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13.12.2018

Die Krippe

von Torsten Lüdtke

Felix sah aus dem Fenster auf die Straße. Der anbrechende Abend tauchte die Vorstadthäuser in ein blasses, blaugraues Licht. Der Schnee fiel in dichten Flocken und überzog die Straße, Gärten und Dächer mit einer weichen, weißen Decke. Nur noch wenige Tage würden bis zum Weihnachtsfest vergehen und das Warten würde ein Ende haben...

Auf eine Krippe

Komm nun wieder, stille Zeit,
Krippe, Stern und Kerzen,
Will in allem Erdenleid
Diese Welt verschmerzen.
Zwischen meinen Fingern rinnt
Still der Sand des Lebens,
Weiß nicht, was der Weber spinnt,
Doch er spinnt vergebens.
Was wir vor uns auch gebracht,
Pflugschar rauscht darüber,
Fährmann steht am Saum der Nacht,
Und es ruft: "Hol' über!"
Kind und Stern und Dach und Tier,
so begann die Reise,
Und so endet's dir wie mir:
Erste, letzte Speise.
Aus den Windeln lächelt's stumm
Zu der Mutter Neigen,
Ochs und Esel stehn herum,
Und die Sterne schweigen.
Schuld und Fehle rechnen nicht,
Jedes Herz muß tragen,
Scheine wieder, sanftes Licht,
Wie in Kindertagen.
Tief darüber beug' ich mich,
Gleichnis allen Lebens,
Ende fügt zum Anfang sich,
Nichts scheint mehr vergebens.
Wenn sich jede Tür verschließt,
Eins kannst du bewahren:
Daß du vor der Liebe kniest
Noch in weißen Haaren.

Ernst Wiechert (1887-1950)

Weihnachten

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus;
Sinnend geh’ ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.
An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.
Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus ins freie Feld.
Hehres Glänzen, heil’ges Schauern,
Wie so weit und still die Welt!
Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schnees Einsamkeit
Steigt’s wie wunderbares Singen.-
O, du gnadenreiche Zeit!

Joseph von Eichendorff (1788-1857)

Der kleine Nimmersatt

Ich wünsche mir ein Schaukelpferd,
’ne Festung und Soldaten,
Und eine Rüstung und ein Schwert,
Wie sie die Ritter hatten.
Drei Märchenbücher wünsch' ich mir,
Und Farben auch zum Malen
Und Bilderbogen und Papier
Und Gold- und Silberschalen.
Ein Domino, ein Lottospiel,
Ein Kasperletheater;
Auch einen neuen Pinselstiel
vergiß nicht, lieber Vater!
Ein Zelt und sechs Kanonen dann
Und einen neuen Wagen
Und ein Geschirr mit Schellen dran,
Beim Pferdespiel zu tragen.
Ein Perspektiv, ein Zootrop,
’ne magische Laterne,
Ein Brennglas, ein Kaleidoskop –
Dies alles hätt' ich gerne.
Mir fehlt – ihr wißt es sicherlich –
gar sehr ein neuer Schlitten,
Und auch um Schlittschuh möchte ich
Noch ganz besonders bitten,
Um weiße Tiere auch von Holz
Und farbige von Pappe,
Um einen Helm mit Federn Stolz
Und eine Flechtemappe;
Auch einen großen Tannenbaum
dran hundert Lichter glänzen,
Mit Marzipan und Zuckerschaum
Und Schokoladenkränzen.
Doch dünkt dies alles euch zuviel,
Und wollt ihr daraus wählen,
So könnte wohl der Pinselstiel
Und auch die Mappe fehlen.
Als Hänschen so gesprochen hat,
Sieht man die Eltern lachen:
"Was willst du, kleiner Nimmersatt,
Mit all den vielen Sachen?"
"Wer soviel wünscht"
– der Vater spricht's –
"Bekommt auch nicht ein Achtel. –
Der kriegt ein ganz klein wenig Nichts
In einer Dreierschachtel."

Heinrich Seidel (1842-1906)

Ihm gegenüber, im hohen lederbezogenen Ohrensessel saß der Großvater. Vor ihm auf dem Tisch stand neben einer kleinen Porzellantasse mit dampfendem Kaffee und einem Teller mit Äpfeln und Nüssen auch eine große, mit altertümlichen Buntpapier bezogene Schachtel, deren Deckel mit großen, altdeutschen Buchstaben beschriftet war. Felix war langweilig; viel lieber hätte er eine Schneeballschlacht gemacht oder wäre mit seinen Schulkameraden Christian und Thomas zum Rodeln gegangen, anstatt seinen Großvater zu besuchen.

Die Aufforderung des Großvaters, die geheimnisvolle Schachtel zu öffnen und zu sehen, was darin verborgen wäre, hatten auch keinen Reiz für Felix. So mußte der Großvater selbst den Deckel abheben, den ersten Bogen knisternden Seidenpapiers selbst herausnehmen und beiseite legen. Doch als sich ein verklärtes Lächeln auf dem Gesicht des Großvater zeigte, war auch Felix neugierig geworden; langsamen Schrittes ging er auf den Großvater und die rätselhafte Schachtel zu. "Bitte lass mich auch schauen, Opa." sagte er und blickte in die Schachtel.

