Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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13.12.2019

Gedanken zum Erntedankfest

von Torsten Lüdtke

Reife, rotbackige Äpfel und butterweiche, süße Birnen liegen neben dem großen, gelbgeränderten Kürbis auf dem Erntewagen; darüber hängt die kunstvoll aus Ähren geflochtene und mit Blumen und bunten Bänden gezierte Erntekrone. – Es ist der Tag des Erntefestes. Dankbarkeit um die eingefahrene Ernte, für die Früchte aus Garten und Feld bestimmt seit alters her diesen an der Schwelle des Herbsts liegenden Tag, der noch einmal die Fülle des Sommers in den geernteten Früchte zeigt, wenn bereits alle Felder abgeerntet sind und abends die Kartoffelfeuer brennen. –

Diese ländliche Idylle, die immer wieder mit dem Erntedankfest verbunden wird, trügt jedoch. Wenn wir im September 2005 das Erntedankfest als ein fröhliches Fest feiern – bei dem Kinder Ackerbürger und Bauern im Sonntagsstaat spielen, die für die Ernte danken – so übersehen wir vielfach, daß im Erntedankfest noch eine weitere Bedeutung steckt: Im Erntedankfest wird auch immer der abgewendete zukünftige Mangel bedankt und gefeiert.

In einer Zeit, die durch volle Regale und die Möglichkeit, alles kaufen zu können, geprägt ist, werden Mangel und Armut nur zu selten bedacht.

Gehe ich in diesen Tagen durch die Straßen, so sehe ich vermehrt einwandfreies, reifes Obst, zum Wegwerfen bestimmt am Straßenrand stehen – aus dem Überfluß der Konsumgesellschaft entsteht so eine Wegwerfmentalität, die mit fehlender Dankbarkeit für alle die Dinge, die wir nicht mehr mühsam vom Baum oder aus der Erde holen müssen, gepaart ist. So werden Lebensmittel, frisch und unverdorben, vielfach weggeworfen, weil wir satt sind und ihrer nicht mehr bedürfen.

Noch vor hundertfünfzig Jahren waren die Fluren Giesensdorfs und Lichterfeldes Ackerland. Mißernten, Seuchen und schlechte Witterung bedrohten auch hier die Ernte, und so dankten Bauern und Ackerleute, wenn Keller und Scheune gefüllt waren, auch für das Ausbleiben von Dürre und anderen Plagen, die die Ernte hätte verderben oder das Vieh sterben lassen können.

Die Ackerflächen wichen in der entstehenden Villenkolonie den Landhausgärten, in denen es dann einige wenige Obstbäume und Gemüsebeete gab; auch diese haben inzwischen meist Nadelbäumen und Blumenrabatten Platz gemacht. Äpfel selbst vom Baum pflücken zu können, ist für viele Kinder ein unbekanntes Vergnügen; und so ist die erste Antwort auf die Frage, wo die Äpfel herkommen, nicht mehr das naheliegende "vom Baum" sondern "aus dem Supermarkt".

Unterernährung oder Hunger brauchen heute in Deutschland die meisten nicht mehr zu fürchten, jedoch sind in anderen Teilen Europas und der Welt Not und Armut nicht ihrer Macht beraubt. Während sich unser Leben im Zeichen des Wohlstands, des Überflusses und eines sich immer verstärkenden Konsumrausches abspielt, müssen wir erkennen, daß dieser uns geschenkte Überfluß, für den wir zum Erntefest danken, auch geteilt werden will mit Menschen, die nichts oder nur sehr wenig haben.

Wir dürfen das Erntdankfest nicht zu einer schwärmerisch-verklärten, folkloristischen Festlichkeit, die ihren Selbstzweck feiert, machen. Das Erntedankfest muß vielmehr als das gesehen werden, für was es eigentlich steht: Für das Dankbarsein für den Überfluß der uns geschenkt ist; für das Einsehen, dass wir mehr haben als andere und das Wollen, diesen Überfluß mit anderen zu teilen.

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