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18.3.2019

Das Überleben meistern und Hoffnung schöpfen
Weihnachten 2005 jährte sich die Tsunami-Katastrophe

von Lotta Schwedler

Etwas mehr als ein Jahr nach der Monsterwelle, die in nur zwei Minuten die Küstenregion Südindiens verwüstet hat, bietet der Golf von Bengalen ein pittoreskes Bild: weißer Sandstrand, das 300 Jahre alte dänische Fort, die bunten Fischerboote – jedes deutsche Reiseunternehmen würde sich die Finger danach lecken, so ein scheinbar unberührtes Fleckchen Erde im Prospekt abzubilden.
Doch die Idylle trügt – keine Urlaubsstimmung mag aufkommen. Selbst die sonst so unternehmungslustigen Rucksacktouristen, die auch die entlegendsten Orte für sich entdecken, scheinen diesen Platz des Grauens zu meiden.

Halbverdeckt vom weißen Sand knäuelt sich ein etwas ausgebleichter, aber immer noch bunter und farbenfroher Sari am Strand von Tranquebar. "Das Meer spült immer wieder Kleider, Sandalen, Mützen an Land", sagt Albert, der Sozialarbeiter der indischen Tamil-Evangelical-Lutheran-Church, "aber die Menschen gibt es nicht mehr her." Er kümmert sich um Kinder, die Vater oder Mutter, oft auch beide Elternteile, während des Tsunamis am 26. Dezember 2004 verloren haben (vgl. auch das Interview) – und er ist nicht der Einzige: "Tsunami-Hilfswerk" lautet die immer wiederkehrende Aufschrift an den noch intakten Gebäuden Tranquebars, einer kleinen Stadt am Meer.

Am Strand hocken die Fischer, geduldig und schweigend ihre Netze flickend. Vor ihnen ruhen ihre malerisch-bunten Holzboote. "Don Bosco", "Hope-relief", "world-vision", "Danish congregation", "Saarbrücken" lauten ihre Namen. Gespendete Gaben aus dem Ausland. Die tamilischen Fischerfamilien sind an den Ort zurückgekehrt, an dem sie ihr Hab und Gut, ihre Kinder, Mütter, Ehefrauen, Männer und Großeltern verloren haben. Wo sollten sie auch hin? Seit Generationen sie haben nichts anderes getan, als dem Meer das reichhaltige Nahrungsangebot abzuringen.

Gleich neben den Fischerbooten liegen die Überbleibsel der ehemaligen Wohnhäuser: Ein Türrahmen ist stehen geblieben, der Rest ist bis auf die Grundmauern zerstört. Hier hat niemand überlebt; selbst der jahrhundertealte Hindutempel konnte den Fluten nicht standhalten. Wie zum Hohn streckt der herabgeschlagene Kopf der Kali-Göttin ihre Zunge in Richtung Meer.

Hinter einer Düne erstrecken sich unendliche Reihen der "temporary-houses", der notdürftig aus Palmenblättern errichteten Übergangsunterkünfte für die Überlebenden. Hinter der Straße, die den Strand von der Stadt abtrennt, tut sich neues Leben auf: Bulldozer planieren eine Ebene, die etwa drei Fußballplatzflächen umfaßt. Hier soll das neue Dorf entstehen, hier soll neues Leben einziehen. Vier strahlend blaue Häuser sind Vorboten von dem, was kommen soll: Es sind Modellhäuser für jene Tsunami-Opfer, die bereit sind, aus dem gefährdeten Gebiet in die sichere Zone zu ziehen.

Ein junges Ehepaar mit zwei Kindern besichtigt die vorgeschlagenen Wohnungen und läßt sich vom staatlichen Vertreiber beraten. "Nein, ein zweistöckiges Wohnhaus kommt nicht infrage", meint energisch die junge Frau. "Die Kinder könnten aus dem Fenster fallen." Das Nachbarhaus sagt ihr schon eher zu. Doch eine Toilette direkt im Haus, das ist – nach indischer Meinung – unhygienisch.

Der kleinste Haustyp sagt schließlich dem Paar zu: Zwei Zimmer, ein Toilettenhäuschen – wie früher – das reicht. Durch die Öffnungen des Rohbaus hört man das gleichmäßige Rattern des Bulldozers. Das Leben kommt zurück – Leben, das die Toten nicht vergessen läßt. Viele von ihnen ruhen in einem Massengrab unweit des neu entstehenden Dorfes, ein Grab so groß wie ein Fußballplatz, das niemand zu betreten wagt.

