ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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18.7.2019

Was heißt das: der Toten gedenken?

von Pfarrer Heinrich Immel

Ich meine nicht jenes überindividuelle Gedenken, für das wir Gedenktage und Gedenkstätten haben wie den Volkstrauertag am vorletzten Sonntag im Kirchenjahr und die Denkmäler für die Opfer von Krieg und Gewalt, sondern unser ganz persönliches Gedenken der Menschen, die uns ganz nahe waren und die der Tod aus unserem Leben gerissen hat.

In Worten aus dem reformierten jüdischen Gebetbuch "Tore des Gebets" habe ich ausgedrückt gefunden, was es bedeutet:

Beim Aufgang der Sonne
und bei ihrem Untergang
erinnern wir uns an sie.
Beim Wehen des Windes
und in der Kälte des Winters
erinnern wir uns an sie.
Beim Öffnen der Knospen
und in der Wärme des Sommers
erinnern wir uns an sie.
Beim Rauschen der Blätter
und in der Schönheit des Herbstes
erinnern wir uns an sie.
Zu Beginn des Jahres
und wenn es zu Ende geht
erinnern wir uns an sie.
Wenn wir müde sind
und Kraft brauchen,
erinnern wir uns an sie.
Wenn wir verloren sind
und krank in unserem Herzen,
erinnern wir uns an sie.
Wenn wir Freuden erleben,
die wir so gern teilen würden,
erinnern wir uns an sie.
So lange wir leben,
werden sie auch leben,
denn sie sind nun ein Teil von uns,
wenn wir uns an sie erinnern.

Wir treten aus dem Schatten
bald in ein helles Licht.
Wir treten durch den Vorhang
vor Gottes Angesicht.
Wir legen ab die Bürde,
das müde Erdenkleid;
Sind fertig mit den Sorgen
und mit dem letzten Leid.
Wir treten aus dem Dunkel
nun in ein helles Licht.
Warum wir's Sterben nennen?
Ich weiß es nicht.

Dietrich Bonhoeffer, Brief vom Heiligabend 1943

"Sie sind nun ein Teil von uns, wenn wir uns an sie erinnern", das ist wahr. So wahr es ist, dass wir uns nur darum an sie erinnern, weil sie ein Teil von uns sind. Der Toten zu gedenken, die als Lebende einmal unser Leben geteilt haben, ist nichts, was wir tun. Es geschieht uns. Wir legen nicht Hand an, um der Toten zu gedenken. Ihre Hand legt sich auf unser Herz.

Das tut furchtbar weh, am Anfang, manchmal sehr lange, manchmal für immer. Manchmal auch, mit der Zeit, spüren wir es, wie Kinder im Schlaf die beruhigende Hand von Vater oder Mutter leise auf ihrem Kopf spüren: sie weckt sie nicht auf, sie tut ihnen wohl; das Herz spürt die bergende Nähe. Wie unruhig würde wohl ihr Schlaf, wenn die Hand nicht wäre? Wie unruhig und unsicher würde unser Leben, wenn das Gedenken nicht sein könnte, die manchmal so schrecklich schmerzende, die unverlierbare Nähe derer, deren Hand wir warm und lebendig auf unserem Gesicht gespürt haben?

"Sie sind ein Teil von uns". Ohne sie könnten wir die nicht sein, die wir sind. Im Gedenken werden wir uns selbst durchsichtig und erkennen die ernsten und fröhlichen, die von Schmerzen gepeinigten und vom Glück leuchtenden Gesichter, aus denen unser Gesicht geworden ist, von ihnen geprägt und ihnen antwortend in Zustimmung und Widerspruch.

Am Ende heißt "der Toten gedenken", zu sich selbst kommen, das eigene Gesicht finden.Ich wünsche Ihnen, dass Sie der Toten in Frieden gedenken können

Pfarrer Heinrich Immel aus der Kirchengemeinde Südende

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