ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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18.7.2019

Zum Monatsspruch im März

von Lutz Poetter

Liebe Gemeinde,
Paulus schrieb diesen Satz in seinem ausführlichen Brief an die Gemeinde in Rom. Er wollte seinen Besuch ankündigen und seine Glaubensüberzeugungen vermitteln. Die Leiden seiner Zeit wogen tatsächlich schwer, sie lasteten mit ihrer ganzen Wucht auf dem herumreisenden Apostel.

Christsein in Bedrängnis

Als jüdischer Gelehrter hätte er ein ruhiges Leben führen können, als Prediger des Evangeliums in Syrien, Kleinasien und Griechenland litt er als Diener Christi wie sein Herr: Immer wieder verleumdet, verhaftet, ausgepeitscht als Irrlehrer und Unruhestifter, gesteinigt, dreimal schiffbrüchig, ständig in Gefahr durch Gegner, Räuber und Naturkatastrophen, dazu in Sorge um das Wohlergehen der von ihm gegründeten Gemeinden … So war er dem Tod oft näher als dem Leben.

Als Gefangener kam Paulus schließlich auf einem Sträflingsschiff nach Italien, in Rom erwarten ihn Aburteilung und Hinrichtung. Das Christentum galt den etablierten Religiösen als krasse Gottlosigkeit und der römischen Ordnungsmacht als aufrührerischer Widerstand gegen den Kaiserkult. Paulus hatte den leidenden Herrn Jesus vor Augen: In seiner Nachfolge trug auch er als sein Diener Wunden davon, aber er würde mit ihm auferstehen zur ewigen Herrlichkeit. Diese erkannte Paulus in der Freiheit der Kinder Gottes, zu der die Menschheit in Jesus Christus erwählt und berufen ist. Für diese herrliche Freiheit war ihm kein Weg zu weit und keine Verfolgung zu hart. Es lohnte sich für ihn, denn die zukünftige Herrlichkeit würde alle Leiden weit überwiegen.

Christsein wird staatstragend

Einige Generationen später hatte sich die Situation völlig gewandelt. Aus der geächteten Botschaft einer christlichen Minderheit war eine akzeptierte Weltanschauung geworden. Kaiser Konstantin machte das Christentum zur römischen Staatsreligion. Die Kirche entwickelte sich mächtig. Als das antike Römische Reich endgültig zerfiel, erbten die Staatsfeinde von einst die Macht mit allen ihren Insignien. Der Papst zog in den Kaiserpalast ein, das Reich geriet durch den Kaiser in die Hände der Geistlichen. Die Balance verlagerte sich immer weiter zu Gunsten der Kirche. Als die kaiserliche Macht auf die Königsgeschlechter nördlich der Alpen überging, hatte der römische Papst seine Hände im Spiel. Im Hochmittelalter war der Kaiser der Lehnsmann des Papstes in Rom, während der Kreuzzüge erreichte die katholische Kirche den Gipfel ihrer geistlichen und weltlichen Macht. Konradin, der letzte Stauferkaiser, wurde auf Geheiß des Papstes hingerichtet. Berauscht von ihrer eigenen Herrlichkeit im Diesseits verlor die Kirche allerdings ihre Freiheit und ihre Seele – und machte auch ihre Kirchenuntertanen zu Sklaven an Leib und Seele. Die herrliche Freiheit der Kinder Gottes verkümmerte unter einem machthungrigen Kirchenregiment mit seinem abgefeimten Bußritual.

Christsein als Reformation

Die Reformation förderte den Aufstand der Machtlosen gegen den Machtmissbrauch im Namen Christi. Es herrschte Weltuntergangsstimmung im christlichen Abendland: So konnte es nicht weitergehen, so gab es keine Zukunft, kein Heil – nirgendwo. Martin Luther wurde zum Wortführer der Aufbegehrenden. Er sah die Kirche gefangen in ihrer weltlichen Machtgier wie die Israeliten einst in Babylon. Aus dieser babylonischen Gefangenschaft musste die Kirche befreit werden – durch das Evangelium zur herrlichen Freiheit der Christenmenschen. Damit brachte Luther Papst und Kaiser gegen sich auf. Ihnen drohte akuter Machtverlust. Mit Unterstützung der deutschen Landesfürsten entstanden evangelische Landeskirchen der Reformation als Gegenentwurf zur allein selig machenden Reichskirche Roms.