Das Meer ist unsere Mutter
Interview mit Albert Donbosco

Albert Donbosco, ist Sozialarbeiter in Tranquebar – Sozialarbeiter aus Passion. Das merkt man deutlich, wenn man mit ihm spricht – und er über seine Arbeit erzählen kann. Vor dem Tsunami am 26. Dezember 2004 lag sein Schwerpunkt in der Gemeindeentwicklung. Heute arbeitet er im "Shalom Day Care Center", einem von der Kindernothilfe finanzierten Tsunami-Hilfsprojekt der Tamilisch Evangelisch-lutherischen Kirche.
Über seine Aufgabe sagt er selbst: "Man arbeitet nicht mit Maschinen, sondern mit Menschen und ihren Seelen. Das ist manchmal hart, aber sehr wichtig. Außerdem ist meine Arbeit nicht zeitgebunden. Wenn sie das wäre, wäre es keine Sozialarbeit."

Lotta Schwedler: Am zweiten Weihnachtsfeiertag 2004 verloren 35.000 Menschen in Indien ihr Leben durch den Tsunami. Wie viele Opfer forderte die Flut in Tranquebar?

Albert Donbosco: Es leben 22.000 Menschen in Tranquebar und den umliegenden Dörfern. Davon sind 525 Menschen beim Tsunami ums Leben gekommen und 6200 Häuser wurden zerstört. In anderen Distrikten des Bundesstaates Tamil Nadu wurden 20 Prozent der Bevölkerung getötet.

Lotta Schwedler: Wie feiert man Weihnachten ein Jahr nach solch einer Katastrophe?

Albert Donbosco: Anfangs planten wir, dieses Jahr Weihnachten möglichst klein und bescheiden zu feiern. Doch wir merkten schnell, daß das der falsche Weg ist. Wir müssen nach vorne blicken! Im "Shalom Day Care Center", in dem ich arbeite, hatten wir vor dem Tsunami 55 Kinder. Heute sind es 305.Die meisten kommen aus Fischerfamilien, die durch die Katastrophe ihre Häuser und ihre Boote und damit ihre Existenzgrundlage verloren haben. Die Mehrzahl der Kinder wird bis zum Abschluß der 10. Klasse bei uns bleiben. Alle Kinder in unserem Heim haben zu Weihnachten Geschenke, Süßigkeiten, Kleider und ein wenig Geld für ihre Familie erhalten. Und doch vergessen wir nicht unsere Freunde und Verwandten, die das Unglück nicht überlebt haben. Am 26. Dezember veranstalteten wir einen Gedenkmarsch zu Ehren der Opfer. Obwohl er von der Tamilisch Evangelisch-lutherischen Kirche organisiert war, schlossen sich uns viele Hindus und Moslems an. Die Zerstörungswelle fragte nicht nach Religion oder Gesellschaftsschicht. Wir tun das auch nicht. [...]

Lotta Schwedler: Wie sah die Hilfe der Regierung und der Nichtregierungsorganisationen in den Tagen und Wochen direkt nach der Katastrophe aus und wie wurde sie im Laufe des letzten Jahres weitergeführt?

Albert Donbosco: Nichts hatte am Morgen des 26. Dezembers auf ein solches Unglück hingedeutet. [...] Es war 9.15 Uhr, als die 20 Meter hohe Welle über die Stadt hereinbrach. Dörfer bis zu drei Kilometer von der Küste entfernt wurden überschwemmt. Nach zwei Minuten war der ganze Spuk vorbei. Zurück blieb ein einziges Chaos. Obwohl die Menschen unter Schock standen und viele ihre Familienangehörigen vermißten, fingen sie schon nach wenigen Stunden an, Aufräumarbeiten zu leisten. Ich selber erfuhr von dem Unglück während des Gottesdienstes und fuhr sofort nach Tranquebar, wo Verwandte von mir wohnen. Allein am ersten Tag mußte ich 62 Tote bergen. [...]
Die Menschen arbeiteten wie mechanisch. Sie richteten Garküchen ein und organisierten provisorische Unterkünfte in Gemeindehäusern und Schulen. Erst am 27. Dezember reagierte die Regierung; wenige Tage später folgten Hilfsorganisationen aus aller Welt. Anfangs gab es noch erhebliche Koordinationsprobleme: Politiker forderten die Nichtregierungsorganisationen auf, ihre Spendengelder komplett über Konten der Regierung laufen zu lassen, doch weigerten sich diese.
Innerhalb von zwei Wochen schaffte man es gemeinsam, die Kinder in Heimen wie dem "Shalom Day Care Center" und dem "Ziegenbalk-Jungenhaus" unterzubringen, Notunterkünfte für die Familien zu errichten und diese mit Nahrung zu versorgen. Bis heute sind viele Familien auf die kostenlosen Reis- und Kerosin-Lieferungen angewiesen.
Außerdem erhielt jede Familie rund 500.000 Rupien für jedes dem Tsunami zum Opfer gefallene Familienmitglied. Dieses Geld wurde von den Banken jedoch nur zum Bau von Häusern und zur Existenzgründung ausgezahlt. Kurz vor Weihnachten – also nach knapp zwölf Monaten – konnten die ersten Familien von den Übergangsunterkünften in neu errichtete Häuser mit festem Fundament umziehen.

