ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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22.3.2019

50 Jahre Holzkirche
...für mich sind es erst 15 Jahre

Ein Rückblick von Constanin Huth

1991 war ich 30 Jahre alt und arbeitete im Kirchenkreis Steglitz als Honorarangestellter für Videoprojekte.

"Bewirb Dich doch bei der Holzkirche, die suchen gerade einen Jugendarbeiter."

Gesagt getan und bald darauf fuhr ich zu meinem Vorstellungsgespräch in die Holzkirche, die in der Septembersonne und mit der großen, grünen Gartenfläche ein tolles Bild abgab. Auch das erste Gespräch mit dem Pfarrer Lutz Poetter und den anderen Gemeindevertretern verlief sehr positiv. Obwohl ich hier am Stadtrand ganz schön weit entfernt war von meinen bisher gewohnten Pfaden, so war ich gleich überzeugt hier eine interessante Arbeitsstätte vorzufinden.


Constantin Huth und Ute Renung 1991

Zeitgleich zum 1.9.1991 begann in der Giesensdorf Gemeinde Ute Renung mit der Mädchenarbeit im Mädchentreff Bella. An einem Tag der Wochen arbeiteten wir zusammen in der Holzkirche und scharten schnell einige andere Mitarbeiter um uns, die aus Honorarmitteln bezahlt wurden. Volker Gogolin baute die Werkstatt auf und bald wurde auch ein fester Bandraum im Keller geschaffen, indem die Disco nach oben in den Saal verlegt wurde.

Die ersten Annäherungen der Jugendlichen einer Jugendgang des nahen Umfeldes, waren zwar nur eine Auseinandersetzung um das Hausrecht und eine deutliche Machtprobe, wurden aber wie im Western in Szene gesetzt. "Weißt Du was man für einen toten Sozialarbeiter bekommt?" waren die an mich gerichteten Begrüßungsworte, martialische Gesten und Gebärden gehörten dazu, so wie die Bomberjacken mit dem entsprechenden Logo. Darauf war ich natürlich nicht vorbereitet worden, musste mich aber sehr schnell darauf einstellen.

Polizeieinsätze, Einbrüche, Verletzungen und Aufenthalt im Knast waren die Erfahrungen von vielen Jugendlichen, die in den folgenden Jahren unsere Einrichtung aufsuchten. Der Begriff "Parallelgesellschaft" hätte schon damals gut gepasst.

Unsere Partys mit teilweise 250 Jugendlichen waren laut und gut besucht, sie wurden mit vielen Mitarbeitern, Kontrollen und Sicherheit versehen. Nicht immer gelang das gewaltfreie Miteinander. Doch mit vielen Worten gelang es in den Jahren ein gegenseitiges Vertrauen aufzubauen und oft als Schlichter und Berater anerkannt zu werden.


Die Holzkirche nach dem Brand 1996

Die offene Jugendarbeit galt zwar immer als "besonders anstrengend", wurde aber damals immerhin noch finanziell gefördert. Bei dem Versuch unsere Angebote vielfältig zu gestalten fehlte natürlich immer irgendetwas, ob Schlagzeug, Zelte, Bälle oder Werkzeug. Doch zweimal im Jahr konnten Gelder bei der Landeskirche beantragt werden, formlos und damals noch ganz ohne Computer, aber immer mit mündlicher Begründung, manchmal sogar mit langen Grundsatzdiskussionen.

Und so lernte ich Paul Schoen kennen, der den "Ausschuss offene Jugendarbeit" leitete. Unsere gemeinsamen Wege führten uns durch so manche Mitarbeitertage mit interessanten Themen, aber auch in fremde Städte mit eigenen Problemen.

Auch mit Peter Dufour vom Amt für Jugendarbeit, der den Jugendhilfeverein zu neuem Leben erweckt hatte, einen der ersten freien Träger der Jugendarbeit in Steglitz, haben wir in vielen Projekten zusammengearbeitet. Die Probleme in den Stadtrandgebieten waren bekannt und so förderte der Senat in den neunziger Jahren Wochenendöffnungszeiten unter dem Motto "Jugend mit Zukunft". Doch die Zukunft war bald zu teuer und so wurde das Programm eingestellt.

Die Holzkirche war all die Jahre immer ein Ort der Gegensätze und des Ausprobierens. Bürgerliche Jugendliche, andere mit sozialen Defiziten und solche mit Migrationshintergrund kamen hier zusammen. Viele Projekte haben wir uns dafür ausgedacht, haben Reisen nach Frankreich, Griechenland und ins Umland veranstaltet. Kanutouren, kleine Fahrten zur politischen Bildung nach Sachsenhausen und Ravensbrück, Jugendleiterseminare, Mitarbeitertage, Fahrten zu Kirchentagen und zu Landesjugendcamps. Und immer haben wir eine kleine Extrawurst für unsere Jugendlichen herausgeholt, alles im Zeichen der Holzkirche.

Keine andere Religion, keine andere Herkunft und keine andere Meinung ist ein Grund für Ausgrenzung und Gewalt. Zu diesen Themen entstanden in den Jahren viele Projekte. Unsere Foto-Aktionen "Ich bin Stolz..." "Wir fordern von den Politikern...!" und "Was heißt hier deuts h?" mit Ausstellungen im Abgeordnetenhaus hatten große Resonanz und gingen als Wanderausstellung quer durch die Stadt.

