ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > September 2007

26.3.2019

Wir sind in die Irre gegangen ...
Rückblick: Vor 60 Jahren entstand das "Darmstädter Wort"

Von Katrin Rudolph

Welche Rolle spielte die Gemeinde Jesu Christi in ihrer evangelischen Gestalt während des Nationalsozialismus?

Nach der Überwindung des nationalsozialistischen Regimes stand die Evangelische Kirche in Deutschland vor der Auseinandersetzung mit vergangener Schuld, mit alten und neuen Strukturen, mit theologischen Weichenstellungen. In Stuttgart formulierte man 1945 ein erstes Schuldbekenntnis. Es war ungeheuer wichtig, um den deutschen Protestantismus auch ökumenisch wieder salonfähig zu machen, blieb aber dennoch vergleichsweise wage.

Zwei Jahre später, vor nunmehr 60 Jahren, hatte das Ringen um diese Fragen ein weiteres Ergebnis. Der Bruderrat der Evangelischen Kirche in Deutschland veröffentlichte nach einer eigens dafür angesetzten Sondersitzung in Darmstadt ein "Wort zum politischen Weg unseres Volkes". Es wurde damals nicht vom gesamten Rat der EKD anerkannt und ist auch in der westdeutschen Gesellschaft nicht sehr stark wahr- und angenommen worden.


Karl Barth
 

Hans Joachim Iwand
 

Martin Niemöller

Dennoch hatte es innerkirchlich eine wichtige Funktion, da es gegenüber der Stuttgarter Erklärung deutlich konkreter und politischer wurde. Dabei war die publizierte Fassung bereits eine abgemilderte Version der ersten Entwürfe. Das Darmstädter "Wort zum politischen Weg unseres Volkes" von 1947 steht in der Tradition der Barmer Theologischen Erklärung von 1934. Es wurde von deren Autor, dem reformierten Theologen Karl Barth (1886-1968), und dem lutherischen Theologen Hans Joachim Iwand (1899-1960) verfasst und von Martin Niemöller (1892-1984) sowie weiteren Vertretern in der Bekennenden Kirche (BK) überarbeitet.

Der Bruderrat der EKD, das fortbestehende Leitungsorgan der BK, war in seiner Sitzung am 5. Juli 1947 vom Iwand im Kontext der Irrweg-Diskussion der deutschen Geschichtswissenschaft (F. Meinecke u.a.) aufgefordert worden, das "heiße Eisen des Nationalismus" anzufassen. Er legte schon am folgenden Tag einen ersten Entwurf vor, der von Karl Barth teilweise übernommen und zu einem eigenen Entwurf umgearbeitet wurde. Auch Martin Niemöller bearbeitete die Thesen Hans Joachim Iwands. Eine Gruppe junger Theologen der Bekennenden Kirche überarbeitete noch einmal Barths Entwurf.

In Darmstadt wurden am 8. August die vier Entwürfe zusammengeführt. In den ersten vier Thesen folgte man Iwand, in den letzten drei Barth. Als Irrwege benannte Iwand: Nationalismus, christlich-sozialen Konservatismus und weltanschauliche Frontenbildung. Barth legte einen Schwerpunkt auf die Schuld, die "Sache der Armen und Entrechteten" nicht so zur Sache der Christenheit gemacht zu haben, wie es das Evangelium vorsieht und forderte aus der Schulderkenntnis heraus die Errichtung einer sozialeren, friedlicheren deutschen Gesellschaft.

Obgleich das Darmstädter Wort weitaus selbstkritischer zu einem veränderten Handeln und einer Abkehr von der theologischen Überhöhung des Nationalismus aufforderte, besaß es in der publizierten Version immer noch eine vornehmlich auf die Vergangenheit bezogene Perspektive. Dabei fehlten sogar noch explizite Hinweise auf die Kriegstheologie nicht nur der Deutschen Christen und auf den Holocaust. Mitverfasser Hermann Diem entschärfte auch noch den von Iwand formulierten zeitgenössische Appell, der kritisierte, dass "noch immer nationalistische und politische Parolen, die den Ausgangspunkt für die Katastrophe von 1933 bildeten", gebraucht würden.

Konservativ-lutherische Theologen entrüsteten sich noch über die entschärfte Version. Und der Berliner Bischof Otto Dibelius (1880-1967) sah eine schwere Zumutung darin, "dass wir genau dasjenige als eigene Schuld bekennen sollen, wogegen wir ein Leben lang gekämpft haben." Der Präsident der EKD-Kirchenkanzlei Hans Asmussen (1898-1968) bezeichnete das Wort als "Sozialistenbeschluss" und warnte vor einem "Religionsbolschewismus". Er hatte die fünfte These als pro-marxistisch missverstanden. Auch der EKD-Ratsvorsitzende Theophil Wurm (1868-1953) stand der Verlautbarung ablehnend gegenüber, maßgeblich weil er zuvor nicht konsultiert worden war.

