Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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23.9.2019

Heinrich Seidel zum hundertsten Todestag

von Torsten Lüdtke

Vor hundert Jahren, am 7. November 1906 starb in Lichterfelde der Dichter und Ingenieur Heinrich Seidel. Seit dem 9. April 1895 hatte der Autor des Vorstadt-Idylls "Leberecht Hühnchen" in der Boothstraße 29 mit seiner Familie gelebt.

Von Seidels umfangreichen literarischen wie auch seinem bedeutenden technischen Oeuvre ist heute – vom schon erwähnten "Leberecht Hühnchen" abgesehen – das meiste nahezu vergessen. So ist kaum bekannt, dass es Seidel war, der die Halle des Anhalter Bahnhofs oder auch die Brücken an der Yorckstraße konstruierte. Doch nicht nur die Schöpfungen Seidels sind beeindruckend , sondern auch Seidels Lebenslauf:

Heinrich Seidel wird am Juni 1842 in Perlin geboren, wo sein Vater Pfarrer war. Die ersten neun Jahre seines Lebens verbrachte Seidel in dem kleinen mecklenburgischen Dorf; dann wird sein Vater erster Prediger der Schweriner Nikolaikirche und die Familie Seidel zieht nach Schwerin. Hier besuchte Heinrich Seidel dann auch das Gymnasium, wo er sich "zu einem der schlechtesten Schüler aus[bildete], die es besessen hat. Besonders in den alten Sprachen und im Französischen waren meine Leistungen gleich Null, während ich mich auszeichnete in Fächern, denen man nicht die geringste Bedeutung beilegte, zum Beispiel im Deutschen, der Mathematik, Geographie und ganz besonders im Turnen, wo ich mir vier Jahre hintereinander beim Schauturnen am 18. Oktober den zweiten Preis eroberte." (Seidel)

Das Gymnasium verließ Seidel nach der Tertia, sein Berufswunsch stand fest: Er will 'Maschinenbauer' werden. Um sich auf sein Maschinenbaustudium vorzubereiten, lernte Seidel in der Lokomotiv-Ausbesserungswerkstätte in Schwerin und nahm im Herbst 1860 auf dem Polytechnikum (Technische Hochschule) in Hannover ein Ingenieursstudium auf.

Die Studienzeit Seidels sollte jedoch nicht lange währen; schon im nächsten Frühjahr – Seidels Vater war plötzlich gestorben – mußte er das freie Studentenleben wieder mit der Arbeit am Schraubstock vertauschen. Zwei Jahre arbeitete Seidel – zunächst als Schlosser, dann im Konstruktionsbüro – in Güstrower Maschinenfabriken.

1866 ging Seidel nach Berlin, wo er an der angesehenen Gewerbeakademie seine unterbrochenen Studien fortsetzt. Während seiner Berliner Studienzeit lernt Seidel den Kunsthistoriker Friedrich Eggers kennen, der ihn in den literarischen Sonntagsverein "Tunnel über der Spree" einführte, wo er Theodor Fontane, Adolph (von) Menzel und Johannes Trojan kennenlernte, mit denen er auch später noch verkehrte.

Nach weiteren zwei Jahren und dem erfolgreichen Examen wurde Seidel als Ingenieur bei der Wöhlert'schen Fabrik in Berlin eingestellt. Rund anderthalb Jahre arbeitet er im Lokomotivenbau, dann wechselt Seidel in das Konstruktionsbüro der Potsdamer Bahn und später in das der Anhalter Bahn. Dort hatte er "das Glück mit neuen und großen Arbeiten betraut zu werden, z. B. mit der Konstruktion der hydraulischen Lokomotiv-Schiebebühne in der Berlin-Potsdamer Bahnhofshalle, wofür es kein Vorbild gab, und des eisernen Hallendaches auf dem Anhalter Bahnhofe, das mit seiner Spannweite von 62 ½ Metern damals die größte Anlage dieser Art auf dem Kontinent war. Privatim machte ich einen Entwurf für die Anlage der hydraulischen Aufzüge auf den Bahnhöfen der Stadtbahn." (Seidel)

1880 waren die Arbeiten an der Anhalter Bahn beendet. Seidel, der erfolgreiche Konstrukteur, von dem bereits mehrere Bände – Gedichte, Erzählungen und Märchen – gedruckt erschienen waren, entschied sich in dieser Situation, den Ingenieursberuf aufzugeben und mit dem des Schriftsteller zu vertauschen. Der Erfolg ließ jedoch länger auf sich warten.

