ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > Oktober 2005

23.7.2019

Zum Monatspruch Oktober 2005

von E-Mail

Können sie sich noch an die Sperrmüllaktionen in den Siebziger Jahren erinnern? Alles was sich im Lauf der Zeit in Keller und Speicher angesammelt hatte und auf den Müll sollte, konnte an bestimmten Tagen an den Straßenrand gestellt werden. Wer durch die Straßen ging, entdeckte dann vor vielen Häusern bergeweise Schränke, Betten, Gartensessel, blaue Säcke usw. – alles Dinge, die keiner mehr brauchte.

Solche Müllaktionen gibt es in dieser Stadt heute nicht mehr. Sachen, die überflüssig sind, werden entweder bei Ebay verkauft oder direkt zur BSR gefahren.

"Ausmisten" – von Zeit zu Zeit ist das nötig, um Platz zu schaffen für Neues, sonst ersticken wir im eigenen Müll. Manchmal wissen wir dabei allerdings gar nicht, wo wir anfangen sollen, weil sich zu viel angesammelt hat.

Könnte es sein, dass wir auch im übertragenen Sinn eine Menge Gerümpel angesammelt haben? Erinnerungen und Erlebnisse – Sachen, die sich immer wieder sperrig bei uns bemerkbar machen. Um sie unten zu halten, probieren wir oft viele Ablenkungsmanöver. Die Möglichkeiten, die sich bieten sind mannigfaltig.

Wie aber lässt sich der Lebensmüll loswerden? Ähnlich wie beim Hausmüll gibt es Dinge, die eigentlich von Anfang an überflüssig waren – oder solche, die wir mal brauchten, die jetzt aber unbrauchbar geworden sind und nur unnötig Platz beanspruchen.

Für die Seele ist es wichtig, sich von diesen Gedanken, Gefühlen, Erinnerungen usw. zu trennen. Aber wohin damit?

Der Beter des 62. Psalms hat einen Ratschlag: "Schüttet euer Herz vor ihm aus! Denn Gott ist unsere Zuflucht".

Der Beter des Psalms fühlt sich trotz schwieriger äußerer und persönlicher Umstände bei Gott geborgen, vertraut ihm seine Sorgen und Ängste an. Hier spricht kein Träumer oder Fantast, sondern einer, der immer wieder erfahren hat, dass Gott selbst in lebensbedrohlichen Situationen Ruhe und inneren Frieden schenken kann. Diese Gewissheit will er mit anderen teilen und so richtet er sich an die Menschen, die ein beschwertes und unruhiges Herz haben. Er lädt sie ein, Gott zu vertrauen und vor ihm das Herz auszuschütten wie vor einem guten Freund.

Gott vertrauen? Das ist leicht gesagt, aber schwer getan. Wem vertrauen wir noch? Politikern? Da ist der Vertrauensvorschuss nicht sehr hoch. Ärzten, Lehrern, Pfarrern? Früher vielleicht, aber heute? Freunden! Echten, guten Freunden. Die sind bei genauerer Betrachtung schwer zu finden.

Vertrauen schenken wir nicht so schnell her. Vertrauen braucht Zeit. Vertrauen muss oft hart erarbeitet werden.

Die Geschichte Gottes mit den Menschen ist eine solche Geschichte des Werbens um Vertrauen. In den Wirren der Geschichte, in Krieg und Not, in Krankheit und Hunger wirbt er immer wieder um unser Vertrauen. Das hat nie aufgehört. Auch wenn das Vertrauen der Menschen ständig verloren geht. Es zerbricht mit jeder Lüge, die wir uns gegenseitig erzählen. Es schwindet mit jedem Menschen, von dem wir enttäuscht werden. Es fehlt uns, weil wir gelernt haben, dass wir uns am besten auf uns selbst verlassen.

Aber mit dem Vertrauen auf Gott verlieren wir auch das Vertrauen ins Leben, werden ängstlich und zögerlich.

Schritte werden nur mit Bedacht gesetzt, um nur ja keinen Fehltritt zu tun, wo mit etwas Vertrauen ins Leben frei, mutig und fröhlich gelaufen werden könnte. Was belastet und das Leben schwer macht, wird nicht auf den Tisch gelegt.

Wut liegt vielen auf dem Magen und Enttäuschung macht das Herz schwer. Wie gerne würden wir unser Herz ausschütten. Jemandem unser Leid klagen und es teilen. Wie gerne würde wir uns fallen lassen und sicher sein, dass uns jemand auffängt. Aber wir halten uns zurück. Nur keine Blöße geben, nur keine Schwäche zeigen.

Nein, Gott hat es nicht leicht mit uns Menschen. Sein Werben um Vertrauen ins Leben verhallt meist ungehört. Das ist heute so, das war schon immer so. Zu unserem Glück hört er nicht auf, um unser Vertrauen zu werben.

Und Gott sei Dank – es gibt Menschen, die immer wieder Vertrauen zu ihm aufbauen können. Sie erzählen uns von ihm, von seiner Liebe zum Leben und seiner unbedingten Treue. Die Psalmen sind Manifestationen des menschlichen Ringens um Gottvertrauen und damit auch für den Kampf um Vertrauen ins Leben. Immer wieder erzählen Menschen in ihnen, wie sie Zuflucht bei Gott gefunden haben. Sie finden Worte dafür, dass sie bei anderen Menschen geborgen waren und sich geschützt gefühlt haben. Und sie werben für die Treue Gottes, die sich überall in unserem Leben ausdrücken kann.

Es wird keinem gelingen, dieses Vertrauen immer durchzuhalten. Die Psalmen sind ein beredtes Beispiel dafür. Sie erinnern aber auch daran: Wir brauchen Mitmenschen, die sich mit uns auf die Suche nach Vertrauen zum Leben machen. Nicht, weil sie größeren Glauben haben, mehr Mut oder Kraft. Sondern weil sie wie wir wissen, dass wir aufeinander angewiesen sind. Wir müssen Vertrauen schaffen, sonst vereinsamen und verbittern wir.

Wohl dem, der Menschen hat, denen er sein Vertrauen schenken kann. Sie werden ihm irgendwann ihr Vertrauen schenken. Wohl dem, der von Mal zu Mal seinen Weg zu Gott findet, sein Herz ausschütten und sich geborgen fühlen kann. Er wird sein Vertrauen ins Leben zurückgewinnen und Kraft und Lebenslust ausstrahlen. Dieser Gott, der vor rund 3000 Jahren Zufluchtsort im Leben des Psalmbeters war und ihm immer wieder Zuversicht geschenkt hat, ist auch heute noch da, um unser Leben mit Hoffnung zu füllen.

Ihr Pfarrer Michael Busch