ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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20.1.2019

Der Gottseibeiuns
Nachforschungen über den göttlichen Widersacher

von Lutz Poetter

Es gehört zum Bekenntnis des Christentums: Der eine Gott offenbart sich uns in drei Personen. Wir glauben an Gott als den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Nicht im Glaubensbekenntnis erwähnt ist der große Gegenspieler Gottes. Dabei begegnet er uns häufig – in der Bibel und auch außerhalb.

Die Schlange im Paradies

Fangen wir mal vorne an: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Darin rief ER Pflanzen, Tiere ins Leben, schließlich auch das erste Menschenpaar. Im Garten Eden fand dieses Leben in paradiesischer Unschuld statt – bis die Schlange zum Vorschein kam. Sie war listiger als alle anderen Tiere, die Gott der Herr gemacht hatte. Sie wusste, wie man geschickte Fragen stellt, sie beherrschte den Konjunktiv: "Sollte Gott etwa gesagt haben, dass ihr nichts essen dürft von den Bäumen des Gartens?" So machte die gerissene Schlange der einfältigen Eva die Frucht der Klugheit erst schmackhaft und führte abrupt das Ende der Unschuld herbei. Ein Biss in die verbotene Frucht, Adam und Eva erkannten sich selbst als nackt und bloß – und schon flogen sie unwiderruflich raus aus dem Paradies. Vorbei war es bald auch mit der Unsterblichkeit. Gott verfluchte die Schlange wegen dieses intelligenten Frevels. Sie musste fortan auf dem Bauch durch den Staub kriechen. Auch die Menschenkinder sollten in Zukunft die Härten des Erdenlebens ertragen: Arbeit und Schmerz. Die Feindschaft zwischen Mensch und Schlange hat in dieser Vorzeit ihren Ursprung: Sie beißt uns in die Ferse, während wir ihr möglichst den Kopf zertreten.

Das listige Böse tritt in der Schöpfungsgeschichte als Winzling auf: Das paradiesische Exemplar hatte anscheinend den zierlichen Wuchs einer Natter, Otter oder Viper. Keinesfalls also das Furcht einflößende Format einer ausgewachsenen Boa Konstriktor. Wenig erinnert bei dieser schlängelnden Übeltäterin im 1. Buch Mose an ihr mächtiges Vorbild: Die mythische Urschlange als matriarchale Chaosmacht, die aus dem Welten-Ei schlüpft und den Kosmos begründet. Alle patriarchalen Helden mussten den Kampf mit dieser Schlange bestehen. Ob Flügelschlange, Drache oder Lindwurm – die ritterlichen Herkulesse, Siegfriede oder St. George aller Kulturen erfüllten erst dann ihre Bestimmung, wenn sie ein derartiges Monstrum niedergerungen und erlegt hatten: Mit dem blanken Schwert in der Hand in der Drachenhöhle oder hoch zu Ross mit der Lanze auf der Walstatt. Wo ist die Paradiesschlange eigentlich geblieben? Von ihrem Rauswurf wird nichts berichtet, womöglich ist sie einfach dageblieben im Garten Eden.

Die Menschenkinder kamen anscheinend auch ohne sie ganz gut aus: Ganz alleine brachte Kain seinen Bruder Abel um. Das Menschengeschlecht selbst hatte genug Böses in sich und ärgerte seinen Schöpfer mächtig: "Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde…, denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe." Einzig Noah fand Gnade vor Gott, er durfte mit seiner Familie in der Arche überleben, als die Sintflut kam. Danach sollte es einen Neuanfang geben, aber spätestens beim Turmbau zu Babel trat das menschliche Böse mächtig in Erscheinung: Die teuflische Rebellion gegen Gott steckte den Erdenbürgern im Fleisch und im Blut.

Satanas

Im Buch Hiob tritt der Widersacher als gelehrter Kritiker im himmlischen Hofstaat auf. Erstaunt lesen wir von der gesitteten Unterhaltung zwischen Gott und dem Satan: "Hast du acht gehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn es ist seinesgleichen nicht auf Erden, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse." Der himmlische Bösewicht hatte aber auch am braven Hiob etwas auszusetzen: Dass er reich war und glücklich, dass also seine Gottesfurcht fürstlich belohnt wurde. Satan bot Gott eine Wette an: "Lass ihn doch mal arm werden! Ohne seinen Besitz wird er dir ins Angesicht absagen." Und so nahm Hiobs schweres Schicksal seinen Lauf: Er verlor alles, was er besaß, zuletzt noch seine Gesundheit. Er wurde zur menschlichen Jammergestalt. Seine Freunde redeten hilflos auf ihn ein. Selbst seine Frau riet ihm am Ende: "Verfluche Gott und stirb!" Aber der Böse verlor seine Wette: Hiob blieb Gott treu ergeben, wie das Gute, so nahm er nun auch das Leid dankbar aus Gottes Hand. Und dafür wurde er belohnt nach aller Qual.

