Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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11.12.2019

'Herr, es ist Zeit ...'
Gedanken zum Erntedank

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"... der Sommer war sehr groß." Wann könnten wir diesem Vers von Rainer Maria Rilkes "Herbsttag" mehr zustimmen als am Ende dieses Sommers? Mediterrane Wärme über viele Wochen, eine fröhliche, ausgelassene und friedliche Stimmung in vielen Städten während der Fußballweltmeisterschaft, ein Rückblick mit Fotos vielleicht auf schöne Sommer- und Sonnenzeiten.

Familiengottesdienst zum Erntedank
am 24. September, 11.00 Uhr, in der Petruskirche

Der Sommer neigt sich nun langsam seinem Ende entgegen und vielerorts besteht auch der uralte Wunsch, den Sommer wie eine Tür feierlich abzuschließen, die Ernte in die Scheune zu fahren und in der kommenden, stilleren Zeit gleichsam Einkehr zu halten. Die Verwandtschaft des englischen "Harvest" (Ernte) mit unserem "Herbst" verweist auf diesen Zusammenhang.

Seit sich der Mensch als Teil der Schöpfung begreift, betrachten die großen Religionen die Ernte als Gottesgeschenk und fühlen sich zu Dank verpflichtet. So berichtet schon das Alte Testament von einem ersten "Erntedank-Fest": Kain opfert Früchte des Feldes, sein Bruder Abel bringt ein Tieropfer aus seiner Herde. In der christlichen Kirche sind erste Erntedankfeste seit dem 3.Jahrhundert belegt.

In vielen Religionen wurde und wird am Erntedanktag verschiedenster Gottheiten gedacht und vielfach war es üblich, die letzte Ähre, oft als Figur verziert, auf dem Feld stehen zu lassen oder in ein besonderes Festtagsbrot einzubacken; anderorts steht die Weinlese oder das Sammeln von Feuerholz für den Winter im Zentrum.

In Deutschland wird seit 1972 üblicherweise am ersten Sonntag im Oktober gefeiert. Dabei wird der Kirchenraum mit Obst, Gemüse, Kartoffeln Getreide oder Blumen geschmückt. Für manche Stadtmenschen – und besonders Stadtkinder – ein Aha-Erlebnis: So also sieht Spinat aus, wenn er nicht als eisgrüner Klotz aus der Tiefkühltruhe kommt.

In den letzten Jahren erlebt der im Dritten Reich propagandistisch missbrauchte und danach etwas vernachlässigte Erntedank eine Renaissance. Erntedankmärkte und -ausstellungen werden an vielen Orten veranstaltet, auf denen auch die heutigen Arbeits- und Existenzbedingungen der Landwirte zur Sprache kommen.

Aber die Verabschiedung vom Sommer und der Blick auf die Früchte von Feld und Flur besitzt neben dem Dank für das Geschenkte, das wir genießen und verzehren können, auch noch eine andere Komponente: "Brich dem Hungrigen dein Brot und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus!"(Jes. 58, 7), so ruft es uns der Prophet Jesaja zu. Und der Blick richtet sich dabei auf den anderen Menschen.

Das ist etwas grundsätzlich anderes als das uns überall entgegendröhnende Motto: "Geiz ist geil". Denn dies ist ein zutiefst unchristliches Lebensmotiv, weil es nicht den anderen sieht, sondern nur das egoistische Selbst.

"Lass den Hungrigen Dein Herz finden", so heißt es weiter bei Jesaja, "dann wird Dein Licht in der Finsternis aufgehen." Es ist also mehr, als dass dieser unselige Slogan von dem Geiz aufgebrochen und die Hand frei wird zum Teilen. Das Herz ist gefragt – dass ich den anderen an mich heranlasse, ihm nicht ausweiche, dass ich ihm ein gutes Wort mit auf den Weg gebe und vielleicht sogar einmal eine Rose statt Geld.

Die ganze jüdisch-christliche Tradition, wie sie uns in der Bibel überliefert ist, ist eine Option für die Armen. Und so geht es auch am Erntedanktag um das Lebensrecht des Armen in unserer Mitte. Dieses Lebensrecht des Armen steht nicht zur Disposition und kann nicht eingeschränkt werden. Auf dieser Basis kann man dann sogar Programme des sozialen Ausgleichs entwerfen, die sehr unterschiedlich sein mögen im Fördern und Fordern, aber die doch alle einen gemeinsamen Kern haben: Lebenssicherung, Schutz der Würde des Bedürftigen und seine Teilhabe an der Gemeinschaft als Gebot Gottes.

Eine spröde Wahrheit zum Erntedankfest: Was wir mit Dank als Ernte einfahren – zum Segen wird es erst, wenn wir nicht darauf sitzen bleiben, sondern Augen und Herz öffnen für die, die unserer Hilfe bedürfen.

Viele Christenmenschen sind sich dieser Komponente des Erntedanks sehr bewusst und in vielen Kirchengemeinden werden am Erntedanktag Lebensmittel an Arme verteilt, was zugleich an die Ambivalenz dieser Herbsttage zwischen Lebensfreude und Existenzangst erinnert – und an das Ende von Rilkes "Herbsttag": "Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben. Wird wachen lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen unruhig wandern, wenn die Blätter treiben".

Pfarrer Michael Busch

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