Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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23.9.2019

Weihnachtshoffnung

von Susanne Peters-Streu

In den Weihnachtsgottesdiensten werden wir sie wieder hören, die alten Weissagungen des Propheten Jesaja: "Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm." Aus dem Stumpf eines abgehauenen Baumes treibt neues Leben. Ein Anfang, wo keine Zukunft mehr erwartet wird.

Bin ich selbst nicht manchmal wie der Stumpf eines abgehauenen Baumes? Früher war ich voller Leben, stand in Blüte, aber heute?.....bin ich alt geworden, bin getrennt von Menschen, die mir lieb waren, habe ich schweres erlebt, meine Krankheit zehrt mich auf, meine Familie, meine Ehe hat sich so verändert, meine Arbeit nimmt mich so in Anspruch, nichts anderes bleibt mehr, mein Leben ist so verändert, eingeschränkt.

Ist das überhaupt noch Leben? So fragt vielleicht manch eine von uns, weil wir in der Weihnachtszeit deutlicher die Widersprüche und die Verletzungen in unserem Leben spüren.

Zur der beginnenden Advents und Weihnachtszeit möchte ich sie teilhaben lassen an einer Geschichte von Ellen Bucher, die mir mit ihren Bildern und Worten ein Versuch ist, das unbegreifliche Leid, das über manchem Leben wie ein dunkler Schatten liegt, liebend zu überwinden.

Ich grüße Sie und wünsche Ihnen von Herzen eine tröstliche und stärkende Advents- und Weihnachtszeit.

Ihre

Susanne Peters-Streu

Vom Vogel mit gebrochenen Flügeln

Im Stall, in dem das Jesuskind geboren werden sollte, saß in einer Ecke, ganz versteckt, ein kleiner Vogel, dem mutwillige Menschen die Flügel gebrochen hatten. Das Leben, so schien ihm, hatte keinen Sinn mehr. Was ist ein Vogel ohne Flügel?

Wann ist Advent?

Advent und Gewalt so um uns her –
mit dieser Zusammenschau tun wir uns schwer.
Blenden wir sie nicht lieber aus,
wenn irgendwo brennt eine Schule, ein Haus ?
Doch wollen wir wirklich Advent begehen,
dann müssen wir kritisch uns selbst ansehen.
Schweigen, wegsehen und nicht handeln
bestärkt oft And´re zum "Menschen verschandeln".

Drum muss unsre Achtung vor dem Andern
vom Denken zu Wort und Taten wandern.
Kleine Schritte, von Vielen getan,
sind Sand im Getriebe gegen fanatischen Wahn.
Wir können auch Licht zum Nächsten tragen,
wenn wir nach seinen Ängsten fragen,
unsre Sorge um ihn dabei nicht verschweigen
und damit ein solidarisch sein zeigen.

Auch rechten Parolen und Gewalt
bieten wir nur gemeinsam Einhalt.
Sind wir so bemüht, daß es nicht um uns brennt,
dann ist Advent!

Anne Goerke

Ochs und Esel kümmerten sich nicht um den kleinen Gesellen, aber es war schön warm im Heu und Körnchen gab es auch genug zum Picken. So blieb das Vögelchen fast gegen seinen Willen am Leben, hüpfte hierhin und dorthin und manchmal wagte es sogar, ganz leise zu piepsen, das störte niemand. So wurde es denn auch Zeuge, wie das Jesuskind geboren wurde und sah, wie Maria es in Windeln wickelte und in eine Krippe legte und da geschah es, daß der kleine Vogel vor Freude ein helles Lied anstimmte. Natürlich ein Wiegenlied. Das war so zart und lieblich, daß Ochs und Esel erstaunt zu kauen aufhörten, Maria und das Kind andächtig lauschten. Der Vogel ließ sich ohne Furcht von Maria aufheben. Wie behutsam war diese Hand im Gegensatz zu den Händen, die es hatten töten wollen und denen es nur mit knapper Not und mit gebrochenen Flügeln hatte entkommen können.

