Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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12.11.2019

50 Jahre Holzkirche

von Lutz Poetter


Das "Schwedenheim" (1956)

Genau über dem Eingang zum Foyer hängt die bronzene Stiftungsplakette des "Schwedischen Hilfskomitees für Deutschlands Kinder" mit der Jahreszahl 1956.

Zuerst kaum wahrgenommen wurde am südlichen Rand von Lichterfelde ein neues Wohngebiet gebaut, die Woltmann-Siedlung. In provisorischer Schlichtbauweise entstanden von 1952 bis 1954 Baracken, in deren kleine und muffige Wohnungen rund 3.000 Menschen einquartiert wurden, darunter große Familien mit vielen Kindern. Offiziell sprach man von der "Kleinraumsiedlung für vorübergehend unschuldig in Not Geratene", im Volksmund hieß sie abschätzig die "Mau-Mau-Siedlung".

Das schwedische Hilfskomitee in Person der Gräfin Hamilton wollte die Kirchengemeinde bei ihrem künftigen Engagement für die Menschen in dieser Siedlung unterstützen. Lady Hamilton bot ein original schwedisches Holzhaus an, die Gemeinde besaß ein freies Grundstück am Geitnerweg. Der Gemeindekirchenrat stellte das Gelände zur Verfügung, nun brauchte man nur noch ein gemauertes Fundament als Keller unter dem Holzhaus. Und dafür natürlich eine ausgehobene Baugrube. Pfarrer Rohde kam zu Helmut Lehmann und erhielt das Versprechen! "Die Gemeindejugend kümmert sich um die Baugrube." Der Gemeindebrief berichtet: "Die Jugend der Siedlung half fleißig bei den Ausschachtungsarbeiten unter Leitung des Kirchenältesten Helmut Lehmann.


Das Ausschachten der Baugrube 1956. Links: Helmut Lehmann

Der erste Spatenstich erfolgte durch Pfarrer Rohde im Schneegestöber am 4. April 1956, und genau sieben Monate später konnte das voll unterkellerte fertig eingerichtete "Schwedenheim" durch Superintendent Tecklenburg in Anwesenheit der Leiterin des Hilfskomitees Gräfin Hamilton eingeweiht werden. Im Haus wurde es schnell lebendig. Jugendkreise bildeten sich, ein Bastelraum war vollständig eingerichtet und der Tischtennisraum ständig besetzt. Die vom Hilfswerk geschenkten Nähmaschinen wurden eifrig benutzt. Sonntäglich fand Kindergottesdienst statt mit fast 100 Kindern."

Zwanzig Jahre später standen die neuen Hochhäuser der Thermometer-Siedlung gegenüber der Kleinraumsiedlung, die nun als sozialer Brennpunkt und störender "Schandfleck" im bürgerlichen Lichterfelde galt.


Wolfgang Klost, "Cola" Kuhn, Pfr. Rolf Reisert mit Jungen vor der Holzkirche in den 70er Jahren

In der "Holzkirche" – wie das Haus inzwischen liebevoll genannt wurde – gab es Raum und Verständnis für die Kinder und Jugendlichen. Pfarrer Rolf Reisert und mehrere haupt- und ehrenamtliche MitarbeiterInnen setzten sich für sie ein. Nach der Friedenswoche 1973 hatte sich in der Siedlung die "Mietergruppe Mitbestimmung" gegründet. Man traf sich in der Holzkirche, um gemeinsam mit Dietrich Grothe-Jung, dem Gemeinwesenarbeiter der Petrusgemeinde Konzepte einer humanen Sanierung der Woltmannsiedlung zu entwickeln.

Die Holzkirche wurde so der Treffpunkt für die Menschen der Kleinraumsiedlung und eine Adresse im Widerstand gegen die radikalen Abrisspläne von Senat und Bezirk. 1978 begann das Team Sozialplanung um Dietrich Grothe-Jung seine Arbeit, ein Jahr später war Baubeginn für den 1. Bauabschnitt des richtungsweisenden Neubaugebiets südlich des Scheelemarktes, dem weitere Bauabschnitte folgten.

Baulich war die Holzkirche selbst inzwischen in katastrophalem Zustand: Die Kellerräume der Jugendarbeit waren baupolizeilich gesperrt, oben konnten die Kinder- und Erwachsenenarbeit fortgeführt werden. Aber das Ende der Holzkirche schien gekommen zu sein.


Die Holzkirche nach dem Brand 1996

Das Team Sozialplanung fand zum Glück auch einen Weg zur Sanierung der Holzkirche: 1984-85 verwandelte sich das schlichte Holzhaus in ein schmuckes Gemeindezentrum. Das Team Sozialplanung besorgte für die Baukosten eine Lotto-Million, der Architekt des Teams Heinz Hoffmann lieferte die Baupläne und begleitete den Um- und Neubau. Die Jugendarbeit unter Dietmar Kroll war wiederum in die Bauarbeiten einbezogen, so dass die alte Holzkirche saniert und mit einem großzügigen Anbau – Foyer und Saal – erweitert werden konnte.

Am 12. Oktober 1986 wurde das neue Haus eingeweiht: 30 Jahre nach ihrer ersten Errichtung stand die Holzkirche in neuem Glanz für die Bewohner und Gemeindeglieder bereit. Beste Voraussetzungen auch für mich als damals neuem Jugendpfarrer.

Lutz Poetter

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