Diabolos

Gebildet und feinsinnig wie Goethes Mephistopheles gab sich auch der Versucher Jesu in der Wüste. Die beiden duellierten sich mit Bibelzitaten. Es ging um sättigendes Brot und das Leben spendende Gotteswort, um eine umfassende messianische Schutzverheißung und die unzulässige Versuchung Gottes – schließlich um die Herrschaft über die ganze Welt. Jesus von Nazareth kannte allerdings immer die besseren Bibelzitate und so musste der Teufel erfolglos abziehen. Der Versucher kehrte allerdings wieder, sogar in Gestalt des Felsenjüngers Petrus. Als der Jesus unbedingt von der Passion abbringen wollte, bedrohte Jesus ihn: "Aus dir sprich die Stimme Satans, nicht der Wille Gottes!"

Beelzebub

Im Neuen Testament begegnet uns der Leibhaftige auch als der Oberste der Dämonen. Jesus wurde beschuldigt, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, also alles nur noch zu verschlimmern. Klar steckte eine böswillige Gemeinheit dahinter: Jesus und seine Anhänger machten angeblich mit dem Widergöttlichen gemeinsame Sache. Aber auch die Christen waren nicht wählerisch mit ihren Anwürfen: Im Johannesevangelium werden die Juden pauschal als Söhne des Teufels abgekanzelt. Beelzebub? Manch einen Teufel erhält man dadurch, dass man einfach den verteufelt, der anderen heilig ist. Baal Zebul war der Fruchtbarkeitsgott der Kanaaniter, also der Ureinwohner in Israel. Seine göttliche Gemahlin hieß Aschera, er selbst thronte auf einem mächtigen Stier, der so zum Symbol des unsichtbaren Gottes wurde. Beim Tanz um das Goldene Kalb ging es also immer rund herum um ein Abbild des Gottes Baal, während Moses auf Jahwes Gottesberg die Gebote empfing. Jahwe und Baal vertrugen sich nicht, also wurde der kanaanitische Konkurrent zum Teufelsgesellen degradiert. Noch immer aber klingt durch die Verballhornung Beelzebub – "Herr der Fliegen" – der Ehrenname der Leben spendenden Gottheit Baal Zebul hindurch.

Der Geschwänzte

Apropos Horn: Trug der Teufel in unserer Vorstellung nicht irgendwie Hörner auf der Stirn, dazu einen langen Schwanz und Hufe an den Beinen? Die Ähnlichkeit ist geradezu frappierend: Genauso wurde der griechische Bocksgott Pan beschrieben, ein heimtückischer Verführer, immer zu höllischen Späßen aufgelegt, ein großer Genießer ekstatischer Tänze, exzessiven Weinrausches und der Wollust schöner Nymphen und Hirtenmädchen…

Der Lichtbringer

Dann wäre da noch Luzifer, der Lichtbringer. Antike Spekulationen ranken sich um einen angeblichen himmlischen Aufstand und den höllischen Absturz der beteiligten Rebellen. Luzifer soll als Anführer der Rebellion dabei gewesen sein. Man erkennt ihn als gefallenen Stern am Abendhimmel. Ein Licht geht uns allerdings erst dann auf, wenn wir den klassischen griechischen Lichtbringer vor Augen führen – den Helden Prometheus. Der stahl einst den Göttern das himmlische Feuer und brachte es zu den Menschen. Er galt als der Erfinder der Wissenschaft auf Erden und war eng befreundet mit Hephaistos, dem Gott des Feuers und der Schmiede im heißen Erdinnern. Prometheus musste seinen Frevel bitter büßen: Er wurde auf göttlichen Befehl lebenslänglich an einen Felsen geschmiedet. Einzige Abwechslung war der tägliche Besuch eines Adlers, der ihm die Leber zerfleischte. Erst der ruhmreiche Held Herakles befreite den Prometheus aus dieser misslichen Lage.

