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20.7.2019

Zum Monatspruch Februar 2005

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Der Monatsspruch für Februar findet sich beim Evangelisten Lukas. Er beschreibt, wie Jesus seine Jünger ausschickt, um in den Städten und Dörfern die Kranken zu heilen und das Evangelium zu predigen. Das kann nicht immer eine leichte Aufgabe gewesen sein. Bekannt sind die Worte: "Ich sende euch wie Lämmer mitten unter die Wölfe." (Lukas 10, 3). Dabei nimmt Jesu Rede mehr und mehr apokalyptische Züge an. Er verkündet Heil für seine Jünger und Unheil den Städten, die sie nicht gastlich aufnehmen. Man kann sich schon vorstellen, wie manche der ersten Christen sich in ihrem Herzen auch über die Vorstellung freuten, dass ihre Gegner eines Tages göttliche Strafen dafür zu erleiden haben könnten, wenn sie mal wieder auf taube Ohren stießen, verlacht oder angegriffen wurden. Tatsächlich will Jesus seine Jünger trösten und stärken, wenn er ihnen göttlichen Lohn und göttliche Strafe vor Augen stellt. Aber er sagt auch, dass es darum geht, das Richtige zu tun, nicht darum, sich in Schadenfreude über den anderen zu erheben: "Doch darüber freut euch nicht, dass euch die Geister untertan sind. Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind."

Wir sind gerade erst Zeugen von Ereignissen geworden, die in den Medien immer wieder als "apokalyptisch" bezeichnet wurden. Es sind selbsternannte Bußprediger beliebiger Religionszugehörigkeit, die von "Strafe Gottes" reden. Auch in ihrer säkularisierten Form tauchten diese Rufe auf, als unmittelbar nach der Katastrophe die Suche nach dem Schuldigen begann. Aber das war zu einem Zeitpunkt, als noch von vermutlich 3000 Toten die Rede war. Während die Opferzahlen stiegen, verstummten die Schuldzuweisungen sehr schnell. Die Erkenntniss, dass hier nichts hätte getan werden können, um die Katastrophe abzuwehren oder auch nur einen signifikanten Unterschied im Hinblick auf die Zahl der Opfer zu machen, ließ die üblichen Reflexe ins Leere laufen und erfüllte uns mit Grauen, Angst, Mitleid und einem seltsamen Gefühl, dass ich Demut nennen würde, wenn das nicht ein so überaus altmodisches Wort wäre. Für ein paar Tage standen wir Auge in Auge mit der Apokalypse. Die Welt um uns herum erschien uns plötzlich zerbrechlich wie lange nicht mehr.

In so einer Situation wächst dann eine Sehnsucht nach einer anderen Welt, die nicht als Spielball des Schicksals erscheint, die den Gewalten der Natur, der Zeit, der Zerstörung trotzen kann. Auch das ist ein sehr altmodisches Gefühl, eines, das noch aus der Zeit stammt, als es keiner Katastrophen bedurfte, um die Zerbrechlichkeit, Zufälligkeit, Ausgesetztheit menschlichen Lebens ins Bewusstsein der Menschen zu heben, als die Machtlosigkeit gegenüber Unglück, Krankheit und Tod im Alltag viel präsenter war.

Wir haben uns daran gewöhnt, gerne die "Vertröstungen auf ein Jenseits" anzuprangern. Zu den nachvollziehbaren Gründen dafür gehört die skizzierte Veränderung in unserem Lebensstil und Lebensgefühl. Wir leben nicht mehr wie unsere Urahnen vor 500 Jahren, warum sollten wir fühlen wie sie? Wenn man das Diesseits, die konkrete Welt, in der wir leben, ändern kann, wenn man verhindern kann, dass Menschen ihr Leben oder ihre Existenz einbüßen, dann wäre es eine unerträgliche Dummheit und Herzlosigkeit untätig zu bleiben und stattdessen auf ein Jenseits zu verweisen. Zum Glück erleben wir täglich, dass wir etwas tun können. Damit ist ein starker Glaube an ein Jenseits ganz von alleine aus unserem täglichen Leben verschwunden. Und dann kam der Tsunami und schwemmt unsere Selbstgewissheit und unser falsches Sicherheitsgefühl einfach weg.

Seien wir ehrlich: Wir sind von dem Leid der Menschen tief getroffen, aber was die meisten von uns dabei wohl am tiefsten trifft – ist es nicht die schlagartige Erkenntniss: "Das hättest du sein können"? Oder deine Frau, dein Kind, dein Bruder, dein bester Freund. Was machen wir mit diesem Gefühl? Wie sollen wir noch glauben, lieben, hoffen, wenn alles, woran wir glauben, alles, was wir lieben, alles, worauf wir hoffen, in einem Augenblick zerstört werden kann?

Die "Namen im Himmel", der Glaube an ein Jenseits, wie auch immer es aussehen mag, an eine Welt jenseits unserer Welt der Zufälligkeiten und Zerstörung – was kann unser Glaube daran bedeuten, wenn nicht, dass glauben, lieben, hoffen die einzig menschliche Art zu leben bleiben, auch wenn wir wissen dass das, woran wir glauben, nicht von allen als objektive Wahrheit akzeptiert wird, dass das, was wir lieben, nicht für immer uns gehören wird, und dass nicht alles, worauf wir hoffen, sich erfüllen wird, und wir trotzdem daran festhalten, weil der Wert eines solchen Lebens nicht an seinen Nutzwert im hier und jetzt gekoppelt ist.

Annette Pohlke