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23.9.2019

Glauben, als ob es Gott nicht gäbe
Vor 60 Jahren starb Dietrich Bonhoeffer

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Sein Leben gleicht einer unvollendeten Sinfonie: Es blieb ein Fragment. Als Dietrich Bonhoeffer am 9. April 1945 im oberpfälzischen Konzentrationslager Flossenbürg nach zwei Jahren Gestapohaft hingerichtet wurde, war er gerade einmal 39 Jahre alt. Zu seinen Lebzeiten fand er wenig Widerhall.

Im Kirchenkampf blieb er ein einsamer Rufer in der Wüste, der selbst den meisten Vertretern der Bekennenden Kirche politisch und theologisch zu weit ging. In der Ökumene konnte er sich mit seiner Vision eines weltweiten Friedenskonzils nicht durchsetzen, und auch seine Beteiligung an der Verschwörung gegen Hitler war nicht von Erfolg gekrönt.

Dennoch ist er aus der protestantischen Theologie nach 1945 nicht mehr wegzudenken.

"Es kommt wohl nur darauf an, ob man dem Fragment unseres Lebens noch ansieht, wie das Ganze eigentlich angelegt und gedacht war und aus welchem Material es besteht". schreibt Bonhoeffer am 23. Februar 1944 aus der Gefängniszelle. Fragmentarisch geblieben sind auch seine provozierenden thelogischen Gedanken in der Haft, die mit ihrer Veröffentlichung unter dem Titel: "Widerstand und Ergebung" (1951) ein lebhaftes Echo auslösten.

Er dachte darüber nach, wie man gegenüber einer mündig gewordenen Welt verantwortlich von Gott reden könne – und wurde oft bis zur Groteske missverstanden.

Bei den einen stand er im Verdacht, er habe im Gefängnis den Glauben an Gott verloren, andere wiederum meinten in seinen theologischen Fragmenten Stichworte für eine "Gott-ist-tot-Theologie" gefunden zu haben. Beides war gleichermaßen abwegig. Denn die Existenz Gottes stand für Bonhoeffer nie in Frage. Ihm kam es auf etwas anderes an: "Ich möchte von Gott nicht an den Grenzen, sondern in der Mitte, nicht in den Schwächen, sondern in der Kraft, nicht also bei Tod und Schuld, sondern im Leben und im Guten des Menschen sprechen. An den Grenzen scheint es mir besser, zu schweigen und das Unlösbare ungelöst sein zu lassen" (30.4.44).

Bonhoeffer geht davon aus, dass der "moderne Mensch" weitgehend ohne Gott auszukommen meint. Wir leben im Alltag so, "als ob es Gott nicht gäbe". Wir denken, wir entscheiden, wir handeln, ohne dass Gott dafür eine wesentliche Rolle spielen würde. Vor diesem Hintergrund wehrt sich Bonhoeffer dagegen, an menschlichen Schwachstellen Gott nachträglich wieder "als einen Lückenbüßer hereinzuschmuggeln", der alles wieder ins Lot bringe. So, als ob es der wichtigste christliche Auftrag sei, einen erwachsen gewordenen Menschen wieder in den Schoß des Kinderglaubens zurückzuführen, sobald er einmal allein nicht weiter weiß. Dagegen sagt Bonhoeffer: "Nicht erst an den Grenzen unserer Möglichkeiten, sondern mitten im Leben muss Gott erkannt werden". (25.5.44).

Bei seinen Gedanken hat sich Bonhoeffer stets auf die Bibel berufen. Dort ist Gott am Glück des ganzen, ungeteilten Menschen interessiert. Dies ist besonders: am Alten Testament abzulesen, in dem der Segen Gottes "alle irdischen Güter in sich schließt. Dieser Segen ist die Inanspruchnahme des irdischen Lebens für Gott, und er enthält alle Verheißungen" (28.7.44). Es entspricht also nicht dem jüdischen Erbe im christlichen Glauben, wenn Gott nur noch für innerliche, jenseitige oder letzte Dinge zuständig sein soll.

Im Mittelpunkt seines Denkens stellt er Christus als den "menschgewordenen Gott". Weil Christus Gott und Mensch in sich vereinigt, nennt Bonhoeffer ihn "die Mitte der Wirklichkeit". Schon 1939 schreibt er: "Allein, weil Gott ein armer, elender, unbekannter, erfolgloser Mensch wurde, und weil Gott sich von nun an allein in dieser Armut, am Kreuz, finden lassen will, darum kommen wir von dem Menschen und der Welt nicht los." Der Christ bleibt der in "Treue auf Erde" auf dem Boden, ohne deswegen die Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde aufzugeben. In den späteren Gefängnisbriefen wird dieser Gedanke noch vertieft. Am Kreuz auf Golgatha verzichtet Gott auf alle Macht und gibt sich der Welt ganz preis.

Man müsse heute in der Welt leben, "als ob es Gott nicht gäbe", gibt Bonhoeffer zu bedenken. Gott ist da in dieser Welt, aber nicht als majestätischer Herrscher, sondern als Leidender, ohnmächtig, dienend. Gott leidet mit seiner Welt mit, er gibt sich hin – und verwandelt damit die Not. Die Zukunft werde einem "religionslosen" Christentum gehören. Keine Religion mehr als Flucht aus der Verantwortung. Dafür aber ein kraftvolles Christsein, das verantwortlich handelt und den Menschen dient.

Ob der Mensch tatsächlich ohne so etwas wie "Religion" auskommt, ist nicht ausgemacht. Trotzdem behält Bonhoeffer auf seine Weise recht. Gott darf nicht zum Lückenfüller werden. Wie sollen wir also von ihm reden? Mitten im Leben und redlich, aufrichtig und dicht am Menschen dran – und dennoch und gerade so in der Treue zum biblischen Zeugnis.

In faszinierender Klarheit hat Bonhoeffer die Fragen gestellt. Antworten stehen freilich auf einem anderen Blatt. Sein eigenes tastendes Suchen nach einer neuen, "nicht-religiösen Sprache" sollte man nicht als Bauplan verstehen, den man einfach übernehmen könnte. Wer sich auf Bonhoeffers Gedankenwelt einlässt, bekommt statt eines fertigen Gebäudes nur die Entwurfsskizzen in die Hand und muss selber daran weiterbauen. So ist das eben mit einem Fragment.

Michael Busch

Buchtipp: Eine ausführliche Bonhoeffer-Biografie hat Autor Christian Feldmann unter dem Titel "Wir hätten schreien müssen" in der Taschenbuchreihe Herder spektrum, ISBN 3451051656, veröffentlicht.

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