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23.7.2019

Worum geht es im Streit um den Werteunterricht?

von E-Mail

In einem großen deutschen Nachrichtenmagazin war gerade wieder zu lesen, die Kirchen in Berlin kämpften gegen den konfessionsfreien Werteunterricht. Besser lässt sich nicht illustrieren, dass in der umstrittenen Frage viel Falsches behauptet und geglaubt wird. Worum geht es also in dem Streit überhaupt, welche Position hat die evangelische Kirche dazu und warum?

Der ganze Streit beginnt mit einem Leitantrag des Landesvorstandes der SPD vom 31. Januar 2005, in dem die Einführung eines verbindlichen Werteunterrichtes als Ziel formuliert wird. Strittig ist nun, wie dieser verbindliche Werteunterricht realisiert werden soll: Ob als Pflichtfach oder als Wahlpflichtfach. Wird "Lebenskunde-Ethik-Religionskunde" Plichtfach, dann müssen alle Schüler und Schülerinnen den Unterricht besuchen, die Religionsgemeinschaften können daneben Religionsunterricht als freiwilliges, zusätzliches Fach anbieten, ohne dass dieser dann ordentliches Lehrfach ist.
Bei einem Wahlpflichtfach können die Schülerinnen und Schüler zwischen einem konfessionsneutralen Fach und den Angeboten der verschiedenen Religionsgemeinschaften wählen, müssen aber auf jeden Falle eines davon belegen. Dieses Fach ist dann ordentliches Lehrfach.

Es kommt also auf die Wahlmöglichkeit an, die den Kirchen am Herzen liegt. Deshalb haben sie eine derartige Wahlpflichtlösung – unter Einbeziehung eines konfessionsneutralen Faches – für Berlin schon lange angestrebt. Auch in fast allen anderen Bundesländern gibt es ein derartiges Wahlpflichtfach. Wenn Religion als Fach in einem solchen Wahlpflichtblock angeboten würde, dann hätten die Schülerinnen und Schüler nicht mehr – wie jetzt – die Wahl zwischen Religion oder Freizeit, sondern die zwischen Religion und einem anderen Fach – etwa "Lebenskunde-Ethik-Religionskunde".

Damit würde die Stellung des Religionsunterrichts gestärkt, und auch die Schüler und Schülerinnen, die an keinem Religionsunterricht teilnehmen, würden ein Unterrichtsangebot erhalten, in dem Werte, Normen und Ethik im Mittelpunkt stehen, was die Kirchen durchaus begrüßen würden.

Leider favorisiert die Berliner SPD bisher mehrheitlich die andere Lösung: Alle Schüler und Schülerinnen müssen an dem konfessionsneutralen Fach "Lebenskunde-Ethik-Religionskunde" teilnehmen, auch die, die darüber hinaus den freiwilligen Religionsunterricht besuchen. Dies würde bedeuten, dass wie bisher der Religionsunterricht die Alternative zu mehr Freizeit wäre, nur dass die Schüler und Schülerinnen noch mehr Stunden im Stundenplan haben. Damit würde der Religionsunterricht durch eine solche Regelung noch schlechter gestellt als jetzt, auch schlechter als in jedem anderen Bundesland. Er wäre weiterhin ein rein freiwilliges Zusatzangebot, nur würde ihm jetzt auch noch der nicht abwählbare Werteunterricht Konkurrenz machen. Selbst die Brandenburger Regelung im Hinblick auf das konfessionsneutrale LER ("Lebenskunde, Ethik, Religion") ist da günstiger, denn hier können sich Schüler, die sich zum freiwilligen Religionsunterricht anmelden, von LER befreien lassen.

Aber auch inhaltliche Bedenken gegen einen konfessionsneutralen Werteunterricht werden von den Kirchen geltend gemacht.

