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17.7.2019

"Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf"?
Zum Monatsspruch September

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"Wenn der HERR nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wenn der HERR nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst." Diese Worte stammen aus dem 127. Psalm und sind der Monatsspruch für September 2004. Das klingt ja fast nach einem Aufruf, die Hände in den Schoß zu legen und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Der auf unseren Monatsspruch unmittelbar folgende Vers formuliert es noch provokanter: "Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzet und esset euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf." Daher stammt dann das oben zitierte, inzwischen etwas altmodische Sprichwort, das freilich in unseren Breiten überwiegend ironisch gebraucht wird, um einen offensichtlichen Faulpelz gutmütig zu tadeln.

Schon daran lässt sich sehen, wo eigentlich unser Herz schlägt: selber zupacken, die Ärmel hoch krempeln, nicht müßig sein. Jeder gilt schließlich als seines eigenen Glückes Schmied. Das sind die Werte und Normen, auf denen unsere Gesellschaft und Kultur aufgebaut ist. Wir haben es damit ja auch weit gebracht. Wir reagieren also zu Recht verstört, wenn uns gesagt wird, dass unsere Tätigkeit letztendlich zu nichts führt und wir die Dinge doch auch mal ruhiger angehen sollen.

Das geht uns gegen jede soziale Prägung, ja geradezu gegen die Natur. Als Menschen sind wir darauf angelegt, die Dinge nicht einfach so hinzunehmen, sondern sie selbst in die Hand zu nehmen. Wir tun das, weil wir es können und weil wir wissen, dass wir es können. Schon Babys können sich in regelrechte Wutanfälle hineinsteigern, wenn ihre sich entwickelnden körperlichen Fähigkeiten ihrem Drang, sich der Welt zu bemächtigen, noch nicht so gehorchen, wie sie dies möchten, wenn es mit dem Sitzen oder Krabbeln noch nicht so klappt, wie ihre Majestät das Baby das gerne hätte. Zu können was wir wollen – mit weniger geben wir uns nicht zufrieden, nicht von dem Moment an, wo wir diese Welt betreten.

Aber wenn wir dann irgendwann aus dem Krabbelalter heraus sind, lohnt es sich zu fragen, ob wir denn tatsächlich können, was wir wollen. "Der Mensch kann, was er will", sagt man. Aber im Grunde ist das Wunschdenken des Krabbelkindes, das da spricht. Der Mensch mag als einziges Lebewesen die Gabe haben, die Welt um sich herum bewusst nach seinen Wünschen und Vorstellungen zu formen; aber zugleich verhält sich diese Welt eben nicht, wie wir wollen und all unser Wünschen, Wollen und Sorgen wird daran nichts ändern. Diese Einsicht hat etwas Niederschmetterndes, deswegen vermeiden wir sie so gerne. Sie hat auch etwas Demotivierendes. Warum soll man sich denn dann überhaupt noch anstrengen? Wenn die Menschen aber plötzlich aufhören würden, sich anzustrengen – wo kämen wir denn da hin? Da würde ja alles vor die Hunde gehen. Also sind diese Gedanken nicht nur dem Einzelnen unangenehm, sondern sie werden auch von der Gruppe – man könnte auch sagen "von der Gesellschaft", aber das ist immer so unpersönlich – als potentiell gefährlich betrachtet. Also sollte man sie möglichst schnell zerstreuen. Wir haben alle diesen Reflex eingebaut: Den anderen anlächeln, auf die Schulter klopfen und "Wird schon wieder, nun laß dich nicht hängen!" sagen.

Viele Stellen der Bibel und auch unser Monatsspruch weisen uns jetzt darauf hin, dass man aber auch eine andere Haltung dazu einnehmen kann, dass man eben nicht alles kann, was man will, dass nicht alles in unser Belieben und unserem Wunsch unterworfen ist. Wir sollen erkennen, dass dieser Wunsch häufig zum Wahn geworden ist, zur Illusion, zum Trugbild, zum Fetisch. Von dieser Illusion sollen wir uns befreien. Unsere Freiheit liegt dabei gerade darin, dass wir nicht alles können, was wir wollen. Das Beispiel par excellence folgt im Psalm: "Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn, und Leibesfrucht ist ein Geschenk." Wir sind heute in der Lage, durch Verhütungsmittel und moderne Reproduktionsmedizin mehr Kontrolle über diesen Bereich unseres Lebens auszuüben als jede andere Generation vor uns. Und doch erleben wir in diesem Bereich der Sexualität und Fortpflanzung, der jeden unausweichlich zutiefst berührt, dass die Dinge nicht so sind wie wir wollen, jedenfalls oft nicht. Egal, ob wir an das junge Mädchen denken, das ungewollt schwanger wird, das Ehepaar, das sich verzweifelt seit Jahren Nachwuchs wünscht oder die werdende Mutter, der der Arzt gesagt hat, das ihr Kind behindert zur Welt kommen wird und die nun nicht mehr weiß, ob sie sich auf das Kind freuen soll, kann, darf. Wer ganz hartnäckig ist, kann sich jetzt immer noch in die Ausrede flüchten, dass das ja nur eine Frage der Zeit ist, denn irgendwann werden wir die perfekte Technik haben und dann werden wir wirklich alles kontrollieren.

Oder wir können akzeptieren, dass sich das Leben nicht kontrollieren lässt. Beeinflussen ja, aber kontrollieren – niemals. Weil Menschen Menschen sind. Weil Dinge schief gehen. Weil man vieles, aber nie alles wissen und kontrollieren kann.

Weil das so ist, müssen wir aber auch nicht alles können. Unsere Endlichkeit und Beschränktheit, die uns zuerst als herbe Kränkung und großer Verlust erscheint, kann auch zu einem großen Gewinn werden, wenn wir uns sagen lassen, dass unsere Möglichkeiten endlich sind, damit aber auch die Last, die uns auferlegt wird, endlich ist. Wir können nicht mehr, als wir eben können. Das ist kein Aufruf zum Müßiggang, denn das, was in unserer Macht steht, sollen wir tun. Das Haus baut sich nicht alleine, die Stadt bewacht sich nicht alleine. Aber wir sollen erkennen, wo die Grenzen unserer Macht sind und es damit gut sein lassen. "Tu', was du kannst, und mach dir um den Rest keine Sorgen!" könnte man als Handlungsanweisung daraus ableiten. Niemand von uns ist allmächtig, und auch unsere lieben Mitmenschen sind es nicht. Deswegen sollen wir mit uns, mit ihnen und dem Leben als solchem manchmal einfach etwas mehr Geduld haben.