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26.6.2017

Gedanken zum 8. Mai 2007

von Klaus Leutner

Liebe Leser,

Vor etwa drei Wochen besuchte ich das Staatliche Archiv in der polnischen Stadt Lodz, eine Stadt, in der vor 1939 drei gleichberechtigte Kulturen existierten. Die polnische, die jüdische und die deutsche. Ich suchte nach jüdischen Spuren. Ich suchte nach Pesa Górnicka. Im Ghetto LitzmannstadtHausbuch "Hohensteiner Straße Nummer 38" fand ich einen Eintrag über Pesa Górnicka und die Familie Danziger.

Dieses junge Mädchen Pesa – auch Pola genannt – wurde in Zgierz/Polen geboren. Es wurde von Deutschen in eben diesem Ghetto Litzmannstadt zwangskaserniert, denn schließlich hatte ja schon Herr von Treitschke, ein echter Deutscher, festgestellt: "Die Juden sind unser Unglück !" Die polnische Stadt Lodz, Heimstatt dreier Kulturen bekam also den Namen eines deutschen Generals, auf dass alle Welt sofort wissen sollte, Lodz ist nicht mehr polnisch, nein es soll für alle Ewigkeit Deutsch sein und bleiben !

Pola Hinenberg, wie sie seit ihrer Heirat heißt, hatte mir eine scheinbar ganz einfache Geschichte erzählt. Die Tragik dieser "einfachen" Geschichte erfasste ich sofort.

Sie musste sich im Ghetto Litzmannstadt mit der dreiköpfigen Familie Danziger ein Zimmer unter erbärmlichsten Umständen teilen. Am 23. Mai 1942 wurde das Mädchen Frommet Danziger geboren. Als es von den Deutschen 1944 hieß, es stünde eine Aussiedlung an – in den Tod, aber das wusste damals niemand der GhettoInsassen so genau – bot die damals 18jährige Pesa der jungen Mutter ihre Hilfe an. Sie wollte sich während der Deportation um das kleine Mädchen kümmern. Laja, die Mutter von Frommet lehnte dieses freundliche Hilfsangebot ab. Die Fahrt zur "Aussiedlung" endete im Konzentrationslager Auschwitz. Pola hatte nicht das Mädchen an der Hand, als sich die Ahnungslosen zur Selektion vor den Deutschen anstellen mussten.

Deutsche waren es, die damals Laja Danziger mit ihrem Kind in Auschwitz ermordet haben.

Pola Hinenberg geb. Górnicka, lebt und wird am 8. Mai 2007 unter uns Lebenden an der "Säule der Gefangenen" weilen. Ihre Gedanken werden sicher auch zu der damals jungen Mutter gehen, die mit ihrem Kind ins Gas, in den Tod gehen musste.

Die Spur von Frommet und ihrer Mutter Laja Danziger ist ausgelöscht, aber die Dokumente darüber kann man sich im Archiv in Lodz zeigen lassen. Ich habe diese Dokumente mit eigenen Augen gesehen und ich denke seitdem auch an Laja Danziger mit ihrem Kind Frommet.

Foto: Reiner Kolodziej
Ehemaliger KZ-Häftling bei bei der Einweihung des Mahnmals. Foto: Reiner Kolodziej

Ein Sprichwort sagt, solange wir uns der Toten erinnern, leben sie. Erst mit dem Vergessen, kommt ihr endgültiger Tod.

Die ewig Gestrigen und damit die geistigen und tatsächlichen Mörder von Gestern möchten das, was damals auch an Laja Danziger und ihrem Kind geschah und uns wie ein Menetekel vor einer Wiederholung warnt, vergessen machen. Damit sind ihre damaligen Opfer dann endgültig tot und die Geschichte könnte von Neuem beginnen. Wollen wir das?

Die Neonazis regen sich in unserem Land, wittern die Morgenluft eines vierten Reiches.

Nicht wegschauen, nicht tatenlos zusehen, das ist die Aufgabe aller demokratisch gesinnten deutschen Menschen in dieser Zeit, überall, auch in Berlin – Steglitz / Zehlendorf. Wir sollten den letzten noch lebenden Opfern eines so furchtbaren, mörderischen Regimes, wie es in der Menschheitsgeschichte noch nicht da war, die feste Zuversicht vermitteln, dass wir ein besseres Deutschland wollen.

Die "Initiative KZAußenlager Lichterfelde" lädt Sie deshalb am 8. Mai 2007 um 10 Uhr in die Wismarer Straße ein, um mit den letzten noch lebenden Opfern Hitlerdeutschlands an der "Säule der Gefangenen" der Toten zu gedenken und unser aller Befreiung vom Nazismus zu feiern.

Als diesjährige ausländische Redner werden der niederländische Botschafter, S.E. Peter Paul van Wulfften Palthe und der Bürgermeister der polnischen Stadt Slonsk, ehemals Sonnenburg, Herr Janusz Krzyskow (in dieser Stadt hatte ein SSKommando ca. 800 so genannte "Nacht und Nebel Gefangene" zwei Tage vor dem Einmarsch der Roten Armee ermordet) zu uns sprechen. Frau Claudia Roth, Bundesvorsitzende Bündnis90/Die Grünen wird ebenfalls das Wort an die Anwesenden richten.

Zeigen wir die Flagge unserer Demokratie.

Klaus Leutner

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