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17.1.2019

Erwartungen im Advent 2006

von Lutz Poetter

Alle Jahre wieder beginnt am 1. Adventssonntag das neue Kirchenjahr und wir zählen die Tage auf das wichtigste Jahresfest der Christenheit hin. Die Adventszeit steigert durch vielfältige Sitten und Bräuche die freudige Erwartung auf das Geburtsfest unseres Heilands in der Christnacht. Zwar geschah dies alles schon vor zweitausendundfünf Jahren am Beginn unserer Zeitrechnung, alljährlich aber zur Wintersonnenwende zieht uns das Fest erneut in seinen Bann wie kein anderes religiöses Ereignis im Jahresfestkreis.

Die geheime Zusammenarbeit des neugeborenen Christkindes mit dem weißbärtigen Weihnachtsmann beim Beschenken wirkt dabei Wunder: Vor allem unsere Kinder können es kaum abwarten, dass endlich Weihnachten kommt. Freudige Erwartung der Ankunft unseres Herrn und Heilandes gehört zum Wesen des Christentums. Weihnachten ist unverzichtbar.

Der Messias-Christus

Die frühen Christen der ersten Jahrhunderte sahen den erwachsenen Jesus von Nazareth als den gottgesandten Messias-Christus und Heilsbringer – Weihnachten als Krippenfest für den Neugeborenen wurde in Rom um das Jahr 320 erstmalig gefeiert. Ein Blick in die vier biblischen Evangelien zeigt: Nur Lukas erzählt eine ausführliche Geburtsgeschichte. Markus und Johannes beginnen ihren Bericht mit dem erwachsenen Jesus.

Matthäus notiert, wie der scheinbar betrogene Joseph seine vermeintlich untreue Maria heimlich verlassen will, als er ihre Schwangerschaft bemerkt. Ein Engel klärt ihn über die himmlische Herkunft seines zukünftigen Ziehsohnes Jesus auf und bittet ihn, bei seiner Frau zu bleiben. Matthäus berichtet auch von der Pilgerfahrt der morgenländischen Astronomen, die einen aufgehenden Stern am Himmel als Zeichen des neugeborenen Königs entdeckt hatten.

Das Reich Gottes ist nahe

Für seine Jünger vom See Genezaret erweist sich Jesus von Nazareth als der versprochene Messias des Volkes Israel. In seinen Worten und Taten geschieht das Heil Gottes auf Erden. Sein Reich bricht an, wenn Jesus lehrt, heilt, segnet und einlädt. Das Reich Gottes ist in Jesu Gegenwart mitten unter ihnen.

Am Ende aber geschieht das Unfassbare: Der Heiland wird verurteilt und hingerichtet, der Messias stirbt am Kreuz – und mit ihm verschwinden das Reich, das Heil, die Hoffnung. Ostern begegnet der gekreuzigte Christus seinen Gefährten in einer neuen Dimension, seiner Auferweckung aus dem Grab folgt die Auffahrt in den Himmel.

Die frühe Christenheit beginnt zu warten: Auf die Wiederkunft des aufgefahrenen Messias-Christus. Versprach er nicht, bald zurück zu kehren auf die Erde und dann endgültig das Gottesreich zu vollenden?

Ein neuer Himmel und eine neue Erde

Die ersten Christen lebten mit den Aposteln in der Naherwartung der Wiederkunft Christi. Sie hofften, noch vor ihrem Lebensende Zeugen dieser Erfüllung der Verheißung und damit des Endes der Zeit zu werden. Die alte Schöpfung würde enden und einer neuen Schöpfung Platz machen. Sie haben offensichtlich nicht mit der Fortsetzung der Geschichte in der Zeit gerechnet. Jahr um Jahr verging, statt des überirdischen Reiches bildete sich die irdische Kirche als Dauereinrichtung heraus.

Bald wurde diese Kirche von der herrschenden römischen Staatsmacht als gefährliche Konkurrenz verfolgt. Die Leidensfähigkeit der Christen der zweiten und dritten Generation wurde auf eine harte Probe gestellt. In der Offenbarung des Johannes finden wir eine bilderreiche Illustration dieser Christenverfolgung im römischen Reich, allerdings kräftig ins Mythologische überhöht: Himmel und Erde geraten visionär aus den Fugen, Rom wird gerichtet, aber die Christenheit geht mit ihrem Gott und dem Lamm als glänzende Siegerin aus dem endzeitlichen Kampf hervor.

