ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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13.12.2018

Alle Jahre wieder ...

von Torsten Lüdtke

Mit einem leisen Ächzen öffnete sich die schwere Tür aus Eichenholz. Ein goldener Lichtschein fiel durch die geschliffenen Scheiben der weißgestrichenen Glastür und zeichnete durch die Sprossen der Tür ein rautenförmiges Muster auf dem Boden des Windfanges. Mit vielen großen Paketen und kleinen Päckchen beladen standen Herr und Frau Kluge auf der letzten, verschneiten Treppenstufe, die zum Hauseingang führte. Draußen war es dunkel geworden; nur das dämmerige Licht einer Gaslaterne erleuchtete an diesem späten Dezembernachmittag die schneebedeckte Straße und die verschneiten Gärten.

Fast den gesamten 23. Dezember, einen Sonnabend, hatten die Kluges – wie viele andere Menschen auch – in den Geschäften und Warenhäusern der Innenstadt verbracht, um letzte Besorgungen zu machen, die Weihnachtsgans abzuholen und – noch einige Geschenke einzukaufen. Leichter Schneefall hatte eingesetzt, als Kluges zu Hause ankamen. Vorsichtig traten sie in den warmen Raum, denn die Kinder, Marie, Anna und Thomas, sollten ihre Ankunft – wie auch die mitgebrachten Geschenke – nicht bemerken, denn erst morgen, am Heiligen Abend, wenn sich die gesamte Familie unter dem Weihnachtsbaum zum Feiern zusammenfinden würde , sollten die Geschenke vom Weihnachtsmann beschert werden. Elisabeth und Dr. Johannes Kluge – so war es auch auf dem messingnen Türschild zu lesen – feierten Weihnachten stets im Kreise der Familie: mit Oma und Opa, mit Tante Katharina und Onkel Ferdinand sowie mit Onkel Hermann und Tante Gertrud.

Weihnachtslied

Vom Himmel in die tiefsten Klüfte
ein milder Stern herniederlacht;
vom Tannenwalde steigen Düfte
und hauchen durch die Winterlüfte,
und kerzenhelle wird die Nacht.
Mir ist das Herz so froh erschrocken,
das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre fernher Kirchenglocken
mich lieblich heimatlich verlocken
in märchenstille Herrlichkeit.
Ein frommer Zauber hält mich wieder,
anbetend, staunend muß ich stehn:
Es sinkt auf meine Augenlieder
ein goldner Kindertraum hernieder,
ich fühl’s, ein Wunder ist geschehen.

Theodor Storm (1817 - 1888)

Es gibt so wunderweiße Nächte
Es gibt so wunderweiße Nächte,
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte
zu einem neuen Jesuskind.
Weit wie mit dichtem Demantstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut,
und in die Herzen, traumgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.

Rainer Maria Rilke (1875 - 1926)

Christnacht

Heil'ge Nacht, auf Engelsschwingen
nahest du leise dich der Welt,
und die Glocken hör' ich klingen,
und die Fenster sind erhellt.
Selbst die Hütte trift von Segen
und der Kindlein froher Dank
jauchzt dem Himmelskind entgegen,
und ihr Stammeln wird Gesang.
Mit der Fülle süßer Lieder,
mit dem Glanz um Tal und Höh'n,
heil'ge Nacht, so kehrst du wieder,
wie die Welt dich einst geseh'n,
da die Palmen lauter rauschten,
und, versenkt in Dämmerung,
Erd' und Himmel Worte tauschten,
Worte der Verkündigung;
Da, der Jungfrau Sohn zu dienen
Fürsten aus dem Morgenland
in der Hirten Kreis erschienen,
Gold und Myrrhen in der Hand!
Da mit seligem Entzücken
sich die Mutter niederbog,
sinnend aus des Kindes Blicken
nie gefühlte Freude sog.
Heil'ge Nacht mit tausend Kerzen
steigst Du feierlich herauf,
o, so geh in unsern Herzen,
Stern des Lebens, geh uns auf!
Schau, im Himmel und auf Erden
glänzt der Liebe Rosenschein:
Friede soll's noch einmal werden
und die Liebe König sein!

