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22.7.2019

"Tu deinen Mund auf für die Stummen"
Zum 100. Geburtstag Dietrich Bonhoeffer

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Dieses Gedicht zählt wohl zu den bekanntesten Texten des Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer. In einigen Wohnungen und Häusern älterer Gemeindeglieder habe ich es bei Besuchen immer wieder vorgefunden. Das Gedicht findet sich auf kleinen Holztafeln, Keramikfliesen oder Schmuckkarten, oft ist es vertont worden.

Dietrich Bonhoeffer schrieb diese Worte aus seiner Gefängniszelle zum Jahreswechsel 1944/45. Und es spiegelt in eindrucksvoller Weise Bonhoeffers tiefe Frömmigkeit in Anbetracht seines bevorstehenden Todes, den er deutlich vor Augen hat.

Straßen und Schulen, Kirchen und Gemeindehäuser tragen heute seinen Namen. Ein Kino-Film, "Die letzte Stufe" erzählt seine Geschichte. Sein leidenschaftlicher Protest gegen die Nationalsozialisten, seine aktive Rolle im Widerstand gegen Hitler, seine Bücher und sein Märtyrertod vor 60 Jahren finden weit über die deutschen Grenzen hinaus Beachtung. Und dennoch stelle ich gerade bei Konfirmandinnen und Konfirmanden fest, dass sie mit dem Namen Bonhoeffer nicht viel verbinden, ja die Person ihnen oft gänzlich unbekannt ist. Vielleicht kann dieses Jahr, das innerhalb der evangelischen Kirche mit vielen Gottesdiensten und Veranstaltungen in vielfältiger Weise dem Erinnern an seine Person und seinem theologischen Werk dient, dazu beitragen, auch Jugendlichen diese eindrucksvolle Persönlichkeit des deutschen Protestantismus näher zu bringen. Sein ebenfalls in der Haft geschriebenes Gedicht "Wer bin ich" kann dazu vielleicht einen guten Zugang eröffnen.

Wer war Dietrich Bonhoeffer, der innerhalb der Evangelischen Kirche und auch darüber hinaus 100 Jahre nach seinem Geburtstag und 61 Jahre nach seinem Tod so hohes Ansehen genießt? War er ein "evangelischer Heiliger"? Bischof Albrecht Schönherr, der von 1969 bis 1981 Vorsitzender des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR war, äußerte auf diese Frage jüngst in einem Interview: "Nein, das war Bonhoeffer sichtlich nicht. Er wollte es jedenfalls nicht sein. Heute hält man diesen Titel wahrscheinlich für ihn bereit. Menschen werden sagen oder zumindest denken: 'Bonhoeffer hat gesprochen, also ist es so.' Aber das ist das Gegenteil von dem, was damals war. Bonhoeffer berichtet in seinen Aufzeichnungen von einem Gespräch in New York, im Jahr 1930, mit einem französischen Pfarrer. Beide sprachen darüber, was ihr Leben wohl für einen Sinn haben sollte. Und da sagte der Franzose: "Ich möchte ein Heiliger werden." Und Bonhoeffer sagte: "Ich möchte glauben lernen." Das ist ein ganz bezeichnender Unterschied."

Dietrich Bonhoeffer wurde am 4. Februar 1906 in Breslau als Sohn eines Psychiatrie-Professors und einer Pfarrerstochter geboren. Mit 17 Jahren entschließt er sich, Evangelische Theologie zu studieren. Während eines Studienjahres in New York findet er Antwort auf seine zentrale Frage: In welcher Gestalt kann die Kirche ein glaubwürdiges Zeugnis für Menschen sein, denen in moderner Zeit der christliche Glaube immer mehr abhanden kommt?

"Tu deinen Mund auf für die Stummen", dieses biblische Leitwort (Sprüche 31,8) hat Bonhoeffer oft zitiert und selbst beherzigt. Die Judenverfolgung der Nationalsozialisten prangerte er schon 1933 offen an. Im Predigerseminar der Bekennenden Kirche fand er mit seinen Schülern damals ungewöhnliche Formen gemeinsamen spirituellen Lebens, in die er seine Erfahrungen aus afroamerikanischen Gemeinden in New York einfließen ließ.

Hellsichtig erkennt er die Gefahren des Nazi-Regimes und warnt davor, dass der "Führer" zum "Verführer" werden könne. Zusehends wird Bonhoeffer in die Illegalität gedrängt. Anfang der 40er-Jahre schloss er sich dem konservativen Widerstand an. Das moralische Dilemma, als Christ und Pazifist den Mord an Hitler zu planen, hat er theologisch in seiner "Ethik" verarbeitet ("Schlimmer als Böses zu tun ist das Böse-Sein").

Am 5. April 1943 wird er schließlich von der Gestapo verhaftet. Überzeugt von der politischen Schuld seiner Kirche, entwarf Bonhoeffer in der Haft ein flammendes Schuldbekenntnis und Pläne für eine grundlegende Kirchenreform.

Kurz vor Kriegsende wird er auf Befehl Hitlers am 9. April 1945 im Alter von 39 Jahren im Konzentrationslager Flossenbürg erhängt.

Seine letzten Worte, die uns überliefert sind: "Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens." Es dauerte über 50 Jahre, bis das Berliner Landgericht am 26. August 1996 die Rehabilitierung des evangelischen Theologen bestätigte.

Wenn Sie sich über Gottesdienste und Veranstaltungen informieren möchten, so können Sie dies auf der Internetseite www.Bonhoefferjahr.de tun.

Michael Busch, Pfarrer

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