Doch ein besonderes Highlight war auf jeden Fall die Teilnahme, Mitgestaltung und Organisation des Internationalen Jugendcamps im FEZ mit Jugendlichen aus 12 Nationen. Eine Kooperation Berliner Träger für Jugendarbeit unter der Leitung des Landesjugendrings, Campsprache: Englisch.

Am 07.07 1996 war dann das vorläufige Ende dieser positiven Entwicklung gekommen, als ein Jugendlicher im drogenbenebelten Zustand das Gebäude anzündete und fast völlig zerstörte. Der Schock saß tief. Der junge Mann hatte natürlich keinen Cent, um den Wiederaufbau zu bezahlen, doch dank der vorhandenen Gebäudeversicherung und vielen älteren und jüngeren ehrenamtlichen Helfern konnte das Gebäude nach zwei anstrengenden Jahren im Ungewissen in der optisch fast gleichen Gestalt wieder aufgebaut werden.

Mittlerweile hatten Ute Renung und Martina Drews, die Kollegin der Kinderarbeit in der Holzkirche, einen Aufhebungsvertrag geschlossen. Das alte Team hatte den Brand, den Druck und die unsichern Zeiten nicht heil überstanden.

Anfang 1998 wurde der Holzkirche e.V. – Verein für soziale Arbeit, Kinder- und Jugendarbeit gegründet, um sich auch gegen Widerstand für den Erhalt der Kinder- und Jugendarbeit an genau diesem Standort einzusetzen.

Am 01.02.2001 wurde der Kooperationsvertrag mit der Petrus-Giesensdorf Gemeinde unterzeichnet, seither ist der Verein für die Finanzierung der Angebote und Instandhaltung der Holzkirche verantwortlich. Der Vertrag hat sich rückblickend für beide Seiten gelohnt, und im Jahr 2003 wurde diese Vereinbarung sogar auf den Mädchentreff Bella ausgeweitet.

Und es gibt sie immer noch, die Holzkirche.
Es gibt zwar keine großen Partys mehr, da freuen sich die Nachbarn, es gibt keine Reisen mehr, dafür fehlen uns die Gelder, aber es gibt noch die offene Kinder- und Jugendarbeit, es gibt Veranstaltungen, Fahrradtouren und das Martinsfeuer jeden 11.11., den Bücherbasar, der in 8 Jahren bereits 56 mal stattgefunden hat, Camps, Bandraum, Werkstatt und und und.

Sicherlich ist es immer sehr schön, auf das Geschaffte zurückzublicken, doch kann es bei einer solchen Arbeit nie ein längeres Ausruhen geben, höchstens ein Luft Schnappen. Immer gibt es neue Anfragen und Aufgaben, neue Probleme mit Schule, Eltern oder auch der Polizei, immer gibt es notwendige Reparaturen, immer stellen sich neue Herausforderungen. Ein "auf der Stelle Trampeln" würde bedeuten, nicht mehr aktuell zu sein. Neue Projekte und Ideen entstehen somit immer in Bezug auf aktuelle Fragestellungen. Unser Projekt 2005 "Rad statt ratlos – die Ausgabe von reparierten, gespendeten Fahrrädern an Bedürftige" bezog sich auf das Wegfallen des Sozialtickets bei der BVG, das Fotoprojekt von 2003 "Was heißt hier deuts.h?" bezog sich auf zunehmende Ausländerfeindlichkeit und ist somit leider immer aktuell.

Im Zeitalter der Neuen Medien haben wir eine Website erstellt ( www.holzkirche-online.de) und einen Computerraum eingerichtet, der zwar bei knappem Budget nicht immer die neueste Technik bietet, dafür aber mit viel Fachwissen und Betreuung trumpfen kann, Für den PC- und Werkstattbereich ist Dogan Yildiz seit 2002 bei uns angestellt, der schon als Jugendlicher sehr viel Zeit hier verbracht hat.

In den Jahren des Vereins ist es zunehmend gelungen Honorarstellen und feste Arbeitsplätze zu schaffen, in Zeiten wo Arbeitsstelleabbau zur Tagesordnung zählt, ist dies eine doppelt zu bewertende Herausforderung.

Viele, sehr viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Kinder, Eltern und andere Interessierte und Nutzer hat das Haus in den vergangenen Jahrzehnten erlebt. Viele Geschichten gibt es zu erzählen, von Kindern die erwachsen geworden sind, von Kindern die nun selbst teilweise zu Eltern geworden sind, die nun selbst ihre Kinder zu uns schicken, von Reisen und Zelten, von Jugendlichen und Wasser- und anderen Einbrüchen, von Feuer und Reisen, von Paaren und Trennungen und vielen kleinen Alltagserinnerungen.

Schreiben Sie ihre Geschichten auf und bringen Sie Ihre Fotos und Erinnerungen mit.
Zu unserem Jubiläum sind alle diese Erinnerungen herzlich eingeladen.

Constantin T. Huth

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