Erst 1888 gelang der Durchbruch: "Vom Jahre 1882 ab gingen meine Schriften allmählich in den Verlag von A. G. Liebeskind über, der, als ich ihm das Manuskript zu 'Leberecht Hühnchen, Jorinde u. a. Gesch.' anbot, mir mit wahrer Begeisterung entgegenkam, aber noch sechs Jahre warten mußte, bis von dem guten Dreibretzeljahre 1888 ab, ein wirklicher und steigender Erfolg sichtbar ward. Jetzt, da ich dieses schreibe, darf ich wohl sagen, daß mir in allen Gegenden Deutschlands und Amerikas viele Tausende von guten Freunden wohnen, und das ist ein Bewußtsein, das mich für ein langes und geduldiges Ausharren reichlich entschädigt." (Seidel)

Ab diesem Zeitpunkt war Seidel als Schriftsteller etabliert: seine Werke verkauften sich gut. Der erfolgreiche Autor konnte es 1895 mit den "Hühnchens" gleichtun und sich in der Vorstadt, dem Villenvorort Groß-Lichterfelde, ansiedeln und er bezog mit seiner Familie das schon genannte Haus in der Boothstraße. 1903, zum 25-jährigen Bestehen der Villenkolonie verfaßte Seidel schließlich das Preisgedicht "An Groß-Lichterfelde".

Über seine eigenen Werke bemerkt der Autor: "Was nun meine schriftstellerischen Absichten betrifft, so wird es mir schwer darüber etwas zu sagen, denn ich habe eigentlich gar keine. Wenigstens keine andern, als das, was mich freut und mein Herz bewegt, künstlerisch aus mir herauszugestalten. Jede sogenannte Tendenz war mir von jeher ein Greuel. Meine Erzählungen sind zum Theil entstanden aus Träumereien, so die erste Geschichte, die ich schrieb: 'der Rosenkönig', und die, die ich selbst für die beste halte: 'Odysseus'. Was meine Helden erlebten, hätte ich selber gern erlebt, und da ich es nicht haben konnte, schrieb ich es mir, wie man beim Subtrahiren sagt: 'Hab' ich keinen, borg' ich mir einen.'
Andere meiner Erzählungen entsprangen mehr der Beobachtung der Wirklichkeit und sind mosaikartig zusammengesetzt aus Gesehenem und Erlebtem untermischt mit eigener Erfindung. Zu dieser Gruppe gehören die Leberecht Hühnchen-Geschichten."
(Seidel)

Seidels Werk ist immer wieder als "rührselig" und "wirklichkeitsfern" kritisiert worden – und aus einem sozialkritisch-naturalistischen Blickwinkel heraus betrachtet, mögen Seidels Werke auch so wirken. Doch war es nie Seidels Anliegen, Erzählungen im Stile Gerhart Hauptmanns oder der Brüder Hart zu schreiben. Seidels Erzählungen entsprachen sicherlich vor allem dem Tagesgeschmack der lesenden Zeitgenossen, doch sind viele seiner Werke nach über hundert Jahren noch immer gut zu lesen, da sie vielfach in einem erfrischend-frechen Ton geschrieben sind – oder wie seine Märchen zauberhafte Bilder – nicht nur für Kinder – zeigen.

Schließen soll Seidel selbst: "Wie die Zukunft über meine Arbeiten urtheilen wird, und wohin sie mich stellen wird, weiß ich nicht; das aber weiß ich, daß ich niemals leichtfertig verfahren bin, daß ich stets die ganze mir zu Gebote stehende Kraft eingesetzt und mich bemüht habe, als ein echter Künstler zu bilden und zu gestalten. Wenn mir das nicht gelungen ist – am Wollen hat es nicht gefehlt."

Die Zitate stammen aus einer kurzen autobiographischen Schrift Seidels, die wohl zuerst in: Deutsche Schriften für Literatur und Kunst. 1. Reihe, Heft 5 abgedruckt wurde. Hier ist sie nach Alfred Biese: Fritz Reuter, Heinrich Seidel und der Humor in der neueren deutschen Dichtung. Kiel und Leipzig: Lipsius und Tischer 1891, S. 49-55, zitiert.

Seidels Autobiographie : "Von Perlin nach Berlin" erscheint – pünktlich zum 100. Todestag in einer neuen Auflage von Thomas Gries herausgegeben im Verlag "Mein Buch", Hamburg. ISBN 3-86516-731-4.

Seidels "Leberecht Hühnchen" ist als Insel-Taschenbuch 786, ISBN 3-45832-486-0, erhältlich.

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