ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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20.5.2019

Geh aus mein Herz und suche Freud...

von Lutz Poetter


Fotos: Lutz Poetter

Liebe Gemeinde,

wenige Kirchenlieder sind so bekannt wie Paul Gerhardts Sommerlied. Es ist ein echtes Volkslied geworden. Der Dichter beschreibt die Schönheit des Sommers, den Reiz der Fauna und Flora mit einprägsamen Worten – seine Worte malen uns die Bäume und Blumen, die singenden Vögel, die Tiere des Waldes, die Bäche und Wiesen, die Schafe und Bienen, die Weizenfelder deutlich vor Augen. Hier dichtet ein begnadeter Naturfreund, der sich an der sommerlichen Idylle ergötzt, unangefochten von Not und Mühsal schwingt sich die Dichterseele zu höchster Poesie auf?

Not und Mühsal kennt Paul Gerhardt nur zu gut. Sein Sommerlied dichtet er in Mittenwalde.

In dieser Stadt südlich von Berlin ist er seit zwei Jahren 1. Pfarrer. Seine Freunde und Förderer aus Berlin haben mitgeholfen, dass der stellungslose Theologe und Poet seine erste Pfarrstelle antreten konnte – mit 44 Jahren ist der Kandidat ein reifer Mann. Vor seiner Kirche in Mittenwalde steht heute die Bronzestatue ihm zu Ehren und zum Gedächtnis. Er hält die Bibel in der Hand, hinter ihm das Kanonenrohr und die Weizenähren.

Wer war Paul Gerhardt – dieser unbeugsame evangelisch-lutherische Theologe, der neben Martin Luther als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Kirchenlieddichter gilt?

Paul wird geboren 12. März 1607 in Sachsen. Sein Vater ist Landwirt und Gastwirt, einer von drei Bürgermeistern der 1000 Einwohnerstadt Henichen in Sachsen. Die Theologie kommt von Mutters Seite: Pauls Großvater Caspar Starke ist Superintendent und schärft seinem Enkel schon als kleinem Jungen ein: "Bleib deiner Überzeugung treu, egal wie viel es dich kostet!"

Sein Bruder Christian ist zwei Jahre älter, als er fünf ist, wird seine Schwester Anna geboren, als er 12 ist seine Schwester Agnes. Paul besucht die Bürgerschule seiner Heimatstadt, er ist fleißig und intelligent. Der Dreißigjährige Krieg zwischen den Kaiserlichen Truppen und dem Schwedischen Heer ist da bereits voll ausgebrochen. Leidtragend ist die Zivilbevölkerung, denn die Soldaten nehmen sich von ihr, was sie brauchen: Geld, Nahrung, Mädchen und Frauen. Sie hinterlassen entsetzliche Verwüstungen, immer abwechselnd die katholischen und die evangelischen Truppen. Henichen leidet schwer durch Hungersnot, Seuchen, Mord und Brandschatzung der Soldaten. Pauls Vater stirbt, als er zwölf ist, als er 14 wird, stirbt auch seine Mutter.

Paul kommt mit 15 Jahren ins Internat nach Grimma. Hier werden die zukünftigen Pfarrer und Beamtensöhne erzogen. Sie lernen die alten Sprachen, Religion, Rhetorik, Philosophie, Musik und Dichtkunst. Nach fünf Jahren besteht er die Prüfung. Mit 20 Jahren ist Paul Gerhardt Theologiestudent an der berühmten Universität Wittenberg, Martin Luthers Universität, nun 100 Jahre später ein Hort der lutherischen Orthodoxie. 1628 steht Paul eine harte Zeit als Student bevor. Nach einem schweren Brand lassen Soldaten die Pest in der Stadt zurück. Paul studiert Theologie, hört Vorlesungen über Dichtkunst. Er lernt, dass die lutherisch geprägte Bibelfrömmigkeit und dichterische Sprache gut zusammen passen.


Fotos: Lutz Poetter

1631 empfängt der schwedische König Gustav Adolf als Heerführer seiner evangelischen Truppen die Studenten Wittenbergs als "Söhne Luthers". Der Krieg geht mit voller Härte weiter. 1636/37 bricht die schwerste Pestepidemie aus, über 5.000 Bewohner sterben, unter ihnen auch Pauls älterer Bruder Christian. Wittenberg ist halb ausgestorben, an der Universität gibt es nur noch 12 Studenten. Was tun, wovon leben? Paul ist 30 Jahre alt, es gibt keine Universität mehr, seine Heimatstadt ist von schwedischen Soldaten völlig verwüstet. Die meisten der umliegenden Dörfer und Städte sind zerstört, Kirchen und Pfarrhäuser ebenso. Anstellung findet Paul als Hauslehrer bei einem Wittenberger Pfarrer, für bloße Unterkunft und Verpflegung, soweit es überhaupt etwas zu essen gibt. Überleben ist alles.