Ausdrücklich oder eher zwischen den Zeilen wird teilweise die Ansicht geäußert, ein „neutraler“ Werteunterricht sei besser als konfessionell gebundener Religionsunterricht. Hier wird der Anschein von größerer Objektivität erweckt, wo sie der Sache nach gar nicht möglich ist, wenn man das Anliegen des Werteunterrichtes nicht von vorn herein torpedieren will. "Wert" hat mit "werten" und "Wertung" zu tun, wer Werte vermitteln will, muss einen Standpunkt beziehen und diesen auch vertreten. Der konfessionelle Religionsunterricht bezieht Stellung, indem er sich an die Werte einer bestimmten Religionsgemeinschaft bindet. Dabei geht es bei der konfessionellen Bindung nicht darum, die Schüler schon vom Ansatz her auf bestimmte Werte zu verpflichten. Jeder Werteunterricht hat sich davor zu hüten, den Schülern und Schülerinnen bestimmte Werte aufzuzwingen. Aber der Unterricht selbst und die Werte, die er vermitteln will, und ebenso der Lehrer oder die Lehrerin, die diese Werte gegenüber den Schülern und Schülerinnen vertreten, die müssen sich eindeutig verpflichten lassen und Rede und Antwort stehen, wofür sie da eintreten.

Der konfessionell gebundene Unterricht macht also transparent, welche Werte vermittelt werden sollen. Ob die Schüler und Schülerinnen diese Werte dann übernehmen, muss ihrer freien Entscheidung anheimgestellt bleiben. Die Frage, wie ein nicht konfessionell gebundener Werteunterricht mit diesem Problem umgehen soll, wird bisher von seiten der Politik großteils ausgeklammert. Das kann dann leicht zu Beliebigkeit führen (alle Möglichkeiten werden als gleichrangig dargestellt), zu Willkür (jeder Lehrer vermittelt die Werte, die ihn persönlich überzeugen, ohne dass dieser Normbildungsprozess transparent gemacht wird) oder " wie es in der Diskussion augenblicklich oft scheint " zu einer Einschränkung auf die Werte des mündigen Staatsbürgers.

Man hört viel von Freiheit, Demokratie und Gleichberechtigung. Nichts gegen Freiheit, Demokratie und Gleichberechtigung, aber die demokratisch-staatsbürgerlichen Werte machen nur einen Teil der Werteerziehung aus, außerderm sollten gerade sie in den Schulen bereits vermittelt werden, ausdrücklich in den Fächern Sozialkunde, PW ("Politische Weltkunde") und Geschichte, im Grunde aber auch in jedem anderen Fach, ja durch die Institution Schule überhaupt. Wer argumentiert, dass es den Schülern nicht gestattet werden kann, sich vom konfessionsneutralen Werteunterricht abzumelden, weil sie sich damit der Vermittlung dieser Werte entziehen können, würde damit eigentlich einräumen, dass die oben genannten Fächer ihrer Aufgabe nicht nachkommen und die Berliner Schulen in den letzten 60 Jahren nichts zur Erziehung zu mündigen Demokraten getan haben.
Zum Glück ist dem nicht so.

Schließlich noch eine Anmerkung zu der häufig gehörten Behauptung, die angestrebte Lösung solle dazu dienen, radikalen oder fundamentalistischen Religionsunterricht, etwa durch die Islamische Föderation oder neuerdings durch die Zeugen Jehovas, zu verhindern. Gerade auf den Islamunterricht wird in der Diskussion ständig verwiesen. Die geplante Einführung des Faches "Lebenskunde-Ethik-Religionskunde" erstreckt sich nun aber nur auf die Oberschulen ab Klasse 7. Die islamische Föderation konzentriert sich in ihren Bemühungen aber fast ausschließlich auf die Grundschulen. Ihr Unterricht würde also von der Neuregelung kaum betroffen werden. Die Zeugen Jehovas bieten bisher an Berliner Schulen gar keinen Religionsunterricht an. Es gibt keine vernünftigen Gründe anzunehmen, dass sie dies planen. Die häufig angeführte Statusänderung, durch die Zeugen Jehovas jetzt in Berlin als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt sind, ist für die die Frage, ob die Zeugen Jehovas Religionsunterricht an Berliner Schulen erteilen dürfen, irrelevant, sie hätten dies schon vorher gedurft. Die Islamische Föderation etwa besitzt nicht den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts. Das Argument, der Werteunterricht solle dazu dienen, fundamentalistischen Religionsunterricht aus den Schulen raus zu halten, ist somit fadenscheinig.

Aus den angeführten Gründen haben die evangelische und katholische Kirche sowie die jüdische Gemeinde sich nachhaltig gegen die Einführung von "Lebenskunde-Ethik-Religionskunde" als Pflichtfach und für die Einführung eines Wahlpflichtfaches ausgesprochen.

Annette Pohlke