Was Felix dort sah, ließ ihn erstaunen: Er sah im weichen Seidenpapier Maria, Josef und das Christuskind – meisterhaft aus Lindenholz geschnitzt – liegen. "Die sind aber schön!" rief Felix voll Begeisterung aus. "Ja –" sagte der Großvater, dabei nahm er die Figur der Maria in die Hand und betrachtete sie, "wunderschön und sehr alt. Schon mein Großvater hat die Krippenfiguren besessen. Vor ungefähr hundert Jahren, als er von seiner Reise nach Italien zurückkam, hat mein Großvater sie in Tirol bei einem alten Holzschnitzer gesehen und für wenige Taler gekauft."

Nach und nach kamen noch weitere Figuren in der Schachtel zum Vorschein: Ochs und Esel, Schafe und Hirten sowie ein Engel mit dem Spruchband "gloria in excelsis deo" in den Händen. Felix war ganz sprachlos. Die Weihnachtskrippe hatte er noch nie beim Großvater gesehen, obwohl sie doch jedes Jahr zusammen mit der ganzen Familie im Haus des Großvaters Weihnachten feierten.

"Als ich so alt war wie du" bemerkte der Großvater voller Rührung, "folgte das Aufbauen der Krippe einer streng geregelten Abfolge: Zum ersten Advent wurde der Krippenstall aufgestellt, um darin nach und nach die Figuren aufzubauen. Zuerst wurden Ochs und Esel sowie die leere Krippe im Stall placiert, während die Hirten mit ihren Schafen etwas abseits ihren Weideplatz fanden. In der unmittelbaren Vorweihnachtszeit wurde dann der Stern am Stall befestigt und Maria und Josef kamen in den Stall. Als Kinder war es unsere Aufgabe, die Krippe mit Moos und Strohhalmstückchen für das Christuskind auszupolstern, das erst am Heiligen Abend in die bis dahin leere Krippe gelegt wurde. Am ersten Weihnachtstag kamen dann noch die drei Weisen sowie die mit den Geschenken beladenen Kamele und Elefanten hinzu. Damit war das Krippenbild vollständig aufgebaut. Meist blieben die Figuren bis zum Dreikönigsfest, dem sechsten Januar des neuen Jahres, stehen."

"Sind alle Krippen so groß und prächtig, Opa?" fragte Felix voller Wißbegierde. Der Großvater kratzte sich verlegen am Kopf schaute dabei auf einige, in Leder gebundene Bände im Bücherschrank.

"In Süddeutschland, im Alpenraum, wie auch in Italien gibt es Weihnachtskrippen, die sich durch eine Unzahl von Figuren, eine reiche Ausschmückung der Details und ihre barocke Pracht auszeichnen. Der Stall wird dabei zum verfallenen Palast mit Säulen und rundbogigen Fenstern, vor dessen verfallenen Gewölben sich die Ereignisse der Heiligen Nacht abspielen: Maria, in einen weiten Mantel aus kostbarem blauem Stoff gehüllt, kniet vor dem in der Krippe liegenden Jesuskind, und sieht würdevoll und innig lächelnd auf es nieder. Josef, als ein alter Mann mit grauem, langem Bart und schütterem Haar dargestellt, steht auf einen Stab gestützt, das Kind gleichsam anbetend. Im Hintergrund der Szenerie stehen Ochs und Esel. In grobe, graue und braune Stoffe gekleidete Hirten und Könige, mit prächtigen Gewändern und kostbaren Kronen geschmückt, drängen sich vorn, um den neugeborenen Heiland zu verehren und zu beschenken. Über dem Dach des Stalles steht der Stern, umgeben von jauchzenden und frohlockenden Engeln.

Die erste Krippenszene war wohl weniger prächtig, aber dennoch eindrucksvoll; Franz von Assisi feierte 1223 im Wald von Greccio die Christmesse, indem er eine Krippe aufstellte, neben der lebendige Tiere – ein Ochse, ein Esel und mehrere Schafe – standen. Franz wollte damit die 'frohe Botschaft' auch unter denen, die nicht lesen konnten, verbreiten. Mit ihm feierten unzählige Menschen und ihre Lobgesänge ..."

Der Großvater hatte seinen Satz noch nicht beendet, als es an der Tür klingelte. Das würden sein Sohn und seine Schwiegertochter sein, die Felix abholen wollen – dachte der alte Mann. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, daß es inzwischen spät geworden war und er die Unterhaltung mit Felix heute nicht zu Ende führen könnte. Auch Felix bedauerte das plötzliche Ende der Unterhaltung und des schönen Nachmittages, den er bei seinem Großvater verbracht hatte.

Ihm tat es nun gar nicht mehr leid, nicht Rodeln gegangen zu sein.

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