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22.7.2019

Zur Jahreslosung 2007

von Bischof Dr. h.c. Rolf Koppe

Im Juli war ich am ersten "Israeltag" der liberalen jüdischen Gemeinde in Hannover im Rahmen eines Sommerfestes zum Gespräch auf der Bühne eingeladen. Nachdem die mitreißende Klezmermusik verklungen war, legte ein junger Mann mit präzisen Fragen nach den Aktivitäten der EKD in Jerusalem und auf der Westbank los. Wir unterhielten uns über die Arbeit des Propstes an der Erlöserkirche, der einen Spagat zwischen drei Gruppierungen schaffen muss: mit den einheimischen christlichen Minderheiten Kontakt halten, mit Deutschsprachigen, die auf Dauer dort leben oder die als Touristen kurzfristig zur Gemeinde stoßen, sowie mit Israelis, die mit Deutschen die Gegenwart und die Vergangenheit bewältigen möchten.

Da ich in diesem Jahr gleich zwei Mal dort war – zur Verabschiedung von Propst Martin Reyer und zur Einführung von Propst Uwe Gräbe –, konnte ich ziemlich genau nachempfinden, was im derzeitigen angespannten politischen Kontext überhaupt an Begegnungen möglich erscheint und was nicht.

Ja, gibt es denn überhaupt Hoffnung, wenn der 8 Meter hohe "Schutzwall", oder wie immer man die Mauer beschönigend benennen will, die Landschaft, Dörfer, Städte und Familien zerschneidet? Oder wenn die beiden Völker, die auf engstem Raum auf ein vernünftiges Zusammenleben angewiesen sind, es nicht vermögen, der Gewalt abzuschwören und überlebenswichtige Kompromisse zu schließen?

Der Prophet Jesaja ist der Künder des Neuen, gleichsam der Zeuge Gottes von der Hinwendung zur Zukunft. Wir haben es in dem eingangs genannten Gespräch tatsächlich geschafft, uns nicht in die Gefangenschaft der Realitäten zu begeben, sondern mit der Freiheit der Kinder Gottes Neues zu entdecken. So wie Jesaja es dem Volk Gottes in Babylon zugesprochen hat: Jetzt wächst es auf, erkennt ihr's denn nicht?

Ja, was sagen denn die Lehrer und Lehrerinnen den Kindern in "Talitha Kumi", dem traditionellen Gymnasium deutscher Tradition auf dem Berg oberhalb Bethlehems? Sie lehren doch wohl dasselbe wie die Lehrer und Lehrerinnen in Jerusalem, nämlich dass die Zukunft nach Gottes Willen besser sein soll als die Gegenwart. Beide haben doch einen Überschuss an Glauben an das, was kommt. Oder dürfen wir christlich gewendet sagen: an den, der kommt? An den, der Neues schafft?

"Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde", heißt es nach dem Vers, der als Jahreslosung für 2007 bestimmt ist. Gott will alle Menschen erlösen, weil er ein Freund des Lebens ist. Deshalb gibt es so viele Einzelne und auch immer noch zahlreiche aktive Gruppen in Deutschland und anderswo, die sich nicht mit den jetzigen Verhältnissen im Heiligen Land abfinden wollen, sondern die nicht müde werden, gegen den Augenschein zu glauben, dass Gott anderes vorhat als Tod und Vernichtung.

"Abrahams Herberge", "Aktion Sühnezeichen", "Akademie in Bethlehem", "Propstei in der Altstadt", "Pilgerseelsorge auf dem Ölberg" heißen einige der Projekte, die auf Begegnung und Gespräch setzen. Oder auf gemeinsames Musizieren wie das Jugendorchester in Ramallah, das unter dem Dirigenten Daniel Barenboim mit palästinensischen und israelischen Jugendlichen gegen den allgegenwärtigen Terror anspielt.

In Deutschland gibt es durch die Einwanderung aus Russland wieder mehr jüdische Gemeinden, so dass das reine Buchwissen hinter lebendige nachbarschaftliche Begegnungen zurücktreten kann. Und in Israel leben gemeinschaftliche Aktivitäten auch wieder auf, die wir, die wir Freunde auf beiden Seiten haben, schon gar nicht mehr für existent gehalten haben. Nein, das sind alles noch keine eindeutigen Vorzeichen für eine radikale Veränderung alter Fronten, aber etwas "Aufwachsendes" gibt es. Die Frage ist, ob auch wir Christen, die wir uns zum Volk Gottes zählen, das in dieser Region Neue erkennen, wo doch so viele das Land ihrer Väter verlassen.

Ich habe auf dem Israeltag meiner Freude darüber Ausdruck gegeben, dass ganz in der Nähe des Kirchenamtes der EKD in Hannover ein Kirchengebäude, das wegen des Schrumpfprozesses der evangelischen Gemeindegliederzahlen nicht mehr benötigt wird, von der liberalen jüdischen Gemeinde gekauft worden ist und ihr als Synagoge dienen soll. Wir haben unser Gespräch vor mehr als 150 Gästen mit dem Blick nach vorn geschlossen. Dabei kann der Vers, der der Jahreslosung vorangestellt ist, hilfreich sein: "Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige". Aber vielleicht ist das auch zu viel gesagt, weil wir sehr wohl in Deutschland, aber auch im Heiligen Land des Früheren gedenken und auf das Vorige achten müssen.

Rolf Koppe

Bischof Dr. h.c. Rolf Koppe war 13 Jahre Leiter der Hauptabteilung "Ökumene und Auslandsarbeit" im Kirchenamt der EKD Ende August 2006 in den Ruhestand gegangen.

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