Der Pakt mit dem Teufel

Im Mittelalter konnte man dem Teufel praktisch an jeder Straßenecke begegnen. Nicht bloß Dr. Faustus hatte einen Pakt mit ihm geschlossen und ihm für die Erkenntnis seine Seele verkauft. Kritische Geister, Ketzer und Hexen – sie standen praktisch alle mit dem Teufel im Bunde. Das konnte sich die heilige Kirche natürlich nicht bieten lassen. Die Satansanbeter und Teufelsdienerinnen galt es zu entdecken, ihnen den Prozess zu machen und sie auszumerzen. Man musste sie zur Wahrheitsfindung nur ordentlich foltern, dann gaben sie irgendwann alles zu und lieferten umfangreiche Geständnisse ab: Wie sie mit dem Teufel auf dem Besen geritten, mit ihm getanzt und kopuliert hatten. Um wenigstens ihre arme Seele zu retten, kamen sie dann ins reinigende Feuer auf einen großen Scheiterhaufen. Noch in der Neuzeit waren in manchen Hansestädten die netten Nachbarn eifrige Zeugen von geheimen Teufelspakten und nächtlichen Hexensabbaten. Im Weserbergland haben sich so in einigen Städten durch gegenseitiges Anschwärzen ganze Straßenzüge entvölkert – lange nach der Reformation.

Der Leibhaftige in Rom und auf der Wolfsschanze

Unser großer Reformator Martin Luther war immer auf der Hut vor dem Teufel. Er hatte allerdings keine Angst vor ihm, wusste er doch: Ein Wörtlein kann ihn fällen. Einmal sah er ihn wohl leibhaftig auf der Dachrinne sitzen, ein anders Mal störte dieser ihn derartig beim Bibelübersetzen auf der Wartburg, dass er sein Tintenfass nach ihm schleuderte. Der Tintenfleck an der Wand seines Studierzimmers kann heute noch besichtigt werden und wird zu Beginn jeder Touristensaison aufgefrischt… Luther wusste also genau, wie der Teufel aussieht. Er hatte nämlich die Gestalt des Papstes Leo, der im übrigen auch den Antichristen verkörperte, ebenfalls ein schlimmer Geselle.

Glaubt man Norman Mailer, dann lassen sich auch die Gräueltaten der Nazis – Eroberungskriege, Massenvernichtung und Völkermord – nur durch direkten satanischen Einfluss erklären. In Mailers Hitler-Biografie tritt der Teufel höchstpersönlich immer wieder in Erscheinung. Bereits der kleine Adolf soll einen Pakt mit dem Höllenfürsten abgeschlossen haben. Den Führer hatte der dann völlig im Griff.

Sympathy for the Devil

In jüngster Vergangenheit treibt der Teufel vor allem unter Musikern sein Unwesen. Er kann bekanntlich verteufelt gut Geige spielen. Er beherrscht aber auch den Blues auf der Gitarre. Den musste der geniale schwarze Bluesmusiker Robert Johnson von ihm gelernt haben, an einer Straßenkreuzung kam der Deal zustande: "Ich zeige dir, wie man teuflisch gute Gitarrenriffs spielt und du gibst mir dafür deine Seele." Robert spielte und sang in Kneipen. Er war so gut, dass er sogar in der weißen New Yorker Carnegie-Hall auftreten sollte. Auch bei Frauen hatte der blendend aussehende Robert fortan beste Chancen, wahrscheinlich wollten sie ebenfalls ein paar Griffe von ihm lernen. Einem eifersüchtigen Kneipenwirt in Mississippi gefiel das nicht. Er schüttete ihm Gift in den Whisky. Der Teufelsgitarrist sollte statt nach New York besser umgehend zur Hölle fahren. Geschieht ihm ganz recht, wenn das Gift ihn mit 27 umbringt, was lässt der sich auch mit dem Teufel ein und spielt so gut Gitarre?

Manch anderen wiederum gefiel es nicht, dass dem Teufel so viele rein menschliche Missetaten angehängt wurden. Die Rockband "Rolling Stones" bemühte sich um diabolische Ehrenrettung und komponierte das Lied "Sympathy for the Devil". Die Stones in trauter Gemeinsamkeit mit den Satanisten? Und hatten nicht schon die Beatles auf einem Plattencover einen Teufelsanbeter gezeigt? Von der Band "The Eagles" mit ihrem dämonischen Hotel California mal ganz zu schweigen… Solcher Höllenlärm brachte bei den kulturellen Ordnungshütern sofort die gesamte Rockmusikzunft in Verruf. "Gebt es doch zu, in euren eh schon subversiven Gesängen, die jede Moral untergraben habt ihr auch noch subliminale Teufelsbotschaften versteckt, die man allerdings nur rückwärts hören kann." Tausende haben sämtliche Lieder nächtelang nach diesen verborgenen Botschaften abgehört – vorwärts und rückwärts. Irgendwann glaubten alle eine geheime Nachricht gehört zu haben, leider fand jeder eine andere. Der Teufel steckt eben im Detail. Und manchmal versteckt er sich da so gut, dass man ihn überhaupt nicht mehr finden kann.

Lutz Poetter

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