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16.1.2019

Zum Reformationstag 2006

von Lutz Poetter

Liebe Gemeinde,

Auch in diesem Jahr feiern wir in der Evangelischen Kirche das Reformationsfest am 31. Oktober. An diesem Tag veröffentlichte der Mönch und Theologe Martin Luther in Wittenberg seine 95 Thesen zur Erneuerung der römisch-katholischen Kirche. Der Tag vor Allerheiligen 1517 gilt als Geburtstag der Reformation und der aus ihr später erwachsenden protestantischen Kirchen. In elf Jahren werden wir das 500. Reformationsjubiläum feiern.


Martin Luther als "Junker Jörg"

Worum ging es bei dieser Reformation, was war das Anliegen des Protestantismus?

Martin Luther meinte es ernst mit dem Glauben in seiner katholischen Kirche. Deshalb erregte er sich über himmelschreiende Missstände. Und die sah er überall: Priester und Mönche hatten wenig geistliche Bildung und konnten dem Volk kaum helfen beim Glauben. Die spätmittelalterliche Theologie hatte sich mit ihrem spitzfindigen System meilenweit von der Bibel entfernt. Wortgewandte Gauner trieben mit windigen Methoden Geld ein für den teuren Prestigebau des Petersdoms in Rom – im höchsten Auftrag der Kirche. Luther war über diesen Handel mit Ablassbriefen besonders wütend, verkam die Gnade Gottes doch so zur wohlfeilen Ware, die man gewinnbringend verhökern konnte an Ahnungslose – mit Billigung des römischen Papstes. Das Volk verstand nichts und wurde von seinen priesterlichen Eliten absichtlich dumm gehalten.

Luther ging es um eine gründliche Erneuerung der Kirche. Er wollte sie weder abschaffen noch eine neue gründen, aber er wollte die ursprünglichen Verhältnisse im Sinne des Jesus von Nazareth wiederherstellen. Maßstab sollte nur das Evangelium sein, die Bibel als Wort Gottes für die Welt. Luther übersetzte deshalb die Bibel in unsere Landessprache, damit Weisungen und Propheten wie Worte und Taten Jesu allen Gläubigen zugänglich wurden, er hielt Gottesdienst und Predigt in deutscher Sprache, damit die Menschen verstehen konnten. Alles, was nicht dem Evangelium entsprach, sollte erneuert, verändert werden: Die weltliche Macht des prächtigen Kirchenstaates mit einem fürstlichen Papst an der Spitze, der betrügerische Ablasshandel, der korrupte Klerus, das Heer der Heiligen, die Masse der Reliquien, die starren Dogmen erlogener Glaubensgewissheiten, Zölibat und Transsubstantiation, der absolute Herrschaftsanspruch der Kirche über Leib und Seele aller Gläubigen. Die Kirche sollte in ihrer Gestalt und in ihrer Verkündigung wieder dem Evangelium entsprechen, dazu brauchte sie eine völlige geistliche Erneuerung, eine Reform an Haupt und Gliedern. Luther verkündete das Priestertum aller Gläubigen gegen das Heilsmonopol des Klerus, die Freiheit eines Christenmenschen gegen die Dominanz der Amtskirche, die freie Gnade Gottes gegen ihre Vermarktung durch die Institution, die Rechtfertigung des Sünders allein aus Glauben gegen ein kompliziertes Buß- und Ablass-System zur Sündenvergebung.

Natürlich ließen sich die mächtigen Würdenträger in Staat und Kirche die Kritik des aufsässigen Mönchleins aus Wittenberg nicht gefallen: Der Kaiser lud ihn vor zum Widerruf seiner 95 Thesen auf dem Reichstag zu Worms, der römische Papst belegte ihn mit dem Kirchenbann, der Exkommunikation. Luther aber widerrief nicht vor dem Kaiser und verbrannte die päpstliche Bannbulle. Der Bruch mit Kirche und Reich war endgültig. Luther blieb zeitlebens in Acht und Bann, war somit rechtlos und vogelfrei. Außerhalb der Kirche gab es kein Heil, außerhalb des Reichs kein Bürgerrecht. Nur durch die Hilfe einflussreicher Fürsten blieb Luther am Leben, nur mit ihnen als Bündnispartner und der Unterstützung des aufstrebenden Stadtbürgertums konnte die Reformation gelingen. Dies geschah allerdings in einem unerbittlichen Kampf – anders, als Luther es sich eigentlich vorgestellt hatte.

