Dick lag Schnee auf den Tannen und den schroffen, bizarr geformten Felsen. An den Fenstern des Waggons blühten Eisblumen, obwohl der Kanonenofen in der Abteilecke wohlige Wärme verströmte. Die Holzleisten der verschnörkelten Sitzbank drückten mich ebenso wie das Bewusstsein, noch einen Beitrag für die Weihnachtsbeilage schreiben zu müssen. Schon war der geschweifte Turmhelm der St. Annenkirche zu sehen, nun würde es noch wenige Minuten dauern, und der Sonderzug würde in den Bahnhof des tief verschneiten Erzgebirgsstädtchens einfahren. Das Weihnachtsfest war nahe, schließlich war heute der vierte Sonntag im Advent.

Vorbei an Häusern mit geschmückten Fenstern und Türen führte mich mein Weg in die Mitte des Städtchens, wollte ich hier doch die prächtige, spätgotische Hallenkirche, den stimmungsvollen Weihnachtsmarkt und die berühmte Bergparade besuchen.

Auf dem Platz vor dem Rathaus war der Weihnachtsmarkt aufgebaut, den eine bunt geschmückte Tanne überragte. In dichten Reihen standen die Buden mit Spielzeug und Kunsthandwerk, mit Weihnachtsgebäck und Stollen sowie mit Glühwein und Bratwurst. Gemächlich schlendernd lief ich über den Weihnachtsmarkt; von Weitem waren schon die ersten Fanfarenklänge der paradierenden Bergleute zu hören. Vor einem Stand, an dem Kunstgewerbe verkauft wurde, sah ich eine ins Gespräch vertiefte Menschenmenge. In der Nähe der Gruppe blieb ich schließlich stehen.

Altes Kaminstück

Draußen ziehen weiße Flocken
Durch die Nacht, der Sturm ist laut;
Hier im Stübchen ist es trocken,
Warm und einsam, stillvertraut.
Sinnend sitz' ich auf dem Sessel,
An dem knisternden Kamin,
Kochend summt der Wasserkessel
Längst verklungne Melodien.
Und ein Kätzchen sitzt daneben,
Wärmt die Pfötchen an der Glut;
Und die Flammen schweben, weben,
Wundersam wird mir zu Mut.
Dämmernd kommt heraufgestiegen
Manche längst vergess'ne Zeit,
Wie mit bunten Maskenzügen
Und verblichner Herrlichkeit.
Schöne Fraun mit kluger Miene,
Winken süßgeheimnisvoll,
Und dazwischen Harlekine
Springen, lachen, lustigtoll.
Ferne grüßen Marmorgötter,
Traumhaft neben ihnen stehn
Märchenblumen, deren Blätter
In dem Mondenlichte wehn.
Wackelnd kommt herbeigeschwommen
Manches alte Zauberschloß;
Hintendrein geritten kommen
Blanke Ritter, Knappentroß.
Und das alles zieht vorüber,
Schattenhastig übereilt –
Ach! da kocht der Kessel über,
Und das nasse Kätzchen heult.

Heinrich Heine (1797-1856)

Die heilige Nacht

Gesegnet sei die heilige Nacht,
die uns das Licht der Welt gebracht! -
Wohl unterm lieben Himmelszelt
die Hirten lagen auf dem Feld.
Ein Engel Gottes, licht und klar,
mit seinem Gruß tritt auf sie dar.
Vor Angst sie decken ihr Angesicht,
da spricht der Engel: "Fürcht't euch nicht!“
„Ich verkünd euch große Freud:
Der Heiland ist geboren heut."
Da gehn die Hirten hin in Eil,
zu schaun mit Augen das ewig Heil;
zu singen dem süßen Gast Willkomm,
zu bringen ihm ein Lämmlein fromm. -
Bald kommen auch gezogen fern
die heilgen drei König' mit ihrem Stern.
Sie knieen vor dem Kindlein hold,
schenken ihm Myrrhen, Weihrauch, Gold.
Vom Himmel hoch der Engel Heer
frohlocket: "Gott in der Höh sei Ehr!"

Eduard Mörike (1804-1875)

" ... ja" hörte ich den Budenbesitzer sagen, dabei rückte er seine runde Nickelbrille zurecht "vor Weihnachten ist hier viel los; vor allem unser Weihnachtsmarkt wird von vielen Menschen besucht. Viele kaufen dann auch bei mir – oder an anderen Ständen – einen schönen Schwibbogen oder eine große Weihnachtspyramide. Aber die wenigsten wissen wirklich, was es damit auf sich hat."