Seit der Johannesapokalypse verbinden sich christliche Heilserwartungen oft mit Ängsten und Katastrophen, als würde der apokalyptische Weltuntergang die Tür öffnen zum göttlichen Heil. Selbsternannte Heils- und Unheilspropheten, Phantasten und Schwarzseher aller Disziplinen zitierten eifrig die Offenbarung. Und weil in den vermeintlichen Horrorvisionen des Sehers oft himmlische Zeichen auftauchen, fühlten sich immer wieder die Astronomen zu aktuellen Voraussagen berufen.

Das Ende der Zeiten

Um die erste Jahrtausendwende waren sich viele Sternendeuter sicher: Das Weltende steht jetzt unmittelbar bevor. Weltuntergangsstimmung herrschte auch zu Luthers Zeiten am Beginn der Neuzeit.

Der Hofalchemist und Sterndeuter Johann Carion hatte seinem Kurfürsten Joachim I. von Brandenburg den Weltuntergang für den 15. Juli 1525 prophezeit: Auch Berlin würde in einer Sintflut versinken. Der Hohenzollernfürst rettete sich mit seinem Hofstaat samt Töpfen, Kisten und Kasten auf den Kreuzberg und ließ das Areal weiträumig absperren, um eine Überfüllung durch die Berliner Bevölkerung bei steigender Flut zu verhindern. Wir ahnen es: Es kam zwar ein Gewitter, der Sintflutweltuntergang blieb jedoch aus. Irgendwann musste der Kurfürst den Heimweg antreten – unter dem Gespött seiner erbosten Berliner Untertanen.

Erwartungen, Ängste und Hoffnungen

Was erwarten wir in dieser Adventszeit von der Zukunft? Welche Befürchtungen und Ängste treiben uns um? Welche Hoffnungen und Wünsche treiben uns an? Welche sind die Perspektiven für unsere Familien, unsere Stadt, unser Land in der Mitte Europas, in der Gemeinschaft der Völker der Welt? Worin besteht der Beitrag der christlichen Kirchen zu diesen Zukunftsprozessen?

Wissenschaftliche Perspektiven

Es gibt tatsächlich auch heute noch Hofastronomen. Elisabeth II., Königin von England hat einen: Sir Martin Rees, Astrophysiker und Professor für Kosmologie an der Universität Cambridge. Unsere Zivilisation sieht er am Anfang des 21. Jahrhunderts an einem Wendepunkt. Die Chancen für einen schweren Rückschlag für die gesamte Erdbevölkerung sieht Sir Martin bei 50 Prozent. Atomare Bedrohung, Erderwärmung mit Klimakatastrophen und die kriegerischen Konfrontationen neuer Supermächte könnten das Ende der Menschheit auf unserem Planeten in den nächsten Jahrzehnten herbeiführen.

Hälfte des Erdalters

Im Blick auf das Alter unserer Erde rechnet Professor Rees jedoch mit einer langen Geschichte: Wir sind gerade einmal bei der Halbzeit angekommen: Vor fünf Milliarden Jahren entstand unser Sonnensystem, vor vier Milliarden Jahren entwickelte sich Leben auf unseren Planeten. Spät erschien die Gattung Mensch auf der Erdoberfläche, gerade einmal wenige Millionen Jahre sind wir hier. Und nach Sir Martin sollten wir uns nicht für den Höhepunkt der Evolution halten. Aus der Astronomie und Kosmologie lernen wir, dass die Zeit vor uns mindestens so lang ist wie die hinter uns.

Nachfahren des Menschen

Welche Wesen aber werden nach uns kommen? Wenn in fünf Milliarden Jahren Kreaturen nach uns den Tod der Sonne miterleben, werden es bestimmt keine Menschen sein, vermutet der britische Kosmologe. Diese Kreaturen werden sich von uns so sehr unterscheiden wie wir von den ersten Bakterien. Anscheinend erkennt die Wissenschaft ein gewaltiges Potential für die Entwicklung von Leben, Komplexität und Intelligenz über unser menschliches Stadium hinaus. Wahrhaft großartige Erwartungen in diesem unvorstellbaren Zeitkontinuum. Ob unsere Nachfahren das noch tun werden in ferner Zukunft – den Advent erwarten, Weihnachten feiern?

Lutz Poetter