ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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22.5.2019

Passion

von E-Mail

Bitten, Flehen, lautes Schreien und Tränen – wir können uns vielleicht nur schwer vorstellen wie Jesus im Garten von Gethsemane und danach gelitten hat. Es war ein entsetzliches Treiben, das da mit ihm veranstaltet worden ist. So viel Blut? Hätte es nicht auch einen anderen Weg zum Heil gegeben? Warum hat Gott hat die Passion Jesu nicht mit einem Machtwort beendet, sondern "durchgezogen" bis zum Schluss?

Bitten, Flehen, lautes Schreien und Tränen – das erinnert auch an die Leidenssituationen unserer Tage, an die Rufe von Verschütteten, an die Panik nach einem Terroranschlag, an die Reaktionen auf den Mord an einem Kind. Bitten, Flehen, lautes Schreien und Tränen – das ist der Spiegel eines gestörten Zusammenlebens, das Zeichen dafür, dass das Böse sehr real ist. Wir sind darin konfrontiert mit der eigenen Hilflosigkeit.

Irgendwo auf der Welt wird immer inständig gebeten, um Gnade gefleht, lauthals geschrien, herzzerreißend geweint, ohne dass wir das wirklich überwinden könnten. Immer wieder gibt es Grund zum Klagen, zum Anklagen, als könnte sich die Welt nie ändern. Immer wieder trifft es die Falschen, die Unbeteiligten, die Unschuldigen. Alle Vorkehrungen, alle Sicherheitsmaßnahmen können nichts daran ändern, dass es Opfer gibt. Die Ohnmacht macht wütend. Wir suchen nach den Schuldigen und fragen auch: Wie kann Gott das zulassen? Bleibt denn das Leid auch bei Gott unwidersprochen, unbeachtet? Warum gebietet er dem Schrecken nicht Einhalt? Kann er es womöglich gar nicht? Will er es nicht?

Die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes

Zu allen Zeiten haben sich Menschen Gedanken darüber gemacht, wie denn das Böse in der Welt angesichts eines allmächtigen und gerechten Gottes so furchtbare Konsequenzen haben kann. Eine der Antworten lautete: Wer etwas erleiden muss, trägt eine womöglich verborgene Schuld in sich. Der biblische Hiob hat das entkräftet. Er als frommer und gottesfürchtiger Mann hat es wirklich nicht verdient, dass er seine Familie verliert und dann auch noch seine Gesundheit, so dass er lieber tot sein möchte als in diesem Zustand. Deshalb klagt er Gott als ungerecht an. Doch er bekommt zu hören: "Du kleiner Mensch hast nichts zu rechten mit Gott."

Angesichts der von Gott geschaffenen Wunder der Natur muss Hiob am Ende einsehen, dass er an einem herumkritisiert, der ihm in jeder Hinsicht haushoch überlegen ist. Die Ameise kann sich eben nicht mit dem Elefanten anlegen. Hiob bleibt da nur zu sagen: "Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt."

Die Philosophen der neueren Zeit haben sich auch ihre Gedanken dazu gemacht. Einige sahen in der Gegenwart des Bösen den Beleg dafür, dass auf Gott kein Verlass ist. Er greift nicht ein, und daher ist der Mensch gefordert, seine Verantwortung für sich und die Welt wahrzunehmen. Andere lösen die Frage nach Gottes Gerechtigkeit mit dem Verweis auf die Boshaftigkeit der Menschen: Man solle nicht den Falschen anklagen, meinen sie, sondern sich an den wirklich Schuldigen halten, und das ist der Mensch, der immer wieder alles durcheinander bringt. Es bleibt etwas Unbefriedigendes an der Vorstellung eines allmächtigen Gottes in einer kaputten Welt.

Bei der Frage nach der Ursache für das Böse und danach, warum es weiter existieren darf, geht es auch nicht nur um Argumente in einem mehr oder weniger akademischen Gedankenwettstreit. Es kommt vielmehr darauf an, welche Konsequenzen wir für unser eigenes Leben daraus ziehen. Wie wir also ganz konkret mit der Tatsache umgehen, dass es Böses, dass es Katastrophen gibt, die wir nicht ändern können.

