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16.1.2019

Über fette Speisen, hartes Fasten und die Schönheit des Leibes
Die biblische Glosse

von Lutz Poetter

Liebe Gemeinde!

Zu einem Freudenfest gehörte nach biblischer Überlieferung ein üppiges Festmahl mit fetten Speisen und starken Getränken. So luden der Statthalter Nehemia und der Priester Esra das Volk Israel nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft im Babylonischen Exil zu einem heiligen Freudenfest ein.

Jerusalem mit seinen zerstörten Mauern sollte wieder aufgebaut werden, der Tempel neu erstehen, ein neuer Anfang gemacht werden: Die mageren Jahre waren endlich vorbei... "Geht hin und esst fette Speisen und trinkt süße Getränke; denn dieser Tag ist heilig unserm Herrn."

Wir Heutigen sehen und hören das genau anders herum: Fett und gehaltvoll gilt als ungesund und ungenießbar, mager und kalorienarm sollen unsere Speisen sein. Im Wohlstand unserer Überflussgesellschaft haben wir unseren Bäuchen Diät verordnet und träumen vom Schlanksein. Dicksein ist hässlich, nur Schlanksein ist schön...

In biblischen Zeiten bis zu den Kriegs- und Nachkriegserfahrungen in unserem Land galt: Wohlstand und Überfluss waren selten, Hunger und Notzeiten bestimmten das Leben der Menschen – leider öfter, als es ihnen lieb war.

Der Traum des Pharao macht es deutlich: Die sieben fetten Kühe, die dem Nil entsteigen symbolisierten die sieben guten, satten Jahre, während die mageren Kühe für die sieben Jahre des Hungers und der Not standen. Das wandernde Hirtenvolk der Hebräer überlebte nur Dank der Zuflucht im fruchtbaren Nildelta die Zeiten der Dürre und wurde erst später sesshaft in einem Land, in dem Milch und Honig flossen.

Für die Menschen der Bibel war fett gleichbedeutend mit wohlgenährt, gesund, reich, gut und schön. Mager war krank, elend, arm und hässlich. Wohl dem, der fette Kühe sein eigen nannte und wohlgenährte Schafe auf fetter Weide grasen ließ! Gesundheitsapostel und Abstinenzler weisen gerne darauf hin, dass Satte bequem und träge würden, Völlerei und Trunkenheit lasterhaft seien, aber damals gab es sicherlich keine Kalorienzähler. Und der Vater ließ bei der Rückkehr des verlorenen Sohnes das gemästete Kalb schlachten, er servierte dem Heimkehrer keinen Rostkostsalat.

Aber haben die Menschen der Bibel nicht auch gefastet? Das biblische Volk Israel kannte ein strenges Fasten, aber nicht aus gesundheitlichen Gründen oder um das Übergewicht zu bekämpfen. Fasten war ein kollektiver Akt der Buße vor Gott, eine Form der gemeinschaftlichen Kasteiung zur Sühne für begangenes Unrecht. Die Fastenden kleideten sich reumütig in Sackleinen und streuten bußfertig Asche auf ihr Haupt, um den Zorn Gottes zu besänftigen und Vergebung durch Reue zu erlangen. So fastete auch König David, als er wegen der schönen Bathseba durch Ehebruch und Mord schwere Schuld auf sich geladen hatte.

Und es gab ein Fasten der Prüfung für herausragende Männer Gottes, vornehmlich in der Einsamkeit der Wüste. Hier fastete laut Evangelium auch Jesus von Nazareth, bevor der Versucher ihm entgegen trat.