Wirkung entfaltete das Darmstädter Wort hingegen bei der Gründung der "Aktion Sühnezeichen" 1959. Auch zahlreiche Studentengemeinden rezipierten es nach dem Krieg als Gründungsurkunde und trugen seinen Geist in die Studenten- und Friedensbewegung hinein. Bei der Gründung des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR 1969 wurde die Aktualität des Darmstädter Wortes ausdrücklich erwähnt. Bis Ende der 1980er Jahre fand es in linksprotestantischen Kreisen Aufmerksamkeit, es wurde als bleibender Appell für das Leben der Christinnen und Christen in der Welt verstanden. Erst der konservative Geist der 1990er hat den nun 60-jährigen Jubilar zunehmend in Vergessenheit geraten lassen und ihn auch in der kirchenhistorischen Debatte (wieder) zu einem Minderheitendokument erklärt.

Der Wortlaut
Wort zum politischen Weg unseres Volkes

  1. Uns ist das Wort von der Versöhnung der Welt mit Gott in Christus gesagt. Dies Wort sollen wir hören, annehmen, tun und ausrichten. Dies Wort wird nicht gehört, nicht angenommen, nicht getan und nicht ausgerichtet, wenn wir uns nicht freisprechen lassen von unserer gesamten Schuld, von der Schuld der Väter wie von unserer eignen, und wenn wir uns nicht durch Jesus Christus, den guten Hirten, heim rufen lassen auch von allen falschen und bösen Wegen, auf welchen wir als Deutsche in unserem politischen Wollen und Handeln in die Irre gegangen sind.
  2. Wir sind in die Irre gegangen, als wir begannen, den Traum einer besonderen deutschen Sendung zu träumen, als ob am deutschen Wesen die Welt genesen könne. Dadurch haben wir dem schrankenlosen Gebrauch der politischen Macht den Weg bereitet und unsere Nation auf den Thron Gottes gesetzt. – Es war verhängnisvoll, daß wir begannen, unseren Staat nach innen allein auf eine starke Regierung, nach außen allein auf militärische Machtentfaltung zu begründen. Damit haben wir unsere Berufung verleugnet, mit den uns Deutschen verliehenen Gaben mitzuarbeiten im Dienst an den gemeinsamen Aufgaben der Völker.
  3. Wir sind in die Irre gegangen, als wir begannen, eine "christliche Front" aufzurichten gegenüber notwendig gewordenen Neuordnungen im gesellschaftlichen Leben der Menschen. Das Bündnis der Kirche mit den das Alte und Herkömmliche konservierenden Mächten hat sich schwer an uns gerächt. Wir haben die christliche Freiheit verraten, die uns erlaubt und gebietet, Lebensformen abzuändern, wo das Zusammenleben der Menschen solche Wandlung erfordert. Wir haben das Recht zur Revolution verneint, aber die Entwicklung zur absoluten Diktatur geduldet und gutgeheißen.
  4. Wir sind in die Irre gegangen, als wir meinten, eine Front der Guten gegen die Bösen, des Lichts gegen die Finsternis, der Gerechten gegen die Ungerechten im politischen Leben und mit politischen Mitteln bilden zu müssen. Damit haben wir das freie Angebot der Gnade Gottes an alle durch eine politische, soziale und weltanschauliche Frontenbildung verfälscht und die Welt ihrer Selbstrechtfertigung überlassen.
  5. Wir sind in die Irre gegangen, als wir übersahen, dass der ökonomische Materialismus der marxistischen Lehre die Kirche an den Auftrag und die Verheißung der Gemeinde für das Leben und Zusammenleben der Menschen im Diesseits hätte gemahnen müssen. Wir haben es unterlassen, die Sache der Armen und Entrechteten gemäß dem Evangelium von Gottes kommendem Reich zur Sache der Christenheit zu machen.
  6. Indem wir das erkennen und bekennen, wissen wir uns als Gemeinde Jesu Christi freigesprochen zu einem neuen, besseren Dienst zur Ehre Gottes und zum ewigen und zeitlichen Heil der Menschen. Nicht die Parole: Christentum und abendländische Kultur, sondern Umkehr zu Gott und Hinkehr zum Nächsten in der Kraft des Todes und der Auferstehung Jesu Christi ist das, was unserem Volk und inmitten unseres Volkes vor allem uns Christen selbst Not tut.
  7. Wir haben es bezeugt und bezeugen es heute aufs neue: "Durch Jesus Christus widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen." Darum bitten wir inständig: Lasst die Verzweiflung nicht über euch Herr werden, denn Christus ist der Herr. Gebt aller glaubenslosen Gleichgültigkeit den Abschied, lasst euch nicht verführen durch Träume von einer besseren Vergangenheit oder durch Spekulationen um einen kommenden Krieg, sondern werdet euch in dieser Freiheit und in großer Nüchternheit der Verantwortung bewusst, die alle und jeder einzelne von uns für den Aufbau eines besseren deutschen Staatswesens tragen, das dem Recht, der Wohlfahrt und den inneren Frieden und der Versöhnung der Völker dient.

(Quelle: Kirchliches Jahrbuch 1945-1948, Gütersloh 1950, S. 220 ff.)

zum Seitenanfang

Lesen Sie zu diesem Thema auch: