ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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26.3.2019

Zum Monatsspruch Oktober

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Uns modernen Menschen scheinen viele "geistlose" Tätigkeiten an Fließbändern, in Büros, und vor Fernsehgeräten manchmal allen Geist ausgetrieben zu haben, weshalb in unseren Bildungseinrichtungen offensichtlich geisteswissenschaftliche Fächer am meisten von Kürzungen betroffen sind..

Gleichzeitig wächst vielerorts eine große Sehnsucht nach Geist, Geistvollem, Begeisterung. Und es entstehen manche "geistvolle" oder gar esoterische Zirkel. Wie ist das alles zu verstehen? Offensichtlich bekommen wir es mit vielen Widersprüchen zu tun, wenn wir heutzutage etwas über den "Geist" wissen wollen.

Vielleicht ist es darum einfacher, wenn wir fragen, was das eigentlich für ein Geist ist, der uns treibt. Welcher Geist will uns treiben, wenn wir uns in unserem Beruf einsetzen, in Familie, Kirche, Vereinen oder Politik?

Bestimmt sind die Antworten manchmal so vielschichtig, wie unser Leben und unsere Lebensgeschichte.

Aber wenn eins ganz klar und eindeutig ist, dann ist es das: Nämlich, dass es auf jeden Fall ein Geist der Freiheit sein soll, der uns treibt. Geist und Freiheit, die müssen doch zusammengehören! Geist und Freiheit, das ist doch die Grundsubstanz unserer modernen Gesellschaft und unseres modernen Staates. Dieser Geist der Freiheit, der vor gut 200 Jahren das französische Volk zur französischen Revolution trieb und fast das ganze Europa mit hineinzog oder 1989/90 die Bürger der DDR Grenzen und Mauern überwinden ließ. Ist es heute noch dieser Geist, der uns treibt und in dessen stolzer und gefeierter Tradition wir stehen? Und ist das etwa derselbe Geist, den der Apostel Paulus meint und als Geist Gottes versteht?

Oder gilt für uns heute ein ganz anderer Geist der Freiheit? Sollte hier etwa ein Geist der Freiheit gemeint sein, der vor allem freien Handel, freies Kaufen und Verkaufen meint? Aber wer wollte denn verhindern können, dass sich ein solcher Geist sehr schnell allein in Raffgier und Geiz auflöst? Sollte das der Geist sein, der uns treibt?

Freiheit – auch dieses Wort schillert in ebenso vielen Farben. Ist es diese Freiheit, die Paulus meint? Die Freiheit, umgebremst reisen zu können und sich von niemandem in die persönliche Lebensplanung hineinreden lassen zu müssen? Was hat der Geist Gottes mit dieser Freiheit zu tun? Oder geht es um eine andere Art von Freiheit? Wovon befreit der Geist Gottes? Und wozu befreit er Menschen?

Viele Fragen auf einmal und sie machen deutlich wir kompliziert das ist mit der Freiheit und dem Geist, zumal mit dem Geist Gottes.

"Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit." Mit der Sprache des Paulus gesprochen heißt das: Gottes Geist bewahrt Menschen davor, vor sich selbst, vor anderen und vor Gott permanent nachweisen zu müssen, wie wertvoll, tüchtig und perfekt sie sind. Er holt Menschen aus diesem Zwang, sich ständig Anerkennung und Liebe durch Leistung und Erfolg erwerben zu müssen. Denn er ist ein Geist der Liebe, der sich denen zuwendet, die es zulassen, denen, die sich dieser Zuwendung Gottes aussetzen – unabhängig von all ihrer Kraft und beruflichen Leistung, unabhängig von ihrer äußeren Schönheit oder von ihrem perfekten Auftreten, unabhängig vom Maß ihrer Moralität und Religiosität.

Neben dieser individuellen Befreiung, will der Geist Gottes aber auch von kollektiven Zwängen und kollektiven Ideologien befreien, die ein grandioses Bild von der historischen Rolle eines Volkes oder einer Rasse oder einer Klasse entwerfen und die ihre eigenen Grenzen und Schattenseiten dabei nicht wahrhaben wollen. Der Zwang zum Grandiosen, zum Erfolg, zur Einmaligkeit war ursprünglich vielleicht verbunden mit humanistischen Anliegen. Aber wie sooft, irgendwann schlägt es ist in Maßlosigkeit, Arroganz und Brutalität um. Davor – auch vor solchen kollektiven Beglückungsansprüchen und Maßlosigkeiten – bewahrt der Geist Gottes, so Paulus. Denn wir können und müssen uns auch kollektiv vor Gott nicht durch grandiose Taten rechtfertigen.

Gott schenke uns weiter seinen Geist der Freiheit, uns persönlich, unserer Gemeinde, unserem Land, damit die vielen Maßlosigkeiten von heute begrenzt werden und der Geist der Liebe und Verständigung mehr Raum gewinnt.

Pfarrer Michael Busch