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26.3.2019

Die elektrische Straßenbahn und Lichterfelde
Ein Erinnerungsblatt zum 125. Jubiläum

von Torsten Lüdtke

Aus dem Stadtbild Berlin ist sie ebensowenig wegzudenken wie aus dem anderer großer Städte. Sie gehört zu Berlin wie der Funkturm oder das Brandenburger Tor: die Straßenbahn. Im ehemaligen Westteil der Stadt ist sie – zugegeben – fast gar nicht mehr zu finden, doch im ehemaligen Ostteil gehört die Straßenbahn zu den beliebsten Verkehrsmitteln. Was aber hat die Straßenbahn mit Lichterfelde zu tun? – Ganz einfach, in Lichterfelde – genauer gesagt am Bahnhof Lichterfelde Ost – begann vor 125 Jahren der elektrische Straßenbahnbetrieb.

Am Montag dem 16. Mai 1881 hatte die als "elektrische Eisenbahn" bezeichnete Straßenbahn, die eine 2,45 km lange Strecke vom Bahnhof Lichterfelde Ost zur Kadettenanstalt befuhr, den planmäßigen Betrieb aufgenommen; nur einen Tag zuvor war diese feierlich der Öffentlichkeit übergeben worden. Die in Berlin erscheinende "National-Zeitung" berichtet darüber: "Gestern Mittag 1 Uhr ist die electrische Eisenbahn [!] von dem Bahnhofe Lichterfelde der Berlin-Anhaltischen Bahn nach der Hauptkadettenanstalt dem Verkehr übergeben worden. An der Einweihungsfeier beteiligten sich über 90 Personen. Die Fahrt verlief ohne jede Störung zur vollsten Zufriedenheit aller Theilnehmer."

Eine offizielle Probefahrt und Abnahme der Strecke durch Beamte der Eisenbahnverwaltung hatte in Anwesenheit des preußischen Eisenbahnministers, des Konstrukteurs Werner von Siemens und weiterer Ehrengäste bereits am 12. Mai stattgefunden. Werner von Siemens schreibt an seinen Bruder, daß der Minister und die Ehrengäste sehr überrascht und erstaunt gewesen seien, als "sie einen gewöhnlichen Eisenbahnwagen sahen anstelle der erwarteten Wägelchen und kleinen Locomotivchen, und noch mehr als der Wagen sich mit circa 30 Stundenkilometern Geschwindigkeit in Bewegung setzte und auch bei einer Steigung von 1:100 nicht viel an Geschwindigkeit verlor."

Werner von Siemens, der bereits 1879 auf der Berliner Gewerbe-Ausstellung eine elektrisch betriebene Kleinbahn vorgestellt hatte, war es gelungen, den elektrischen Antrieb dieser Kleinbahn zu verbessern und zu vergrößern. Mit dem so vervollkommneten Motor wurde ein Pferdebahnwagen ausgerüstet, der dann zum Prototypen der elektrischen Straßenbahn wurde. In Lichterfelde wurde für diesen Wagen der von Johann Anton Wilhelm von Carstenn finanzierte Gleiskörper der "Materialbahn", der zum Transport von Baustoffen für den Bau der Kadettenanstalt gedient hatte, hergerichtet. Mit der Einrichtung dieser elektrischen Bahn war ein doppeltes Interesse verbunden: Siemens erhielt so die Möglichkeit, seinen elektrischen Triebwagen zu erproben, Lichterfelde und der preußische Staat bekamen für die Kadetten ein preiswertes und schnelles Verkehrsmittel, denn vor allem die Kadetten nutzen das neue Fahrzeug.

Die Straßenbahn bezog ihren Strom (180V Gleichspannung) über die Gleise. Dieses Faktum wurde aber vielfach als Übelstand empfunden, da Pferde beim Passieren der Gleise gleichzeitig auf beide Schienen kommen und dann eine "elektrische Erschütterung" (einen elektrischen Schlag) bekämen, „die sie verdrießlich macht". Mehrere dieser Tatsache geschuldete Unfälle führten dazu, daß die Gleise an den Straßenübergangen stromlos gemacht wurden.

Ende 1881 wurde ein zweiter Straßenbahnwagen angeschafft; nach 1890 wurde die Strecke – nachdem Lichterfelde sich zum aufstrebenden Villenvorort entwickelt hat – weiter ausgebaut und bis zum heutigen Bahnhof Lichterfelde West verlängert. 1893 wurde dann schließlich die ursprüngliche Streckenführung, die über die Bismarckstraße (die heutige Morgensternstraße), die Bogen- und Giesensdorfer Straße führte – geändert und dem Verlauf der Wilhelmstraße (der heutigen Königsberger Straße) angepaßt.

Mit dem Ende des Straßenbahnbetriebs im Westteil Berlins endete auch der Betrieb in Lichterfelde; und nur wenig erinnert noch an die erste elektrische Straßenbahn der Welt; deshalb wurde 1983 an der Einmündung der Morgensternstraße in die Königsberger Straße eine gußeiserne Säule zum Gedächtnis an dieses bahnbrechende Ereignis aufgestellt.

Torsten Lüdtke

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