Jüdische Gemeinde in Lviv (Lemberg)
Bericht einer ASF-Freiwilligen
von Katharina (Rita) Braisch
Am 10. September 2006 wurden in der Petruskirche vier Freiwillige der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste zu ihrem Auslandsdienst verabschieden. Im Folgenden ein Bericht von Katharina (Rita) Braisch aus ihrem Projekt in Lviv:
Ich arbeite in einem jüdischen Gemeindezentrum namens "Chessed Arieh", gelegen in der ukrainischen Stadt Lviv (Lemberg).
Lviv ist eine Stadt mit knapp 1 Millionen Einwohnern, wobei die meisten in den Randgebieten in Blocks wohnen. So kommt man in der Altstadt überall auch gut zu Fuß hin – besonders wichtig, wenn die Straßenbahnen mal wieder nicht funktionieren oder das Zentrum verstopft ist. Das Chessed liegt vom Stadtkern ca. 20 Minuten entfernt.
Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es zahlreiche Synagogen, heute nur noch eine. An den verschiedenen geschichtlich-jüdischen Orten der Stadt (die Ruinen der alten Synagoge "Goldene Royz", ein Kulturzentrum im ehemaligen Lemberger Ghetto) haben sich kleine jüdische Gruppen mit einer Hand voll Menschen gebildet, die (wie ich es empfunden habe) nichts miteinander zu tun haben (wollen?).
In Geschäften und auf der Strasse wird hauptsächlich Ukrainisch gesprochen, doch Russisch überall (wenn auch manchmal ungern) verstanden. Im Chessed (und allgemein unter Juden) wird aber ausschließlich Russisch gesprochen.
Es gibt viele Märkte und kleine Läden (mit den wichtigsten Lebensmitteln...), die auf die ganze Stadt verstreut sind – generell ist auch sonntags geöffnet. Ebenso ist ein breites kulturelles Programm gegeben: Oper, Kino, mehrere Theater und Museen...
Schwerpunkte meiner Arbeit
Die Zielgruppen sind hauptsächlich alte Menschen und Kinder, doch auch für Jugendliche gibt es einige Angebote.
Chesseds gibt es in vielen Städten der Ukraine, so dass immer wieder Treffen und Besuche organisiert werden. Zum Lemberger Chessed gehören ca. 4000 Personen.
Schwerpunkt meiner Arbeit ist die Altenbetreuung – das heißt Menschen besuchen, die selbst nicht mehr Einkaufen gehen können, ihnen im Haushalt behilflich sein und Gesellschaft leisten. Des Weiteren helfe ich in verschiedenen Kindergruppen des Chesseds mit: da sind einmal die Kleinkinder, wo man vor allem als Spielpartner gilt und regelmäßig verklebte Hände und Münder zu waschen hat.
Dann gibt es verschiedene Gruppen für Schulkinder, die nachmittags ins Chessed kommen. Darunter sind auch sozial benachteiligte Kinder. Außerdem spiele ich in der Theatergruppe eines Lemberger Schauspielers mit – zum jüdischen "Chanukka"-Fest (kurz vor unseren Weihnachten) hatten wir eine Aufführung in Czernowitz (ukrainische Bukowina, nahe der Grenze zu Rumänien).
In der "Krabbelgruppe" bin ich alle zwei Wochen für drei bis vier Stunden tätig.
Bei den Schulkindern im Nachmittagsprogramm war ich bis jetzt leider nur sehr unregelmäßig, da mir gesagt wurde es sei sprachlich zu schwierig – ich hoffe das wird sich nun bald ändern, so dass ich in einer Gruppe fest mitarbeiten kann!
Die Altenbesuche sind zurzeit auf drei Frauen beschränkt. Zu einer alten Frau gehe ich zwei Mal wöchentlich; bei ihr bin ich manchmal auch länger als zwei Stunden – z.B. wenn bis abends um zehn Uhr Kuchen gebacken wird.
Ansonsten bin ich dabei, die Sängerin des Chesseds (sie singt auf Jiddisch) und ihren Mann (er spielt Gitarre) auf der Klarinette zu begleiten; doch auch hier wird es wohl noch eine Weile dauern, bis wir die Proben wieder aufnehmen.
Begebenheiten
Beeindruckt hat mich die Selbstverständlichkeit, mit der ich von der Theatergruppe eingeladen wurde, bei der schon erwähnten Aufführung in Czernowitz mitzumachen.
Unsere Vorstellung, Spektakel sagt man hier – basiert auf einem Märchen, das mit einem fröhlichen Fest endet – der Chanukka-Leuchter wird angezündet, es wird gesungen und getanzt, die Mädchen spielen "Dredlech" (kleines Bleispielzeug, Kreisel) und die Großmutter ist zufrieden.
Es hat mir aber sehr viel Spaß gemacht; ich hatte sogar mehr Text, als manche von den Mädchen aus Lviv.
Das Ganze war für mich ein sehr schönes Erlebnis, welches ich wohl nicht vergessen werde und mir das Gefühl gibt, der Gruppe zugehörig zu sein. Ich freue mich schon und bin gespannt auf unser nächstes Stück!
Vorstellungen, Ziele, Erwartungen
Ich hoffe, bald noch etwas mehr und aktiver im Chessed mitarbeiten zu können. Hierbei bin ich zur Überzeugung gekommen, dass ein großes Durchsetzungsvermögen gegenüber den anderen Mitarbeitern nötig ist, da man oft nicht ganz ernst genommen wird. Außerdem soll ich ab diesem Jahr auch bei der ukrainischen Stiftung "Verständigung und Aussöhnung", die für unsere Projekte (in der Ukraine) die nötigen Einladungen schreibt, mithelfen. Das wird wahrscheinlich vor allem Büroarbeit sein.
Ich möchte auch versuchen in die schon ritualisierten Altenbesuche mehr Abwechslung zu bringen; z.B. habe ich jetzt mit einer angefangen ein Kinderbuch auf Russisch zu lesen – das macht uns beiden Spaß und ist "nutzvoll", wie sie zu sagen pflegt.
So freue ich mich darauf, weiterhin hilfreiche Erfahrungen zu sammeln, die alten Menschen ein Stück weit in ihrem Alltag zu begleiten und den Leuten hier den Umgang mit Menschen aus anderen Ländern vertrauter zu machen.
Katharina (Rita) Braisch
ASF-Freiwillige in Lviv/Lemberg, Ukraine
2006/2007
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