Lotta Schwedler: Mit welchen Problemen sehen Sie sich als Sozialarbeiter konfrontiert?

Albert Donbosco: Die finanzielle Unterstützung der Betroffenen wurde oft nicht ausreichend koordiniert und kontrolliert. Viele Männer geben das Geld für Alkohol aus. Die Alkoholikerrate ist seit dem Tsunami auf das Doppelte gestiegen. Wir zeigen Aufklärungsfilme und reden mit den Menschen, um ihnen zu zeigen, daß Alkohol der falsche Weg ist, um mit ihrer Trauer und Hilflosigkeit, die oft in Wut umschlägt, umzugehen.

Lotta Schwedler: Damals war schnellstmögliche Hilfe gefragt. Niemand war auf eine derartige Naturkatastrophe mit so gravierenden Folgen gefaßt gewesen. Dadurch sind doch bestimmt auch Fehler gemacht worden?

Albert Donbosco: Natürlich. Fehler bleiben bei einem so überstürztem Handlungsbedarf nicht aus. So dachten zum Beispiel die Regierung und die Hilfsorganisationen in den Wochen nach dem Tsunami lediglich an die Versorgung und Entschädigung der Fischerfamilien. Daß jedoch auch viele Landarbeiterfamilien betroffen waren, vergaß man. Viele von ihnen hatten Verwandte verloren und mußten zusehen, wie ihre Felder und ihr Vieh buchstäblich davongespült wurden. In Tamil Nadu verloren sie 12.000 Rinder, von Ziegen, Hühnern und anderem Vieh ganz zu schweigen. Der Boden, den sie früher bewirtschafteten, ist heute versalzen.
Es gilt nun, eben solche Fehler zu erkennen und zu beheben. Durch den regen Geldfluss nach der Katastrophe wurde außerdem das Sozialsystem und das Gleichgewicht der Dorfgemeinschaften ins Wanken gebracht. Die indische Regierung zahlt jedem Ehepaar bei der Hochzeit 40.000 Rupien (ca. 750,- EUR). Nach dem Tsunami waren die Familien auf dieses Geld angewiesen, außerdem glaubten sie, den großen Bevölkerungsverlust auf diese Weise ausgleichen zu können. Deshalb ist das Durchschnittsalter in den vom Tsunami betroffenen Regionen bei der Eheschließung von 23 Jahre auf heute 16 Jahre gesunken.
Ein weiteres Beispiel: Früher arbeiteten acht bis zehn Fischer gemeinsam auf einem Boot und wurden vom Schiffsbesitzer bezahlt. Diese Anzahl von Männern ist nötig, da die Arbeit noch heute komplett von Hand gemacht wird. Es bedarf einiger Kraft, um die bis zu 1500 Meter langen Netze aus dem Wasser zu ziehen. Heute hat jedoch fast jeder Fischer durch die Hilfe sein eigenes Boot. Niemand ist deswegen mehr bereit, für andere zu arbeiten. Es gibt nur noch Bootsbesitzer, aber keine Crew. Einige haben auch die Chance genutzt, um die gespendeten Boote zu Geld zu machen. Obwohl ein Teil der Fischerboote nun ungenutzt am Strand liegt, gibt es bereits erste Anzeichen für Überfischung und Preisverfall.
Positiv ist zu beobachten, daß durch die Verhandlungsgespräche, die die Vertreter der Hilfsorganisationen direkt mit den Betroffenen geführt haben, die gesellschaftlich so gering geschätzten Fischern ein neues Selbstbewußtsein bekommen haben. Man hat auf gleicher Augenhöhe mit ihnen gesprochen und verhandelt, man hat ihnen zugehört – darauf sind sie noch heute stolz.

Lotta Schwedler: Das heißt doch aber, daß die Menschen bereit sind, ihre Arbeit – das Fischen – wieder aufzunehmen.

Albert Donbosco: Ja, die meisten. Was sollen sie denn tun? Sie haben nie etwas anderes gelernt. Einige versuchen umzusatteln. Sie haben in Fortbildungskursen gelernt, Bootsmotoren zu reparieren. Doch das Meer ist und bleibt ihr Leben; sie bezeichnen es noch heute als ihre "Mutter". Die Regierung warnt zwar davor, näher als 200 bis 500 Meter am Wasser zu siedeln, und trotzdem zieht es viele wieder ans Meer.

Lotta Schwedler wurde 1985 in Berlin geboren und in der Petruskirche konfirmiert. Zur Zeit arbeitet sie im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres in einer Missionseinrichtung in Indien.