"Kleines Vögelchen", sagte Maria, "wer hat dich nur so wüst zerzaust und zugerichtet? Geht es dir wie uns – hast du auch nur hier im Stall eine Zuflucht vor den Menschen gefunden? Komm, du darfst bei meinem Kindlein liegen." Sie machte ein kleines Nest mit ihren Händen und legte den Vogel in die Krippe zum Kind. So etwas Schönes hatte sich der Vogel nicht träumen lassen. Da saß er versteckt und wagte kaum zu atmen, um den schlafenden Gottessohn nicht zu stören. Aber der schlief gar nicht, sondern streckte seine kleine Hand aus und flüsterte: "Wie gut, daß du bei mir bist." Da jauchzte das Vöglein vor Freude und Lust und sang noch einmal so schön, daß selbst die Engel verstummten.

"Erlaubst du mir, daß ich dir einen Wunsch erfülle, als Dank für deinen Gesang?" fragte nach einem Weilchen das Jesuskind. Der Vogel war verblüfft, was sollte er sich wünschen, wo er doch so glücklich war, aber dann fielen ihm mit einem Mal die gebrochenen Flügel ein und daß er nie wieder ein richtiger Vogel sein würde und er wollte gerade sagen: "Heile meine Flügel, daß ich wieder fliegen kann", als ihm das Jesuskind die kleine Hand auf den Schnabel legte und flüsterte: "Nicht so schnell, überlege dir den Wunsch bis morgen, laß erst die Nacht vergehen." Dann schlief das göttliche Kind und Maria und Joseph und Ochs und Esel und auch der kleine Vogel in der Krippe.

Kaum war er eingeschlafen, so träumte er, er hätte Flügel, die waren so groß, wie die eines Adlers. Jubelnd flog er damit in die Höhe und flog und flog, aber der Himmel war endlos und er fand kein Zweiglein, um zu rasten und nichts, um den Hunger zu stillen und erschöpft stürzte er in das Meer. Ganz erschrocken wachte der Vogel auf und schlief wieder ein und träumte zum zweiten Mal, er hätte Flügel. Die waren, wie sie früher gewesen waren und er flog damit auf die Spitze eines Baumes und saß da und wartete auf die Gefährten von früher, aber die kamen nicht, waren längst in den Süden gezogen. Der Baum war kahl und der Wind eisig kalt und der Vogel fror so sehr, daß sein Herz zersprang. Erschrocken wachte er auf und schlief wieder ein und träumte ein drittes Mal und diesmal sah er, wie das Kind, bei dem erlag, wuchs und ein Knabe und dann ein Mann wurde und er blieb bei ihm und begleitete ihm auf allen seinen Wegen. Das Vogelherz wurde ganz warm und spürte, wie sehr es das Kind liebte und das war ein unbeschreiblich wunderschönes Gefühl.

Als der Morgen anbrach, da piepste der Vogel dem Kind ins Ohr: "Ich möchte bei dir bleiben, dich immer begleiten, wohin du auch gehen magst." "Aber deine Flügel", sagte das Jesuskind, "nur mit gebrochenen Flügeln kannst du mich begleiten. "Ja, das will ich", nickte der Vogel.

So geschah es. Das Kind und der Vogel waren zusammen auf der Flucht vor Herodes; der kleine Vogel war in der Tasche des zwölfjährigen Jesus verborgen, als der bei den Schriftgelehrten im Tempel saß; er war in der Wüste dabei und sah den Satansengel mit eigenen Augen. Immer fand er einen heimlichen Platz, wo ihn niemand sah. Manchmal versteckte er sich in den Falten des Gewandes, manchmal ließ er sich in der offenen Hand tragen, am liebsten aber schlüpfte er in den offenen Kragen und saß ganz warm in der Nähe des Herzens. Zuletzt aber saß er in den Dornen, die man um das Haupt des Jesuskindes‘ das kein Kind mehr war, wand. Ganz fest drückte er sich in die Dornen, um dem, den er liebte, die Schmerzen zu lindern. Ganz fest drückten sich die Dornen in sein kleines Herz. – Der Engel aber, der mit den großen Flügeln, der am leeren Grab stand und den weinenden Frauen Freude verkündete – ja, das war er auch, der Vogel mit den gebrochenen Schwingen.

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