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27.5.2019

Volkstrauertag
Zur Geschichte eines Gedächtnistages

von Torsten Lüdtke

November: trübe, kalte Tage, Nebel, nasses Laub; in die traurige Stimmung der Natur mischt sich die Trauer des Ewigkeitssonntags und des Volkstrauertages, die im November begangen werden.

In einem an Gedenktagen besonders reichen Jahr – man denke hierbei nur an die 90. Wiederkehr des Beginns des Ersten Weltkrieges und den 65. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges – muss auch der Entstehung des Volkstrauertages gedacht werden, dessen Einführung sich in diesem Jahr zum achtzigsten Male jährt und dessen Wurzeln bis in das Jahr 1918 zurückreichen.

Als am 11. November 1918 die Waffen schweigen, ist nicht nur der Erste Weltkrieg zu Ende, sondern auch das alte Europa in den Materialschlachten des Weltkrieges untergegangen. Mehrere hunderttausend Tote liegen in der von Bombentrichtern und Laufgräben zerwühlten Erde Flanderns und der Champagne.

Der uralte Gedanke, an die Opfer des Krieges zu erinnern und die fern von der Heimat und den Angehörigen liegenden Gräber zu pflegen und zu unterhalten, sollen die Gräber nicht verfallen und veröden, führt in den am Krieg beteiligten Ländern zur Gründung von Vereinen und Organisationen, die sich die Ausgestaltung und Pflege der Kriegsgräber zum Ziel gesetzt haben: 1919 wird in Deutschland der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gegründet. Sinnbild des Vereins werden – anders als in England, wo rote Mohnblüten als Symbol dienen - fünf Kreuze, die unter anderem auch an die endlosen Reihen der Gräber auf den Schlachtfeldern des Weltkrieges erinnern sollen.

Neben der Gründung des Volksbundes wird aber auch die Einführung eines zentralen Gedenktages, der an das Leiden und Sterben einer ganzen Generationen mahnt und erinnert, erwogen. Am 16./17. Mai 1924 regt ein Vertretertag des Volksbundes die Einrichtung eines solchen Gedenktages am Sonntag Invocavit, dem ersten Sonntag der Passionszeit, an. Dieser Vorschlag, einen landesweiten Gedenktag einzuführen, wird von staatlichen Stellen zunächst abgelehnt, erst als ihn am 26. November 1924 der Vorstand der Kriegsgräberfürsorge erneut aufgreift, wird im März 1925 - ohne Festlegung durch das Gesetz – der erste Volkstrauertag begangen.

Ein Erlass des Reichsinnenministers hatte aber sichergestellt, daß an diesem Tage in ganz Deutschland an öffentlichen Bauten Halbmast geflaggt, keine Feste und Vergnügungen abgehalten und die Gedenkfeiern unterstützt wurden. Am Rande der Gedenkfeiern findet auch die erste flächendeckende Spendensammlung mit der Sammelbüchse statt, die noch heute untrennbar mit dem Volkstrauertag verbunden ist und deren Erlös dem Ausbau und der Ausgestaltung der Soldatenfriedhöfe dient. Ein Jahr später, 1926, wird – in Absprache mit den drei großen Religionsgemeinschaften, die diesem Vorhaben zustimmen – der Volkstrauertag vom Sonntag Reminiscere auf den vorletzten Sonntag des Kirchenjahres (im November) verlegt.

Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wird alles anders: der stille, mahnende Gedächtnistag wird durch das "Gesetz über die Feiertage" vom 27. Februar 1934 zum kraftstrotzenden, kriegsverherrlichenden "Heldengedenktag", der im Kalender vom November wieder an den "alten" Platz, den Sonntag Reminiscere im Frühjahr, verschoben wird.

Doch bleibt das nicht die einzige Änderung; auch das Bauprogramm der Kriegsgräberstätten und Soldatenfriedhöfe wird verändert, die bis dahin vorherrschende sakrale Architektur mit christlichem Bildprogramm wird durch monumentale NS-Architektur zurückgedrängt.

Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges kommen alle begonnenen Ausbauarbeiten an Friedhöfen des Ersten Weltkrieges zum Erliegen. Neue Friedhöfe müssen angelegt werden, um immer neue Gefallene an allen Fronten – in Russland wie auch in Nordafrika – aufzunehmen, auf denen ins Gigantische gesteigerte Anlagen entstehen sollen. – Der Volkstrauertag tritt gegenüber dem Kriegsalltag zurück. Durch den Bombenkrieg, die Flucht und Vertreibung sind auch viele Opfer in der Zivilbevölkerung zu beklagen.

Am 5. März 1950 findet der erste Volkstrauertag nach dem Zweiten Weltkrieg statt; Im Jahr 1952 wird dann der Volkstrauertag in den November verlegt. Der zu diesem Tag erschienene Aufruf des Bundespräsidenten macht deutlich, daß nun nicht mehr nur an die militärischen Opfer des Krieges, sondern an alle Opfer der Kriege erinnert werden soll. (s. Abb.) Darüber hinaus soll die Arbeit des Volksbundes der Verständigung der Völker dienen. Diesen, bereits 1952 gefassten Anspruch, verbunden mit dem Gedenken an die Opfer der Gewaltherrschaft und des Totalitarismus, stellt noch heute die Grundlage für das Gedenken am Volkstrauertag dar.

In einer Zeit politischer Instabilität muss vorallem das Gedenken an die, in vielen Ländern der Erde liegenden Opfer des letzten Krieges, von denen viele Schicksale und Gräber noch ungeklärt sind, Mahnung zum Frieden sein.

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