Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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11.12.2019

Gesicht zeigen
Woche der Brüderlichkeit 2006, Berlin 5. - 12. März

Liebe Leserinnen und Leser,

Ein offenes Gesicht. Zwei Gesichter haben. Das Gesicht wahren. Das Gesicht verbergen. Sein Gesicht verlieren. Gesicht zeigen...

Die deutsche Sprache ist reich an Redewendungen, die mit den vielfältigen Bedeutungen des Wortes "Gesicht" in der Umgangsprache spielen. Alle diese Formulierungen – und gewiss auch jene vom Deutschen Koordinierungsrat als Jahresthema 2006 gewählte Redewendung "Gesicht zeigen" – sind Sprachbilder von fast biblischer Kraft, die den Menschen in seiner Körperlichkeit und nicht nur als denkendes Wesen zeigen. "Gesicht zeigen" ruft in uns das Bild von einem Menschen hervor, der sich zeigt, in seiner menschlichen Unvollkommenheit, seiner Verletzlichkeit, seiner Ungeschütztheit, ja, seiner Nacktheit – und der gerade dadurch Vertrauen und Mut gleichermaßen offenbart wie von seinem Gegenüber einfordert.

"Gesicht zeigen" beschreibt somit den Menschen in seinem Verhältnis zu anderen Menschen, denn sein Gesicht zeigen steht in unmittelbarer Beziehung zu einem Gegenüber, mag es ein Freund oder ein Feind sein. Indem wir dem Anderen unser "Gesicht zeigen", teilen wir ihm unmissverständlich mit: "Hier bin ich". Und dieses Sich-Zeigen bedeutet Verantwortung für sich und den Anderen annehmen, Schmach und Unrecht von sich und den Anderen abwehren. Dies offenbart die ethisch Dimension, die jedem "Gesicht zeigen" innewohnt.

Auch in der Bibel treffen wir auf die Metapher "Gesicht zeigen" ebenso wie auf ihre Kehrseite, das Gesicht verbergen, abwenden, verhüllen. Die Begegnung Gottes mit seinem Volk Israel etwa findet ihren konkreten Ausdruck in Beschreibungen, in denen vom zugewandten, abgewandten und verhüllten Angesicht Gottes die Rede ist. Eingekleidet in Geschichten wird von der Beziehung des Volkes zu Gott erzählt, und weil wir von diesen Begegnungen wissen, sie eingebettet in die Geschichte sind, sind wir aufgerufen unser Gesicht hier, in der Gemeinschaft, in der wir leben, zu zeigen. Gottes Angesicht können wir nicht schauen, "Kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben" spricht Gott zu Mose. Wir aber können unser Gesicht zeigen, denn wir wissen um die Begegnung mit Ihm, dessen Angesicht wir spüren aber nicht schauen können.

Fast noch mehr als im politischen Raum geht es gerade auch im Alltag darum, Gesicht zu zeigen, überall dort, wo Gesichtslosigkeit – sei es in Form von Gleichgültigkeit oder gar Bosartigkeit – vorherrscht, wo Hinsehen und Handeln statt Wegsehen und Flüchten gefordert sind: In der U-Bahn, auf der Straße, bei einer Party, in Schule und Beruf sowie gewiss auch in der eigenen Familie.

Machen wir uns nichts vor, es ist nicht immer einfach, sein Gesicht zu zeigen, es dem Angriff auszusetzen, ein Risiko einzugehen. Wenn wir die würdigen, die den Mut hatten, Augen, Ohren und Mund zu öffnen und ihre Empörung über drohendes oder geschehendes Unrecht heraus zu schreien, sie als Leitbilder betrachten, dürfen wir aber die nicht vergessen, denen der Mut fehlte, sie weisen darauf hin, dass unser Versagen stets eine Möglichkeit unseres Handelns ist. "Gesicht zeigen" ist keine Selbstverständlichkeit, obwohl es eine sein sollte. Darum ist es an uns, eine Gemeinschaft zu schaffen, in der immer mehr Menschen den Mut haben, ihr Gesicht zu zeigen, eine Gemeinschaft, in der dieses selbstverständlich ist.

Veranstaltungen der Gesellschaft für Christlich-jüdische Zusammenarbeit finden Sie im Internet: www.gcjz-berlin.de.
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