ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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20.1.2018

"Vivos voco. Mortuos plango. Fulgura frango."
Vor 85 Jahren erhielt die Petruskirche ihr Geläut

von Torsten Lüdtke

"Die Lebenden ruf ich, die Toten beklag ich, dem Wetter trotz ich." Dieser Satz, die deutsche Übersetzung des lateinischen Zitats in der Überschrift, ist das Motto zu Schillers "Lied von der Glocke". Mit diesen wenigen Worte läßt sich die Bedeutung und das Schicksal jeder Glocke, auch derer, die in der Petruskirche hängen, beschreiben, denn vor 85 Jahren, am Himmelfahrtstag des Jahres 1922 riefen vom Turm der Petruskirche zum erstenmal die Glocken, die auch heute noch die Gemeinde zum Gottesdienst rufen, die Lebenden zum Gebet.

Vivos voco – Die Petruskirche erhält Bronzeglocken

Als 1897die Petruskirche geplant wurde, war klar, daß die neue Kirche ein Geläut aus Bronzeglocken erhalten soll. Dennoch wurde lange überlegt, welche auf welche Töne die gestimmt sein sollten. Verschiedenste Überlegungen wurden angestellt und wieder verworfen. Als man den Grundstein zur Petruskirche legte, hatte man sich geeinigt, daß die Glocken auf E, G und A gestimmt sein sollten. Bei der Einweihung im Dezember 1898 erklang das in Apolda gegossene und insgesamt rund 1500 Kilogramm schwere Geläut der Petruskirche zum ersten Male. Während der Einweihungsfeierlichkeiten wurde der Glocken besonders gedacht; sie sollten die Zeiten überdauern und noch Menschenalter später die Bürger von Lichterfelde ihre eherne Stimme hören lassen. Doch nur knapp zwanzig Jahre später sollte alles anders sein...

Mortuos plango – Die Abgabe der Bronzeglocken im Jahr 1917

Vor neunzig Jahren, an der Wende des Jahres 1916 auf 1917 hatten die Schlachten des I. Weltkrieges bereits Millionen von Opfern gefordert und in Deutschland, Frankreich und England litt die Bevölkerung vielerorts Hunger. Im Deutschen Reich wurden zudem die Rohstoffe knapp, vor allem Buntmetalle wie Kupfer, Blei, Zink und Zinn, aber auch Metallegierungen wie Bronze und Messing fehlten, und so wurde die Abgabe aller nicht historisch bedeutsamen Kirchenglocken aus Bronze verfügt. Auch die beiden großen Glocken der Petruskirche mußten abgegeben werden, um sie für Rüstungszwecke einzuschmelzen; am Abend des 28. Juni 1917 fand ein feierlicher Gottesdienst in der übervollen Kirche statt, bei dem von den Glocken Abschied genommen werden sollte. Die Inschriften der Glocken "Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet" verband Pfarrer Muhs in seiner Predigt mit der schweren Kriegszeit. Nach dem Gottesdienst läuteten die Glocken nochmals längere Zeit zum Abschied, denn bereits am nächsten Morgen zerschlugen Arbeiter mit schweren Hämmern die Glocken noch im Turm. Für die Gemeinde wird jeder tönende Schlag der Hämmer ein schwerer und schmerzender Schlag gewesen sein. Lediglich die kleinste Glocke der drei Glocken blieb der Gemeinde.

Fulgura frango – Die Gußstahlglocken überdauern die Zeit

Fünf Jahre später, kurz nach Beginn des Jahres 1922, wurde auf der ersten Gemeindeversammlung beschlossen, daß die Petruskirche ein neues Geläut erhalten solle. Bis dahin hatte man längere Zeit mit der Neuanschaffung gezögert, und die Pläne, neue Glocken anzuschaffen, waren immer wieder zurückgestellt worden, da die Entschädigung, die für die abgelieferten Bronzeglocken gezahlt wurde, wohl nicht für den Kauf eines neuen Geläutes gereicht hätte. In der Sitzung konnte Rektor Rogatz durch eine Rede nicht nur die Vertreter der Gemeindeversammlung gewinnen, sondern auch die kirchlichen Vertretungen konnten gewonnen werden: So konnten drei Gußstahlglocken bei der Glockengießerei Schilling in Apolda bestellt werden. Zur Bezahlung des Kaufpreises wurde auch der Erlös der im Turm verbliebenen Bronzeglocke verwandt. Für die neuen Glocken hatte Pfarrer Muhs Inschriften gewählt, die Bezug auf den Krieg und seine Opfer nehmen sollten: So erhielt die größte der drei Glocken, die Inschrift: "Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben"(Off. Joh. 2,10), weil sie auch den Gefallenen des Krieges gewidmet sein sollte. Die beiden anderen Glocken bekamen Inschriften, die wohl auch als Spiegel der damaligen Situation gesehen werden müssen: "Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um" (2. Kor. 4,9) und "Dem Gerechten muß das Licht immer wieder aufgehen" (Ps. 97, 11).

Am Himmelfahrtstag 1922 wurden die von außen durch ein vergrößertes Fenster in den Turm hinaufgezogenen Stahlglocken feierlich und unter reger Anteilnahme der Gemeinde geweiht. In seiner Weiherede verband Pfarrer Muhs die Inschriften der Glocken mit Gedanken zum Himmelfahrtstag; dann segnete er die Glocken, die daraufhin zu läuten begannen. Wiederum rund zwanzig Jahre begleitete das Geläut der Glocken das Leben der Petrusgemeinde; zwanzig Jahre, in denen viel geschah: Inflation und Weltwirtschaftskrise, Machtübernahme und Kriegsbeginn. So wurden während des Krieges in Deutschland wieder Bronzeglocken gesammelt und eingeschmolzen; die Stahlglocken der Petruskirche sind als Rohstoff uninteressant und so bleiben sie auch im Turm als 1942 in Lichterfelde die ersten Bomben fallen. Bei Kriegsende sind die Dächer der Kirche abgedeckt; die Glocken können nicht mehr geläutet werden. Erst einige Jahre später gelang es Mitgliedern der jungen Gemeinde, die Glocken zunächst nur mit den Klöppel wieder zum Klingen zu bringen. Die Glockenseile fehlten und die Glocken ließen sich nicht wie üblich läuten.

1955 wird die Petruskirche instandgesetzt und erneut eingeweiht. Zu feierlichen Wiedereinweihung läuteten die Glocken, die nun durch eine elektrische Läuteanlage angetrieben werden. Seitdem lädt das Geläut an jedem Sonntag und zu allen Feiertagen zum Gottesdienst.

Torsten Lüdtke