Jesus geht den Weg des Leidens aus Solidarität

Wenn wir in diesen Tagen auf die Passionsgeschichte Jesu blicken wie sie uns die Evangelisten erzählen, finden wir keine tiefschürfenden philosophischen Erkenntnisse über die Verträglichkeit des Bösen mit der Existenz Gottes. Jesus diskutiert und spekuliert nicht mit, er beschäftigt sich nicht mit der Theorie des Leidens. Vielmehr geht er den Weg des Leidens. Sehr bewusst, sehr klar ist ihm, wie dieser Weg enden wird. Sicher fragt er im Garten Gethsemane: "Kann dieser Kelch nicht an mir vorüber gehen?" Und dennoch erduldet er es – von den ersten Spötteleien über die verbalen Angriffe bis hin zu den Folterungen und dem barbarisch vollzogenen Tod am Kreuz.

Es spricht viel dafür, dass Jesus als ein Störenfried beseitigt werden soll, der mit seiner radikalen Predigt allen ein Dorn im Auge ist. Dennoch willigt er ein und sagt: Ja, ich will's tragen. Kein Sich-Aufbäumen gegen die Schergen des Reiches, kein entnervter Griff zu den göttlichen Machtmitteln, keine Hasstiraden, keine Verfluchungen der Henker kommen aus seinem Mund, als er seinen Tod vor Augen hat.

Aber er leidet nicht um des Leidens willen. Und im Blick auf die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes angesichts des Bösen in der Welt verstehe ich dieses Leiden so: Jesus macht deutlich, dass Gott nicht am Leid der Welt vorbei sieht. Er nimmt es nicht nur als Beobachter von außen wahr und hat seine Gefühle und Gedanken dabei. Nein, er leidet selbst und fühlt genau das, was der Leidende auch spürt. Gott bleibt gleichsam nicht vor der Gefängniszelle stehen, sondern geht mit hinein, leidet dieselbe Einsamkeit, isst dasselbe faulige Brot. Er selbst erlebt das Leiden bis zum bitteren Ende. Er ist ein Gott, der leidet, der mit leidet, wenn in der Welt Krieg und Hunger, Auseinandersetzung, Krankheit und Tod sind.

Das ist so etwas wie ein Akt tiefster Solidarität. Er schaut nicht zu, sondern leidet selbst. Er weint nicht, wenn einer stirbt, sondern stirbt selbst. Er ist kein Gott, der über allem steht, kein unangreifbar erhabener und souveräner Gott, der irgendwo thront, ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen, sondern einer, der sich ins Leben verwickeln lässt, der sich hineinziehen lässt ins Leid, der sich auch da noch in eins mit dem Menschen setzt, wo man am liebsten die Augen abwenden möchte. Gott begibt sich selbst in die Welt hinein, um das Menschenschicksal zu teilen mit allem, was dazugehört. Beim Versuch uns zu helfen hat sich Gott den Tod geholt.

Was dem einen nur als verachtenswerte Ohnmacht erscheint, das ist dem anderen ein tiefer Trost, weil Gott gerade in der scheinbaren Gottesferne so nah sein kann.

Dies ist eine andere Art von Gerechtigkeit als das "Entweder-du-oder-ich". Gott selbst macht den Anfang damit, dass er sich nicht selbst durchsetzt. Daher kein Akt der Vergeltung, sondern der Weg der Versöhnung und des Friedens. Frieden, wie Gott ihn meint, kann nicht durch Siege – und entsprechende Opfer – gewonnen werden. Frieden kann nur gelingen, wo Rache und Verbitterung ihre fatalen Folgen nicht mehr entfalten, wo der Kreislauf der Gewalt durchbrochen wird, wo das Böse sich totläuft und etwas Neues daraus wachsen kann.

Und genau das geschieht am Kreuz. Dies bringen besonders plastisch Kreuzesdarstellungen zum Ausdruck, in denen das Kreuz ein Stamm ist, aus dem neue Zweige treiben. Gottes Beitrag zur Gerechtigkeit ist es, dass durch das Geschehen am Kreuz die Welt neue Hoffnung erhält, zu Frieden und Gemeinschaft zu finden.

Pfarrer Michael Busch