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20.1.2019

Luther und der 31. Oktober 1517
Eine Spurensuche

von Torsten Lüdtke

Golden fallen die Strahlen der Herbstsonne am Abend vor Allerheiligen auf das Pflaster der kleinen Universitäts- und Residenzstadt. Ruhig steigt der Rauch über den Dächern Wittenbergs und dem am äußersten Ende der Stadt gelegenen prächtigen und stark befestigten Schloß der Kurfürsten von Sachsen auf. Eilig durschreitet ein Mann im Habit der Augustiner-Eremiten die Gassen, einen eng beschriebenen Bogen, Nägel und einen Hammer in den Händen haltend. Zuversichtlich blickt der Mönch um sich, als er die Tür der Schloßkirche, die auch als Aula der Universität dient, erreicht; doch außer den spielenden Kindern des Burghauptmanns und einigen Studenten ist niemand zu sehen. Entschlossen, mit wenigen Hammerschlägen befestigt der Augustinermönch den großen Papierbogen mit seinen 95 Thesen zum Ablaßhandel...

So – oder ähnlich plastisch und legendenhaft – werden die Ereignisse des 31. Oktober 1517 vielfach geschildert, doch bleibt wahrscheinlich immer ungeklärt, ob der Professor für biblische Theologie und Dogmatik, Subprior und Distriktvikar der Augustiner-Eremiten, Martin Luther seine Thesen, was damals durchaus üblich war, an die Tür der Schloßkirche zu Wittenberg geheftet hat. Dabei galt das Aushängen von Thesen für die Mitglieder der Universität als Einladung zu einer öffentlichen Disputation. Vielfach wurden Thesen auch zusammen mit einem persönlichem Einladungs- oder Begleitbrief versandt; so hat Luther seinem Bischof, dem Erzbischof von Mainz und Magdeburg, Albrecht von Brandenburg, auch die 95 lateinischen Thesen mit einem Begleitbrief zusammen zugehen lassen. Der handgeschriebene Brief Luthers, der sich heute im Reichsarchiv zu Stockholm befindet, zeigt Luther als wohl abwägenden und vorsichtig formulierenden Theologen. Den ungefähr gleichaltrigen Albrecht nennt Luther "seinen Vater in Christus" und bittet ihn um die Überprüfung der Praxis des Ablaßwesens und um Stellungnahme.

Luther hatte bis 1517 eine unglaubliche Karriere gemacht: 1483 in Eisleben als Sohn eines Bergmannes geboren, war es ihm gelungen, vom einfachen Augustiner-Mönch zum Subprior und Distriktsvikar mit Aufsicht über zehn Klöster aufzusteigen. Außerdem hatte er im Auftrag des Ordens das "ewige Rom" gesehen und war schließlich 1512 zum Doktor der Theologie promoviert worden. Damit wird deutlich, dass kein einfacher Mönch den missbräuchlichen Handel mit Ablassbriefen kritisierte, sondern ein Vertreter der höheren Geistlichkeit, der Teil der kirchlichen Hierarchie war.

Auslöser für Luthers Thesen waren die seit dem Spätmittelalter immer wieder beklagten Mißstände der Kirche. Neben dem Mißbrauch des Ablasses ist es vor allem die Ämterhäufung und übermäßige Prachtentfaltung in der Kirche, wie sie Luther nicht nur bei seinem Besuch in Rom am Hofe des Papstes sehen, sondern auch an seinem vorgesetzen Bischof, Erzbischof Albrecht von Brandenburg erkennen konnte. So war auch die Person des humanistisch gebildeten Albrecht von Brandenburg als Inhaber zweier Erzbistümer, die eigentlich nach kirchlichem Recht unvereinbar gewesen wären, umstritten. Albrecht hatte darüberhinaus auch um beim Handelshaus Fugger die riesigen Aufwendungen für seine Wahl zum Erzbischof von Mainz auszugleichen durch Papst Leo X. die Erlaubnis bekommen, Ablaßbriefe zu verkaufen. Diese, vom kurbrandenburgischen Jüterbog aus verkauften Ablaßbriefe – auch zu Gunsten des Baues der Peterskirche – wie auch die seit 1450 im Reich umlaufenden und als "Gravamina" bezeichneten Klagen über die Geistlichkeit in Rom und deren unmäßigen Geldbedarf ließen Luther, der Rom und den Hof des Papstes kannte, zum Gegner des von Albrecht erneuerten Ablassgeschäfts werden.

Die aus diesem Anlass entstandenen 95 lateinischen Thesen erfuhren reißenden Absatz und wurden, kurz nach ihrem Erscheinen und lange vor der Disputation im Jahre 1518, in großen Auflagen, auch in deutscher Sprache gedruckt. Die durch den Buchdruck rasch verbreitete Flugschrift, ein wenige Seiten umfassendes Heft mit programmatischen Aussagen führt zur Verbreitung der gegesätzlichen Positionen. Luthers Anhänger, die zunächst nur eine Reform der Katholischen Kirche wollen, werden zu Reformatoren, die ein neues Bekenntnis schaffen: die evangelische Lehre entsteht. Durch den raschen Wandel der politischen Konstellationen Europas und der Machtverhältnisse im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, bedingt durch den Tod Kaiser Maximilians I. und zweier Päpste konnte sich die Reformation dann letztendlich durchsetzen.

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