Robert Prutz (1816 - 1872)

Der armen Kinder Weihnacht–lied

Hört schöne Herren und Frauen
die ihr im Lichte seid:
wir kommen aus dem Grauen,
dem Lande Not und Leid;
weh tun uns unsre Füße
und unsre Herzen weh,
doch kam uns eine Süße
Botschaft aus Eis und Schnee:
Es ist ein Licht erglommen,
und uns auch gilt sein Schein.
Wir haben’s wohl vernommen:
das Christkind ist gekommen
und soll auch uns gekommen sein.

Drum gehn wir zu den Orten,
die hell erleuchtet sind,
und klopfen an die Pforten:
Ist hier das Christuskind?
Es hat wohl icht gefunden
den Weg in unsre Nacht,
drum haben wir mit wunden
Füßen uns aufgemacht,
daß wir ihm unsre frommen
Herzen und Bitten weihn.
Wir haben’s wohl vernommen:
Das Christkind ist gekommen
und soll auch uns gekommen sein.

So laßt es uns erschauen,
die ihr im Lichte seid!
Wir kommen aus dem Grauen,
dem Lande Not und Leid;
wir kommen mit wunden Füßen,
doch sind wir trostgemut:
Wenn wir das Christkind grüßen,
wird alles, alles gut.
Der Steern, der heut erglommen,
gibt Allen reinen Schein:
Das Christkind ist gekommen! –
Die ihr es aufgenommen,
o, laßt auch uns zu Gaste sein!

Otto Julius Bierbaum (1865 - 1910)

Johannes und Elisabeth Kluge waren noch dabei, die gekauften Geschenke leise und behutsam in einem Wandschrank an der Garderobe nahe der Tür zum Windfang zu verstauen, doch hatten sie für diesen kurzen Weg zu lange benötigt oder waren doch zu unaufmerksam gewesen, plötzlich stand der kleine Thomas vor ihnen und plärrte: "Mutti, Anna hat mir mein Bilderbuch weggenommen ... Opa kann ich nicht finden – Oma ist in der Küche und hat keine Zeit ... Und ihr seid auch nie da ..." – Ein heftiges Schluchzen unterbrach die stoßweise hervorgebrachten Worte, große Tränen rollten dabei über seine Wangen.

Elisabeth Kluge beugte sich zu ihrem Sohn herunter und nahm ihn auf ihren Arm. Mit ihrem Taschentuch wischte sie Thomas die Tränen ab. Beim Betrachten dieses idyllischen Bildes fühlte sich Herr Kluge an ein alte flämische Madonna erinnert, das er unlängst gesehen hatte und nachdenklich lächelnd mußte er auch an das bevorstehende Weihnachtsfest denken.

Nur einen Augenblick später, Kluge hing noch seinem Gedanken nach, da kamen noch Anna und Marie in die Diele gelaufen und umringten hüpfend die Eltern. "Habt ihr mir was Schönes mitgebracht?" "Und was bekomme ich geschenkt?" riefen sie durcheinander. Mutter Kluge, noch immer Thomas auf dem Arm haltend, sah, daß der Schnee auf ihren Mantel bereits begann, aufzutauen. Langsam setzte sie Thomas, der inzwischen mit dem Weinen aufgehört hatte, zur Erde, dann zog sie ihren Mantel aus.

Noch bevor sie oder ihr Mann etwas sagen konnten, öffnete sich die bis dahin verschlossene Tür des Eßzimmers und heraus sah der Großvater, der bis dahin den Tannenbaum mit Kerzen, Glaskugeln und Lametta geschmückt hatte. Er hatte den Lärm auf der Diele gehört und brummte nun – noch immer einen gläsernen Tannenzapfen in der Hand haltend – von der Eßzimmertür aus: "Was ist das für ein Lärm? – Was ist hier nun schon wieder los?"

