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16.7.2019

Heimwege
Gedanken zum Ende des Kirchenjahres

von E-Mail

Lange schon steht sie vor dem Kleiderschrank. Sie hat Tränen in den Augen. Sie kann sich nicht entscheiden, ob sie seine Sachen endgültig in die Altkleidersammlung geben soll. Sanft streicht sie mit der Hand über das Jackett. Daneben der Wintermantel. Sie nimmt ihn vom Bügel und riecht am Kragen. Hier spürt sie noch am deutlichsten den Geruch seiner Haare, seiner Haut. Es ist der vertraute Geruch vieler Jahre nebeneinander im gleichen Bett. Lange hat sie das Bett unberührt gelassen, so wie am Tag, als der Krankenwagen kam. Für die letzten Wochen blieb nur ein fremdes Bett mit Rädern, Stahlrohr und Haltegriff. Alles wirkte steril, kalt und beziehungslos. Die Bettdecke zu Hause verströmte Leben, Vertrautheit, Nähe. Im Krankenhaus war alles nur steril.

Die Türklingel reißt sie aus ihren Gedanken. Kurz schreckt sie auf. Es ist nur der Postbote, der etwas für die Nachbarin abgibt. Dann ist sie wieder allein...

Ähnlich mag es einigen Menschen in dem nun zu Ende gehenden Kirchenjahr gegangen sein. Es ist schwer sich zu trennen. Es schwer mit dem Tod zu leben. Und dem "großen" Tod folgen so viele kleine, die die Wunden immer wieder aufreißen...

Mit dem November kommt die Zeit der Besinnung und des Nachdenkens. Und in dieser trüben und dunklen Zeit mischen sich in die Gedanken oft auch Traurigkeit und Schwermut. Das Kirchenjahr geht seinem Ende entgegen und wie Felsbrocken aus den Novembernebel ragen die Tage des Erinnerns und des Rückblicks heraus: Volkstrauertag, Buß-und Bettag und Ewigkeitssonntag. An ihnen kann man sich schmerzhaft stoßen.

Tod, Abschied, Trauer, es fällt uns schwer, dem zu begegnen.

Der Tod wird verbannt aus Gedanken und Lebensplänen. Oft sterben die Menschen in Krankenhäusern, Pflegeheimen oder auf der Intensivstation. Das Sterben wird verdrängt. Es gehört scheinbar nicht mehr zum Leben dazu. Der Tod wird vor die Türen unseres Lebens gestellt, damit man ihn drinnen nicht merkt und ihn nicht mehr kennt.

Aber wir Christen wissen: Der an allen Türen unseres Lebens und auch an der letzten Tür steht, ruft: "Kommt herein, ich kenne euch alle, alle mit Namen." Er hat den Tod in sein eigenes Leben hineingenommen.

Er hat gegen die Kälte des Lebens und des Todes gelebt und alle in die Wärme der Gegenwart Gottes eingeladen. Ihm können wir Antwort geben mit unserem Leben, unserem Glauben, unserer Aufmerksamkeit, unserer Liebe.

Wir antworten ihm, wenn wir Trauernde bis in die Zimmer ihrer Verstorbenen und bis an den Kleiderschrank begleiten, dessen Tür die Kleidung des Toten noch verschließen. Und sie wagen nicht, sie zu öffnen. Sie können es nicht. Wir können Türen zum Leben öffnen, viel mehr als wir oft denken und wir uns zutrauen. Wir können Schritte gehen mit den Müden, Geschlagenen, Zornigen und Gelähmten.. Wir können abgeben vom Schatz eigener Trauererfahrung und mit Trauernden aufbrechen in eine versöhnte Trauer.

Wir können die dunklen Wege mitgehen, sodass das zur Erfahrung wird, was der Schriftsteller Robert Walser so beschreibt: "Man sah den Wegen am Abendlicht an, dass es Heimwege waren."

Wir können gemeinsam erleben, dass das Leben keine Irrfahrt, sondern ein Heimweg ist. Wir können uns zusammentun und gemeinsam hören: "Kommt her, denn ich kenne euch alle, alle mit Namen."

Bevor das Jahr ganz Dunkel wird, gehen viele Trauernde noch einmal Wege zu Gräbern und in Gottesdienste, mit anderen Trauernden.

Vielleicht wird dann für diesen oder jenen die Mitte der Nacht zum Anfang des Tages. Vielleicht erhebt sich aus der Dunkelheit das Licht durch einen kleinen Spalt. Vielleicht weichen dann die Schatten der Angst. Trauer braucht Zeit und Trauer heilt.

Pfarrer Michael Busch

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