1643 kommt Paul nach Berlin-Cölln. Die Doppelstadt ist durch Pest, Pocken, Ruhr und die Zerstörungen und Brände des Krieges ebenfalls schwer verwüstet. Von ursprünglich 12.000 Einwohnern sind knapp 5.000 am Leben. Paul wird angestellter Hauslehrer bei einem Richter, nebenbei dichtet er: Oden, Texte für Kirchenlieder. Gegen die schweren Verwüstungen möchte er andichten, Mut machen, Hoffnung geben. Als ehrenamtlicher Hilfspfarrer und Seelsorger arbeitet er nebenbei in der Nikolaikirche. Der Kantor und Organist Johann Crüger wird auf den begabten Ex-Studenten aus Sachsen aufmerksam, er verfasst die Melodien zu Pauls Texten und gibt sie in seinem Gesangbuch heraus. Auch der Pfarrer der Nikolaikirche Petrus Vehr wird sein Freund. Sie kümmern sich um Paul. 1650 ziehen die schwedischen Truppen aus Berlin ab. Der Krieg ist nach über 30 Jahren zu Ende.

1651 wird in der Stadt Mittenwalde südlich von Berlin eine Pfarrstelle frei, der alte Pfarrer ist gestorben. Paul fährt zur Probepredigt. Die Stadtverordneten wollen den Kandidaten als 1. Pfarrer haben. Nun erst legt Paul seine theologische Prüfung vor dem Berliner Kirchenamt ab, er wird ordiniert auf die reformatorischen Bekenntnisschriften in der Nikolaikirche.

Wie ergeht es dem Pfarrer Paul Gerhardt auf seiner ersten Pfarrstelle? Mittenwalde ist nach 30 Jahren Krieg schwer zerstört. Von ehemals 1.000 Bauern im Umfeld sind gerade einmal 250 übrig, total verarmt vegetieren sie auf den Ruinen ihrer Höfe.

Fotos: Lutz Poetter

Paul ist auch für die umliegenden Gemeinden zuständig. Es gibt kein Pfarrergehalt in Geld, nur einen Pfarracker oder Pfarrgarten, die Gemeindeglieder sollen für ihren Pfarrer etwas abgeben. Beides gelingt anscheinend nicht. Der Boden gibt wenig her, die Gemeinde ebenso. Der Pfarrer leidet meistens Hunger. Gerne würde er heiraten und eine Familie gründen in seinen späten Jahren, aber es reicht kaum für ihn.

Den Kontakt nach Berlin und zur Nikolaikirche hält der Pfarrer aufrecht, auch zur Familie des Richters Berthold. Dessen Tochter Anna Maria wird 1655 seine Pfarrfrau. Sie heiraten in der Nikolaikirche in Berlin. Der Bräutigam ist 47 Jahre alt, seine Braut 32. Das junge Glück wird getrübt. Der Alltag in Mittenwalde bleibt ärmlich. Die Abgaben der Bauern sind spärlich, Geld gibt es kaum. Das Ehepaar erhält Zuwachs – und erfährt neues Leid: Maria, die Erstgeborene wird nur ein halbes Jahr alt. Die zweite Tochter Anna stirbt mit 14 Monaten, der erste Sohn Andreas Christian kurz nach seiner Geburt, ebenso wie Andreas, der nächste Sohn. Einzig das fünfte Kind der Familie Gerhardt wird überleben: Paul Friedrich. In Mittenwalde liegen etliche Kindergräber der Pfarrersfamilie.

Im festen Glauben nimmt der Vater auch das Leid aus Gottes Hand. Pfarrer Gerhardt gewinnt die Herzen und Seelen seiner Gemeindeglieder: Seine Predigten und Lieder sind einfühlsam und anschaulich, er kümmert sich als Pfarrer und Seelsorger vorbildlich um seine Gemeinde. Neben Anerkennung erfährt er auch Neid und Missgunst – ein Pfarrkollege aus der Umgebung hat sich selber Hoffnung auf die Stelle gemacht.

Paul Gerhardt bleibt fast sechs Jahre lang Pfarrer und Probst in Mittenwalde. Als er von seiner Wahl zum Pfarrer in Berlin an der Nikolaikirche erfährt, erbittet er sich Bedenkzeit. Schweren Herzens verlässt er Mittenwalde und seine Gemeinde, die ihm ans Herz gewachsen ist.

Pfarrer Lutz Poetter