Kaum waren diese Worte gesprochen, begann der Tumult von Neuem: Thomas, der einige Augenblicke allein und unbeaufsichtigt geblieben war, hatte hinter dem Rücken der Eltern eines der Geschenkpakete entdeckt und Annas neues Kleid ausgepackt, das er anschließend überzog. Lachend stand er im viel zu großen Kleid neben Marie, die nun weinte und sich beklagte, daß sie sich ein solches Kleid immer gewünscht habe. Anna, die neben den Eltern stand und auch zum Großvater geblickt hatte, als dieser die Tür öffnete, drehte sich nun um und sah jetzt auch Thomas in ihrem Kleid. Anna wollte Thomas zwar ausschimpfen, doch der Anblick, den Thomas bot, war zu komisch; sie begann laut prustend zu lachen weinen. Nun fingen auch die Erwachsenen, die erst jetzt auf Thomas aufmerksam wurden, an zu lachen. nur Thomas, der nicht wußte, wie ihm geschah, fing wieder an zu weinen. Diesmal war es der Vater, der Thomas auf den Arm nahm und tröstete.

"Kommt, Kinder wir gehen ins Wohnzimmer; ich habe dort den Tisch gedeckt !" Oma Kluge war mit einem leeren Serviertablett dazugekommen; über dem Kleid trug sie eine weiße, mit Spitze eingefaßte Schürze.

Kurze Zeit später saßen dann alle zusammen am schön gedeckten Wohnzimmertisch, auf dem neben dem Adventskranz und seinen strahlenden Kerzen auch eine Kanne mit heißem Tee und ein großer Teller mit Adventsgebäck stand. In den Tassen dampfte der Tee.

Opa Kluge brach zuerst das Schweigen: "Eigentlich schade, daß die Adventszeit nun schon wieder vorüber ist ... "

"Ja", stimmte auch Johannes Kluge zu, "vorhin, als plötzlich Thomas auftauchte, mußte ich auch daran denken. Doch besonders schade ist es, daß viele durch Hast und Hektik, durch Einkauf und Kommerz gar nicht in der Lage sind, die Adventszeit zu genießen."

"Ja schade", sagt nun auch Elisabeth Kluge, "denn die Wochen im Advent sind eine Zeit der freudigen Erwartung. Schließlich warten wir ja auf die Geburt Christi am Heiligen Abend."

"Aber ich warte auf den Weihnachtsmann!" rief Thomas plötzlich dazwischen.

"Ich auch!" riefen dann auch Anna und Marie fast gleichzeitig.

"Langsam, langsam Kinder." sagte Oma Kluge beschwichtigend. "Zum Weihnachtfest und der Adventszeit gehört mehr als der Weihnachtsmann und die Geschenke."

"Ja, das stimmt." sagte Vater Kluge. "Allein die verschiedenen Gebäcksorten die wir hier auf dem Tisch stehen haben, sind Zeichen der Weihnachtsfreude und der außergewöhnlichen Bedeutung, daß die Menschen dem Weihnachtsfest – auch schon vor Jahrhunderten – beigemessen haben. Oder warum, glaubt ihr, sind in den Lebkuchen oder dem Christstollen so viele kostbare Gewürze enthalten? Doch steht die Vielzahl exotischer Gewürze – wie Anis, Kardamom, Nelken Zimt und anderer – nicht nur für die besondere Wertschätzung der Weihnachtszeit, sondern sollte auch Symbol überirdischer, himmlische Speise sein. Auch wurde mit dem Einbacken dieser Gewürze an die Gabe von Myrrhe durch die Weisen aus dem Morgenland erinnert. Die Sitte, sich zu Weihnachten zu beschenken, geht ebenalls auf die Gaben der Heiligen Drei Könige zurück."

"Papa, gibt es bald die Geschenke?" fragte Thomas. Bevor die Erwachsenen antworten konnten, fingen Marie und Anna an, "Geschenke, Geschenke" zu rufen.

"Ruhig, Kinder. Diese Frage haben wohl schon unzählige Kinder vieler Generationen vor Euch gestellt" antwortete die Mutter auf die Frage des kleinen Thomas. "Um dieser Fragerei ein Ende zu machen hat eine kluge Mutter den Adventskalender erfunden; darauf könnt ihr Kinder erkennen wie viele Tage es noch bis zum Weihnachtstag sind. aber Ihr habt Glück, morgen ist der Heilige Abend. – Aber nun rasch ins Bett, dann liest Euch Opa noch ein schönes Märchen vor."

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