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21.1.2019

Tansania
Eindrücke, Aufbruch, Einleben und Aufregendes, das peu à peu zur Normalität wird aus den Briefen von Jonas Schwedtler

Im vergangenen Jahr im Reisesegengottesdienst haben wir Jonas Schwedtler zu einem Dienst als Ökumenischer Freiwilliger des Berliner Missionswerkes für ein Jahr nach Tansania ausgesandt. Er arbeitet dort bei der Evangelisch-Lutherischen Kirche Tansanias im Straßenkinderprojekt HURUMA (Barmherzigkeit) in Iringa. Hier einige Auszüge aus seinen Briefen.

Ankunft: 26.8.04

So nun hab ich meine ersten Tage in Tansania hinter mir. Alles ist neu und irgendwie ziemlich aufregend. Ich habe ein Ein-Zimmer-Häuschen für mich. Strom und fließend Wasser sind häufig vorhanden. Zum Huruma-Waisenhaus fahre ich täglich mit dem Bus, da es etwas außerhalb der Stadt liegt. Die Wäsche mit der Hand zu waschen ist echt gewöhnungsbedürftig.

Das Waisenhaus – Huruma-Center

Meine Arbeit im Waisenhaus? Vieles, und doch nicht so Ernsthaftes, aber alles, was mir Spaß macht: Hausaufgabenbetreuung, seit Neuestem AIDS-Aufklärungsunterricht, Freizeitgestaltung, Gästebetreuung, Gelder für neue Projekte akquirieren, mit Mama Chilewa, der Leiterin, Lösungen für knifflige Fälle finden, bei der Logistik des Heimes helfen. Kurz: Mädchen/Mann für alles.

Die meisten Kinder des Waisenhauses sind entweder Waisen, die ihren Lebensunterhalt auf der Straße verdient haben, weil sie keine Verwandten mehr haben, oder Kinder, deren Eltern oder Verwandte sie aufgrund von AIDS nicht mehr versorgen konnten. Wir haben vor zwei Tagen ein neues Kind im Hurumacenter aufgenommen, ein 6-jähriges Mädchen. Sie heißt Mary. Die Kleine ist so süß, sie nennt mich immer mzungu wangu, was soviel heißt wie mein Weißer. Sie weicht den ganzen Tag nicht von meiner Seite. Ich trage sie ganzen Tag rum, wofür ich als Belohnung dann einen Kuss kriege. Ich hab gemerkt, dass ich mit kleinen Kindern, also 2-10, besser umgehen kann als mit älteren. Vielleicht werde ich Grundschullehrer.

Der Kleinste im Center (Simoni, 7 Jahre) ist HIV-positiv getestet worden. Er war in letzter Zeit zu häufig krank, als dass alles in Ordnung wäre. Ich habe das Gefühl, dass bei ihm nun endgültig AIDS ausgebrochen ist. Z.Zt. hat er TB, vor einer Woche war es noch Malaria. Als ich die Diagnose vorgestern erfahren habe, war ich vollkommen geschockt. Wahrscheinlich wurde er als Straßenkind vergewaltigt oder musste sich prostituieren.

Mama Chilewa und ich wissen nicht wirklich was zu tun ist; dieser Fall ist noch nie eingetreten. Wir müssen abwägen zwischen dem Schutz der anderen Kinder und seinem Wohlbefinden. Normaler Weise würde man ihn nach Dodoma in ein spezielles Waisenhaus schicken, was ihn jedoch zusätzlich belasten würde. Er weiß es nicht, die anderen wissen ebenfalls nichts. Sonst würde er nur unnötig diskriminiert werden. Vielleicht übernimmt ein Amerikaner die Behandlungskosten, doch das löst ja nichts. Ich möchte euch nicht unnötig beunruhigen, aber es ist verdammt schwer, alles mit anzusehen. Nur gut, dass ich abends nach Hause kann, um wenigstens ein bisschen abzuschalten.

Um etwas Geld für das Center zu erwirtschaften und die Nahrungslage zu verbessern, bemühen wir uns intensivst, Viehwirtschaft zu betreiben. So gehe ich gleich zum Markt, um zu fragen, ob die bestellten Hühner heute endlich angekommen sind. Das ist schon der 4. Freitag in Folge seit ich auf sie warte. Man wartet so verdammt viel in Afrika – auf alles und jeden.

Die Mauer im Hurumacenter, die dazu dient, dass die Viecher nicht ständig geklaut werden, ist nun fertiggestellt, so dass nun endlich Milchkühe bei uns Einzug halten können. Leider stellt sich die Beschaffung einer guten, nicht überteuerten Kuh nicht gerade als einfach heraus. Die katholische Kirche will uns keine verkaufen, was durch eher schwache Ausreden gerechtfertigt wird. Der größte Züchter der Gegend würde erst im Mai welche verkaufen, so dass unsere letzte Möglichkeit die Regierungsfarm in Mafinga bleibt. Unser Ziel, wenigstens eine Kuh vor Weihnachten in Empfang nehmen zu können, scheint also zum Scheitern verurteilt.

Unsere kleine Farm

Im Hurumacenter ist der Zaunbau jetzt abgeschlossen, so dass wir uns endlich Kühe anschaffen konnten. Nun haben wir 3 trächtige Kühe, eine hat in diesen Tagen gekalbt. So können wir den Kindern endlich auch Milch bieten. Außerdem besitzen wir 150 Hühner und 25 Schweine (die beiden Sauen haben 21 Ferkel geworfen), von denen wir 10 verkaufen wollen. So können wir etwas Geld für das Heim erwirtschaften. Aber alles hat auch seine Kehrseite: Mit der Beschaffung des Futtergrases ist ein Mann rund um die Uhr beschäftigt. Ich habe ihm mein Fahrrad gegeben, damit er die Wege überhaupt bewältigen kann. Auch die Wasserversorgung für die Kinder und die Tiere ist ein Problem. Mama Chilewa will deshalb einen Brunnen anlegen lassen. Doch allein die Bohrung kostet über 7000 Euro und der Erfolg ist völlig ungewiss. Ein ähnlicher Versuch wurde schon vor Jahren gestartet; außer, dass das Bohrgerät zu bersten drohte, kam kein Tropfen des kostbaren Nass' zutage. Das Gestein ist einfach zu massiv und hart.

Ich bin z. Z. mit Projektanträgen für die Fertigstellung der Mehrzweckhalle und das Brunnenprogramm sowie mit Kostenvoranschlägen und Haushaltsplänen beschäftigt. Ein frustrierender Job. Entweder hat der Schatzmeister ständig neue Änderungswünsche oder die Anträge werden mit fadenscheinigen Begründungen abgelehnt.

Ich bin froh, dass ich diesen Aufenthalt ermöglicht bekommen habe. Danke an alle, die dazu beigetragen haben.

Eine gesegnete Osterzeit Euch und Ihnen allen

Euer Jonas