Bei dieser Vorliebe für Fettes – wie sah das Idealbild menschlicher Wohlgestalt aus in biblischen Zeiten? Bei Männern spielten hoher Wuchs und Körperkraft eine große Rolle. Saul überragte die Männer des Volkes Israel um Hauptes Länge und er war ein kampferprobter Recke. Beides bestimmte ihn dazu, der erste König des Zwölfstämmeverbandes zu werden. Aber selbst der hünenhafte König Saul wirkte zierlich gegen den muskelbepackten Giganten der feindlichen Philister: Goliath war überwältigende drei Meter groß und im Zweikampf unbesiegbar. Der schöne und schlaue Jüngling David war offensichtlich chancenlos gegen diesen Goliath – und fällte ihn mit göttlicher Hilfe und einem listigen Distanzschuss mit seiner Steinschleuder. Riesenwuchs und Körperkraft allein formten also noch nicht das ideale Mannsbild, es sollte auch etwas lebenserhaltender Grips vorhanden sein.

Klugheit, Frömmigkeit und Emsigkeit gehörten nach Ansicht israelitischer Weiser auch zu den weiblichen Primärtugenden. Wahre Schönheit kam demnach von innen, sie zeigte sich in der aufopfernden Hingabe eines züchtigen und arbeitsamen Lebenswandels und nicht in körperlichen Vorzügen oder gar reizvoller Kleidung und anziehendem Schmuck. "Lieblich und schön sein ist nichts; ein Weib, das den Herrn fürchtet, ist zu loben." So sah es wenigstens die sittenstrenge Mutter des Königs Lemuel von Massa.

Zu gerne wüssten wir um das Geheimnis dieses reizenden Nichts, sprich damaliger weiblicher Traummaße. König David muss sie vor Augen gehabt haben, denn er war vom Anblick der nackten Bathseba beim Bade so entflammt, dass er zu jeder Sünde mit ihr bereit war. Leider wird uns ihre bezaubernde Schönheit nicht näher beschrieben: Mädchenhafte Grazie oder üppige Weiblichkeit – was mag die Leidenschaft des königlichen Lüstlings so entfacht haben, dass er die Ehefrau des Hethiters Uria mehr begehrte als die ausgesuchten Schönheiten in seinem eigenen wohlgefüllten Harem?

Auch ein Blick in das Hohelied Salomos – ein Schmuckstück antiker Liebeslyrik – macht uns nicht schlauer: Die vom weisen und frommen Sohn und Nachfolger Davids besungene Schöne war brünett, eine Lilie unter den Dornen, sie hatte Taubenaugen, ihr Haar glich einer Herde Ziegen von Gebirge Gilead, ihre Zähne einer Herde geschorener Schafe, ihre Lippen einer scharlachroten Schnur, ihre Brüste hüpften wie junge Gazellen.

Der königliche Liebhaber Salomo besang seine schöne lockige Sulamith: "Wie schön ist dein Gang in den Schuhen, du Fürstentochter! Die Rundung deiner Hüfte ist wie ein Halsgeschmeide, das des Meisters Hand gemacht hat. Dein Schoß ist wie ein runder Becher, dem nimmer Getränk mangelt. Dein Leib ist wie ein Weizenhaufen, umsteckt mit Lilien. Wie schön und wie lieblich bist du, du Liebe voller Wonne! Dein Wuchs ist hoch wie ein Palmbaum, deine Brüste gleichen den Weintrauben. Ich sprach: Ich will auf den Palmbaum steigen und seine Zweige ergreifen!" Dass der liebestolle Salomo diesen weisen Worten auch kluge Taten folgen ließ, können wir uns lebhaft vorstellen. Allerdings bleibt die Frage nach der Gestalt seiner schönen Gespielin weiter ungeklärt: War Sulamith nun eher mager oder eher fett?

Aber auch das Buch der Sprüche wird weitgehend dem späten König Salomo zugeschrieben. Im Alter wurde er nämlich nicht müde, junge Männer vor den Lockungen der reizenden Verführerinnen zu warnen: "Ein schönes Weib ohne Zucht ist wie eine Sau mit einem goldenen Ring durch die Nase." Sollte dieser Vergleich ein versteckter Hinweis sein – auf ein üppiges Schönheitsideal?

Lutz Poetter

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