Christsein in der Neuzeit

Die gewonnene Freiheit der Neuzeit ließ sich nicht mehr aufhalten. Zwar suchten auch die Kirchen der Reformation das Bündnis mit den fürstlichen Machthabern und nahmen teil an der Herrschaft über die Untertanen. Aber der Freiheitsdrang kam mächtig voran, auch gegen die fürstliche und kirchliche Obrigkeit. Die Werte der Aufklärung, Wissenschaft und Technik, Vernunft und Produktion bildeten die bürgerliche Gesellschaft heraus. Religion wurde eine private Ansichtssache, jeder sollte nach seiner eigenen Facon selig werden. Die weltliche Obrigkeit wurde prinzipiell tolerant in Glaubensfragen. Dies schuf Freiheit auch gegenüber der Kirche. Nach der Trennung von Kirche und Staat hatte die Kirche eigentlich keinen bestimmenden Einfluss mehr auf die gesellschaftlichen Prozesse. Dennoch blieb die Mehrheit der Bürger christlich oder zumindest christlich geprägt. Man gehörte selbstverständlich zu einer der christlichen Konfessionen.

Christsein im Pluralismus

Nach dem 2. Weltkrieg nahm der Prozess der Säkularisierung mit rasanter Geschwindigkeit zu. In unserer pluralistischen Gesellschaft ist Religion reine Privatsache. Kirche, Gemeinde und Christentum sind in unserer Stadt inzwischen Anliegen einer Minderheit. Technik und Wissenschaft, Wirtschaft und Produktion, Kapital und Börsen, Medien und Netze – das sind die bestimmenden Faktoren unseres gesellschaftlichen Lebens. Die Kirche ist eine Stimme unter vielen, bestimmt nicht die lauteste. Und es ist wirklich nicht selbstverständlich, dazu zu gehören, geschweige denn sich einem religiösen Reglement zu unterwerfen. Freiwilligkeit ist ein Grundmotiv unserer evangelischen Volkskirche. Klassischer Satz eines typischen freien Christenmenschen in Lichterfelde zur Begrüßung: "Wissen Se, Herr Pfarrer, ick finde unse Kirche jut und ick gloobe och an Jott. Aba ick bin keener von denen, die jeden Sonntach inne Kirche rennen. Ehrlich jesacht: Det is mir nüscht, det hab ick nich nötig. Vastehn Se mir nich falsch, und nu komm Se erstma rin!" Ich habe begriffen, wie viel Wertschätzung unserer Gemeindearbeit in diesem Bekenntnis steckt und ich habe gelernt: Kein Mensch muss müssen. Auch das ist Freiheit, echte evangelische Freiheit.

Christsein in Freiheit

Inzwischen ist uns in der evangelischen Kirche eins klargeworden: Wir steuern den Prozess nicht mehr, wir sind nicht federführend. Wir nehmen eher engagiert teil. Die Menschen sind frei von der ideologischen Herrschaft der Kirche. Diese Freiheit macht auch die Kirche frei. Das aktuelle Zukunftspapier der Evangelischen Kirche in Deutschland trägt diese Erkenntnis im Titel: Kirche der Freiheit. In dieser Freiheit werden wir offen für die Menschen, die zu uns kommen und von uns einen Dienst erwarten. Als evangelische Gemeinde in Lichterfelde sind wir im besten Sinne des Wortes Dienstleisterin. Das Evangelium muss konkret und nützlich werden für die Menschen in unserer Region. Wir achten auf Qualität in unserer Arbeit und bleiben ehrlich. Wir kennen unseren Auftrag und schätzen unsere Gemeindeglieder. Wir sind nicht das Maß aller Dinge, aber was wir sind, das erfüllt uns mit innerer Freude: Botschafter der Freiheit. Genau dies ist unser Kerngeschäft, was immer wir auch tun: Es ist nur dann wahr und gut, wenn es der Freiheit von uns Christenmenschen dient. In dieser verbindlichen Freiheit bin ich gerne und von ganzem Herzen evangelischer Pfarrer in Lichterfelde.

Lutz Poetter