"Was denn", wollte ein hagerer Mann aus der Reisegruppe wissen, "haben denn Schwibbogen und Pyramide eine tiefere Bedeutung?"

"Nun – vor rund 500 Jahren standen hier weder die Häuser am Markt noch dort auf dem Hügel die St. Annenkirche" sagte der Händler und wies in die Richtung der Kirche "Erst der Fund von Silbererz führte zur Gründung dieser Stadt; die 1525 vollendete Annenkirche zeugt mit ihren filigranen Gewölben und der wertvollen Ausstattung noch heute vom Reichtum der ringsum gelegenen Silberbergwerke. Auch die heute stattfindende Bergparade, bei der die Bergleute in ihrem traditionellen Festtagskleid auftreten, hat in dieser Zeit ihre Wurzeln..."

"Aber was hat das nun mit dem Weihnachtsmarkt und dem Kunsthandwerk zu tun?" fragte eine ungeduldige Touristin mit keifender Stimme.

"Die Zeit der reichen Silberausbeute war bald vorbei; nun begannen die Bergleute auch damit, weniger edlere und wertvolle Metalle, vor allem Blei und Zinn, abzubauen. Schon bald fingen auch einzelne Bergmänner und Handwerker aus den Bergwerken in ihrer Freizeit damit an, mechanisches Spielzeug aus Holz herzustellen. Die Technik, die sie aus den Bergwerken her kannten, half ihnen dabei: So geht die Weihnachtspyramide wohl im Kern auf die großen Göpelwerke zurück – wie sie auch auf dem Bergaltar in der St. Annenkirche abgebildet sind – und zur Belüftung und zur Entwässerung der Bergwerke dienten."

Ein kleiner Junge, der mit seiner Mutter dazugekommen war, fragte schüchtern seine Mutter nach dem großen Nussknacker in Bergmannstracht. Der Händler lächelte, nahm den Nussknacker und zeigte ihn dem Jungen. Zur Gruppe gewandt sagte er: "Sehen sie – auch dieser einfache Nussknacker spiegelt das technische Wissen der Bergleute wieder: Die Hebelgesetze, die auch im Bergbau angewandt wurden, um Felsen abzusprengen oder zu bewegen, werden zum Zerdrücken der Nussschale benutzt."

Dabei nahm der Händler eine Nuss, legte sie in das hölzerne Gebiss des Bergmanns und drückte auf den schwarzen Hebel auf der Rückseite. Mit einem leichten Knacken zerbrach die Nuss.. Der kleine Junge hatte staunend zugesehen, aber jetzt bestürmte er seine Mutter: "Mama, ich will auch einen Nussknacker haben, bitte kauf mir den doch!" Die Mutter lächelte süß und schüttelte den Kopf: "„Heute nicht – ein anderes Mal vielleicht..."

Inzwischen war ein anderer Reisender näher an den Budenbesitzer herangetreten; erst jetzt konnte ich den rundlichen Mann, der mit seiner Pfeife einem Räuchermännchen sehr ähnlich sah, vollständig sehen. Er blies einen Ring in die Luft, räusperte sich und sagte feierlich: "Zeigen Sie mir doch bitte den Schwibbogen dort hinten –"

"Ja gern" entgegnete dienstfertig der Verkäufer "hier ist der Schwibbogen." Dabei gab er den Schwibbogen über die Ladentheke.

"Einen solchen Schwibbogen hatten schon meine Eltern," sagte der pfeiferauchende Mann beiläufig "aber das ist ja auch kein Wunder, schließlich wird es Schwibbögen wohl schon lange geben – "

"Ja" antwortete der Budenbesitzer schon fast mechanisch "Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts ist der Schwibbogen hier bekannt, er soll wohl mit seinen Kerzen an die gewölbte Stollenöffnung der Bergwerke erinnern und die Kerzen..."

Die ausführliche Antwort des Kaufmanns wartete ich nicht ab; langsam schlenderte ich weiter. Am Ende des Weihnachtsmarktes angekommen, konnte ich schon die ersten Fanfarenklänge der Turmbläser hören. Daneben konnte ich fünf langsame Glockenschläge – sie mussten wohl von der großen Rathausuhr kommen – zählen. Sie erinnerten mich daran, dass es nun Zeit sei, zurück zum Bahnhof zu gehen.

Doch dann mischte sich ein rasselndes Klingeln in die Schläge der Turmuhr. – Ich erwachte. Der Wecker klingelte und nebenan im Zimmer schlug die Standuhr zum siebenten Male, also hatte ich den Besuch auf dem Weihnachtsmarkt nur geträumt...

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