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24.3.2019

Trauerbilder

von Lutz Poetter

Der Tod ist fast unsichtbar geworden. Viele Jüngere haben vielleicht noch nie mit eigenen Augen einen sterbenden Menschen, einen Toten gesehen. Zum Glück liegt der Weltkrieg nun bald sechs Jahrzehnte zurück mit seinem massenhaften Sterben vor aller Augen.

Der Tod scheint ausgewichen zu sein vor unseren Blicken. Denn obwohl wir alle früher oder später sterben müssen, geschieht dieser Tod kaum im Alltag. Kundige Experten wachen über unser Ableben, Feuerwehrmänner, Sanitäter, Ärzte und medizinisches Personal auf Intensivstationen, in Pflegeheimen und Hospizen beobachten unsere letzten Stunden.

Zu Hause sterben zu dürfen ist der Wunsch fast aller, Realität wird er jedoch nur ausnahmsweise. Wenn es ans Sterben geht, fühlen wir uns belastet und überfordert. Wir empfinden es als Wagnis, am Bett eines sterbenden Menschen auszuharren bis zum letzten Atemzug. Nur die Liebe und die große Vetrautheit mit einem nahen Angehörigen gibt uns den Mut, selbst dem Tod ins Auge zu sehen.

Ist dieser Tod eingetreten, befällt uns vollends die Scheu. Der tote Leib ist Sache der Spezialisten: Im Verborgenen kümmern sich Bestatter um die letzten Verrichtungen, bis der Leichnam schließlich wohl bereitet im Sarg liegt. Nun können Angehörige, Freunde, Nachbarn und Kollegen Abschied nehmen, der Blick fällt auf Blumen, die den Sarg schmücken ...

Der wirkliche Tod ist fast unsichtbar geworden, das wirkliche Sterben ausgeblendet aus unserer täglichen Erfahrung. Wir wissen zwar, dass Sterben zu unserem Leben untrennbar dazu gehört, aber wir erfahren es nicht – und glauben es deshalb auch nicht wirklich. Bis uns der Tod dann zweifelsfrei selbst vor Augen steht. Dies scheint mir ein Merkmal unserer Zeit zu sein.

Und auch dies ist ein Merkzeichen: Seit der wirkliche Tod vor unseren Augen verschwunden ist, fasziniert uns sein unterhaltsames Konterfei. Es gilt: Ohne Leiche keine Spannung.

Hollywoods Traumfabriken und deutsche Fernsehstudios stimmen darin überein: Kein Film ohne den Kitzel des Todes. Lust und Mord sind die Bestandteile der Mischung, die wir als Unterhaltung genießen. Es schaudert sich eben leichter, wenn man nach dem Abspann unverletzt das Kino verlassen, den Fernsehsessel räumen kann...

War es anders – früher? Die Menschen des Mittelalters waren umgeben von Tod und Sterben. Etwa die Hälfte der geborenen Kinder starb noch im Kindesalter, die Lebenserwartung betrug kaum 40 Jahre. Seuchen, Hunger, Kriege, das drakonische Recht der Galgen und Scheiterhaufen und die Gefahren des Alltags rafften die Menschen frühzeitig dahin. Man starb mitten unter den Lebenden, in den Städten und Dörfern, vor aller Augen. Alle sahen zu, taten, was getan werden musste. Die Friedhöfe lagen noch mitten in der Stadt, dicht bei den Kirchen. Leben und Sterben waren eng beieinander. Auch die Kirche nahm kein Blatt vor den Mund: Volksprediger, die viel Zulauf fanden, redeten vom Sterben, vom Verwesen, auf einem Friedhof, vor einem offenen Beinhaus, Knochen geschichtet, Schädel gestapelt; eindringlich wurde hingewiesen auf das Verkrampfen der Hände, das Aufklaffen des Mundes, das Erkalten und Verwesen, Würmer in den Eingeweiden, der Mensch als Madensack, alle Schönheit nur äußerlich, unter der Haut nichts als Schleim, Blut, Galle, Kot! Und Weinen und Wehklagen unter den Zuhören, ein Herausschreien der Angst vor dem Sterben, dem Verwesen, man warf sich auf die Erde, Schluchzen, Weinen, Stammeln.

Der Tod als Gevatter, der unbarmherzige Knochenmann mit seiner Sense regierte damaliges Leben – auch noch im Dreißigjährigen Krieg und lange Jahrzehnte danach... Drastisch, bunt, derb – kein Wunder, dass auch das Mittelalter und die ihm angedichteten Mythen ein Lieblingsstoff der Kino-Magier unserer Zeit sind.

Ende des 18. Jahrhunderts kam eine neue Sichtweise auf. "Auch die Trauer ist schön..." schrieb Friedrich Schiller einmal einer Freundin. Früheren naturalistischen Darstellungen des Barock wurde ein "sanfter" Tod entgegen gesetzt. Der Blick wendete sich weg vom qualvollen Sterben selbst und hin zur Darstellung ästhetischer Trauer. Auf den Grabstätten zeigte sich diese Wendung augenfällig in der Grabfigur der "Trauernden". Ihre Gebärden, ihre Gestensprache zeigte den kunstvoll gefühlsbetonten Abschied vom Leben: Stehend, gebückt, sitzend oder schmerzvoll in sich zusammengesunken, manchmal anmutig verhüllt, mit häufig hingebungsvoll-wehmütigem Blick und charakteristischer Körperhaltung, dabei oft makellos rein und schön, kaum verhüllt und von erotischer Ausstrahlungskraft.

Diese Figur stammte ursprünglich als antike Adaption aus Oberitalien. Klassizistische Bildhauer des späten 18. Jahrhunderts wie Canova, Schadow und Dannecker führten sie bei uns ein. In der Folgezeit, vor allem aber in der Epoche um 1900 tauchte die "Trauernde" dann immer häufiger auf den Familiengrabstätten des städtischen Bürgertums auf. Mit der ihr eigenen Aura verkörperte sie das gesellschaftlich kultivierte Gefühl bürgerlicher Trauer. Man fand – und findet! – diese Grabskulpturen auf den damals neu angelegten parkartigen Friedhöfen am Rande der Stadt: Die Schönheit der kultivierten Naturlandschaft in Harmonie mit der Schönheit künstlerisch gestalteter Trauer. Schöner Schein im zuweilen harten Kontrast zur gesellschaftlichen Wirklichkeit.

Mit dem Fotoapparat habe ich mich auf die Suche nach diesen "Trauernden" gemacht: Weibliche Grabfiguren aus Stein und Metall als stumme Zeuginnen einer untergegangenen Friedhofskultur. Die Imagination weiblichen Sinnens und erotischer Sinnlichkeit gegen die harte Wirklichkeit des Sterbens, Vergehens. Diese fotografische Spurensuche auf Friedhöfen habe ich in den vergangenen Jahren am Rande meines Dienstes als Gemeindepfarrer verfolgt.
Im vergangenen Jahr durfte ich mich im Rahmen eines dreimonatigen Studienurlaubs ausschließlich damit beschäftigen. In diesem November möchte ich in der Gemeinde einige meiner Fotografien und Erkenntnisse dieser intensiven Spurensuche zeigen:

In einer Fotoausstellung in der Petruskirche und in einem Diavortrag am Totensonntag. Vielleicht können Bilder einer vergangenen Epoche eigene Bilder in uns anregen beim Betrachten – eigene authentische Bilder über unseren Tod, unser Sterben heute und morgen.

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