Die kirchliche Einheit zerbrach, die "Protestanten" gründeten eigene "evangelische" Kirchen in Abgrenzung zur "katholischen" Kirche: Ein tiefer Riss spaltete fortan die eine Kirche in verschiedene Konfessionen. Die Landesherren bestimmten die Konfession ihrer Untertanen. Ein Jahrhundert nach der Reformation verwüstete der Dreißigjährige Krieg unser Land – auch im Namen der wahren Konfession. Die kirchliche Erneuerung hat allerdings auch die römisch-katholische Christenheit erreicht und in manchem deutlich verändert: Martin Luther würde seine römisch-katholische Kirche heute kaum wiedererkennen, trotz Vatikan, Papst, der heiligen Mutter Gottes und dem Zölibat. Die Reliquien würde unser Reformator auch heute noch wiederfinden, die Ablassbriefe jedoch nicht – und Benedikt ist nicht Leo. Die zerstrittenen Kirchen sind sich bei allen Unterschieden ein großes Stück näher gekommen: Konfessionelle Streitigkeiten gelten in unseren modernen Zivilgesellschaften als überholt.

Was bedeutet uns Reformation heute, worin besteht aktuell das protestantische Prinzip?

Die kirchliche Erneuerung des 16. Jahrhunderts ist Geschichte. Allerdings wusste schon Luther, dass die Reformation der Kirche kein einmaliger Akt, sondern eine dauernde Aufgabe ist. Aberglaube und Irrlehre drohten auch den Evangelischen,

Er bezeichnete die Kirche als eine immer erneuerungsbedürftige, als ecclesia semper reformanda. Erneute Verkrustungen, evangelische Dogmen, institutionelle Hierarchien und der Pakt mit den Mächtigen gefährdeten bald auch die neuen Konfessionsgemeinschaften. Die gerade errungenen Werte evangelischer Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit drohten wieder in weltfremder Orthodoxie zu erstarren. Evangelische Erkenntnis weiß um diese innere Gefahr: Scheinbare Sicherungen ersetzen das offene Wagnis des Glaubens, der sich allein auf die Gnade Gottes verlässt. Die Kirche als stabiles Heilsinstitut ersetzt so den Glaubensakt. Dagegen muss der Protest wirksam bleiben: Gegen sakrale Scheinwirklichkeiten setzt sich evangelischer Glaube der profanen Wirklichkeit aus – kritisch und selbstkritisch. Alle Formen von religiöser Magie, Verdinglichung des Heiligen und religiöser Selbstbeweihräucherung werden verurteilt. Dieser Glaube stellt jede Gestalt von Kirche, jede Tradition und jeden Ritus dauernd in Frage: Sind sie durchlässig für das Evangelium von Jesus Christus als Offenbarer der Gnade? Oder verfälschen und verbergen sie wieder seine Offenbarung? Viele erwarten von der Kirche etwas, woran man sich halten kann, etwas, das die Unsicherheiten unseres Lebens ausblendet. Diese Erwartung ist eine gefährliche Versuchung für die Kirche, der sie unbedingt widerstehen muss. In der Nachfolge Jesu von Nazareth lässt sich nun mal kein Devotionalienhandel mit absoluten Sicherheiten eröffnen. Evangelische Freiheit ist als Herausforderung anstrengend, gefährlich und bleibt dauerhaft unbequem. Unser Reformator wusste das sehr gut. Ob wir ihm folgen können als evangelische Christen heute?

"Vor 25 Jahren – am 25. Oktober 1981 – wurde ich vom damaligen Bischof Martin Kruse zum Pastor ordiniert: Auf die reformatorischen Bekenntnisschriften unserer Kirche. Für mich eine bleibende Herausforderung."

Pfarrer Lutz Poetter

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