Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Gemeindezentrum CelsiusstraßeGemeindehaus Ostpreußendamm
Gemeindehaus ParallelstraßeDorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > Dezember 2005

23.9.2019

Adventszeit – Zeit des Wartens

von Susanne Peters-Streu

Auf was warten Sie in diesen Wochen?

Auf ein gelungenes Weihnachtsfest mit der Familie? Darauf, dass sich die Kinder endlich mal wieder melden, wenigstens zu Weihnachten? Warten Sie darauf, dass es ihnen gesundheitlich besser geht? Warten Sie auf Arbeit? Oder im Gegenteil, möchten Sie endlich mal ein bisschen Ruhe finden für sich selbst? Auf was warten Sie in ihrem Leben? Auf Gerechtigkeit? Auf Frieden?.....

Oder haben Sie das Warten schon längst aufgegeben?

Warten hängt eng zusammen mit dem Erwarten. Warten ist immer zielgerichtet auf etwas hin. Es gibt kein menschliches Leben ohne Erwartung. Wer nichts mehr erwartet, der hat sich aufgegeben, dessen Leben ist zu ende, obwohl er lebt.

Wer lebt, der wartet. Wer lebt, der fühlt, was hier und heute ist, ist noch nicht alles. Wer lebt spürt, es steht noch etwas aus, es kommt noch etwas. Wir warten solange wir leben und wir leben solange wir noch etwas erwarten.

Auch zur Zeit Jesus haben Menschen gewartet. Gewartet, dass einer kommt, der das Leben verändert, die politischen Verhältnisse, das eigene Leben, die Beziehung zu Gott. Johannes der Täufer war einer von denen die aktiv und mit leidenschaftlicher Sehnsucht gewartet haben. Sein Mut und seine Entschiedenheit haben ihn sogar ins Gefängnis gebracht. Von dort lässt er Jesus fragen: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten? Mit der Frage des Johannes kommt eine fatale Möglichkeit in den Blick: Warten kann vergeblich sein! Johannes muss sich nach allem, was er erlebt hat fragen: Hatte mein Warten ein falsches Ziel? Bin ich einem Phantom nachgelaufen?

Dann allerdings wäre mit Johannes mehr passiert, als dass er nur durch "Hoffen und Harren zum Narren" geworden wäre. Dann stände für Johannes alles auf dem Spiel. Sein ganzes Leben war bestimmt und ausgerichtet auf den kommenden Messias, den Erlöser, den Heiland. Er predigt Umkehr und Buße und kündet vom nahe herbeigekommenen Reich Gottes. Er selbst ging in die Wüste um Buße zu tun, um vorbreitet zu sein und um den Weg zu bereiten für den der da kommen sollte. "Jeder Baum der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen," so radikal war seine Predigt. Er schreckte auch nicht davor zurück dem König Herodes die Wahrheit zusagen und nun saß er im Gefängnis!

War alles umsonst, was er getan hatte? Hatte er die Situation völlig falsch eingeschätzt? Mit einem Mal sind da Zweifel. War der Weg falsch, den er bisher gegangen war? Hatte er Richtung, Sinn und Ziel verfehlt??

Die Fragen kenne ich. Habe ich meinen Weg richtig eingeschlagen, die Weichen richtig gestellt? Waren die Entscheidungen richtig, die ich getroffen habe in bezug auf den Beruf, auf die Familie, auf die Arbeitstelle auf die Menschen, mit denen ich lebe? Ist mein Lebensentwurf sinnlos? Auch in Bezug auf den Glauben gibt es solches Fragen und Zweifeln. Trägt der Glaube, auf den ich meine Hoffnung setze? Gibt er Antwort auf mich bedrängende Fragen, hilft er oder mache ich mir etwas vor?

Wenn mich solche Unruhe ergreift, dann habe ich nur einen Wunsch: Es möge einer kommen, der mit voller Überzeugungskraft eine klare und eindeutige Antwort gibt: Ja, du hast auf die richtige Karte gesetzt. Du hast richtig gelebt, du hast das Richtige geglaubt, du hast richtig entschieden. – Und so wäre alle Beunruhigung mit einem Schlag einer wohltuenden Ruhe und Sicherheit gewichen.

Diesen Wunsch hatte auch Johannes. Er möchte die Bestätigung haben, die alle Zweifel ausräumt: Ja, du hast auf den richtigen gewartet. Alle werden das jetzt erkennen müssen. Wie schön, wie einfach, wie befriedigend wäre das. Aber das passiert nicht.

Jesus antwortet: "Geht hin und sagt Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer nicht an mir irre wird."

Mit dieser Antwort nimmt Jesus dem Johannes nicht die Beunruhigung. Er stellt nicht mal in Aussicht, die Zweifel durch eine Machtdemonstration auszuräumen!

Kein einfaches, "Ja! so ist es, du hast auf den richtigen gewartet". Stattdessen, "Sieh hin! – Macht die Augen auf. Was seht ihr?" Was siehst du?

Jesus setzt uns eine Brille auf die Nase. Keine rosarote Optimismusbrille, die unsere Welt nur rosig aussehen lässt und keine düstere Pessimismusbrille, die alles in der gleichen grauen Aussichtslosigkeit versinken lässt. Er setzt uns eine scharfe Brille auf. Eine Brille, die uns genau hinsehen lässt; die erkennen lässt das kleine, unscheinbare aufleuchten von Gottes Liebe in der Welt. Siehst du, wo sich etwas verändert, wo sich Festgefahrenes bewegt, Hartes und Lebloses aufbricht, wo neue Chancen sichtbar werden? Seht mit der Brille der Verheißung! Seht mit der Kraft der Sehnsucht, mit der Ungeduld und Vorfreude, das Gott kommt und die Welt zu recht bringt.

Was seht ihr dann? Ja, immer noch Gewalt, Krankheit, Tod, Ungerechtigkeit. Ihr seht die Welt in ihrer ganzen Erlösungsbedürftigkeit in der Not im Leid. Es ist eben keine rosarote Brille, die uns aufgesetzt wird. Aber es ist eben doch schon mehr und anderes zu sehen, kleine Pflanzen der Veränderung, des Tröstens und der Heilung. Ich sehe Keimlinge von Gerechtigkeit und Frieden. Ich sehe Aufbrüche, Neuanfänge....

Auf was warten Sie, dieses Jahr im Advent?

Darauf, dass Gott seine Verheißung wahr macht. Dass heil wird, was krank und kaputt ist; dass in Ordnung kommt, was falsch ist und zerstört; dass froh wird, wer traurig und bedrückt ist, dass es Licht wird in der Dunkelheit! Warten tut der, der etwas entbehrt und wenn die Sehnsucht groß genug ist, dann macht sich der, der wartet schon mal auf den Weg.

Möge Gott uns den Blick schenken, für seine Nähe und für sein Kommen, dass wir wach und getrost warten können, Gott kommt uns entgegen.

Ich wünsche allen eine erwartungsvolle gesegnete Adventszeit

Pfarrerin Susanne Peters-Streu

zum Seitenanfang   Übersicht der Themen   blättern