ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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17.7.2019

Feiern und Feste

von Lutz Poetter

Feiern gehört wesentlich zur menschlichen Existenz. Im Schöpfungsbericht finden wir die Einsetzung des Sabbats: "Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken." Sechs Tage Arbeit, dann der siebente Tag als heiliger Ruhetag – dieser Rhythmus gehört so sehr zu unserer jüdisch-christlichen Tradition, dass wir unseren arbeitsfreien Sonntag kaum noch als richtigen Festtag wahrnehmen: Er hat sich als Feiertag quasi ins "Freie Wochenende" verabschiedet.

Die Zeit zwischen Ostern und Pfingsten heißt in der Kirche Freudenzeit und ist ausgezeichnete Festzeit, vor allem der Mai. Der gilt schließlich auch außerhalb der Kirche als echter Wonnemonat...

Was fällt uns ein zum Wort "Fest"? "Ostern, Pfingsten, Weihnachten", so beginnen wohl unsere ersten Assoziationen, andere nennen zuerst "Geburtstag, Hochzeit, Klassenfest". Vielen Jugendlichen aus unserer Gemeinde fällt in diesen Wochen zuerst "Konfirmation" ein – ihre eigene nämlich. Bei einigem Nachdenken können wir eine ganze Menge von Festen aufzählen und entdecken dabei bezeichnende Unterschiede. Es gibt Jahresfeste und Gedenktage in allen Religionen und Kulturen. Alle Nationen, Gemeinschaften, Betriebe, Vereine und Familien feiern ihre besonderen Ereignisse. Im Leben jedes Menschen ereignen sich zwischen Geburt und Tod Situationen, die Anlass zum Feiern geben. Alle Menschen feiern. Feste gibt es, seit es Menschen gibt.

Was ist ein Fest? Es ist etwas, das Menschen miteinander machen, also eine kulturelle Veranstaltung, kein Naturereignis. Natürlich können Naturereignisse wie Jahreszeiten, Mond- und Sonnenstände festlich begangen werden. Feste selbst aber kommen in der Natur nicht vor. Deshalb können Pflanzen und Tiere nicht feiern. Nur wir Menschen haben einen Sinn für die Feste und für die Zeit: Wir leben im Heute, erinnern uns an das Gestern und erwarten das Morgen. Feste helfen uns, die Zeiten zu gliedern, sie verbinden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Als weit verbreiteter Irrtum stellt sich die Annahme heraus, dass Feste immer fröhlich wären. Unsere deutsche Geschichte ist voller Katastrophen, unser Leben ist auch gekennzeichnet von Leiderfahrungen. Neben den Glücksmomenten und Hochzeiten müssen deshalb auch die Tragödien und Tiefpunkte im Gedächtnis bleiben: Abschied und Trauer, Schuld und Leid bilden die dunkle Seite unserer Festkultur – genauso wichtig wie die glanzvolle Seite glücklicher Feste.

Der Gegenbegriff zum Fest ist der Alltag. Unser Leben ist zum größten Teil Alltag, und der ist sicher nicht nur grau und eintönig, wie manche meinen. Aber ab und zu muss unser Alltag unterbrochen werden, damit er uns nicht gefangen nimmt. Dies ist die Aufgabe der Feste: Sie unterbrechen den Alltag und zeigen uns, dass unser alltägliches Leben nicht alles ist. Wenn wir mit Leib und Seele feiern, dann scheint über dem Alltag ein neues, anderes Leben auf. Daraus schöpfen wir Kraft und Mut für unseren Alltag. Aus dem Abstand beim Feiern sehen wir ihn mit anderen Augen, wir lernen seine Vorzüge zu schätzen und entdecken Chancen zur Veränderung. Feiern und Alltagsarbeit sind auf einander bezogen und gehören zusammen. Leben kann nicht nur aus Alltag bestehen, aber genauso wenig nur aus Festtagen. Ein Poet hat es einmal so beschrieben: Feste ragen wie gewaltige Berge aus der Ebene des Alltags heraus.

Selbstverständlich feiern Christen Feste, auch wir hier in Lichterfelde. An Sonn- und Feiertagen feiern wir Gottesdienste im Zyklus der Festkreise des Kirchenjahres. Alle Gruppen, Kreise und Arbeitsbereiche kommen mehrmals im Jahr zusammen, um ein Fest zu feiern. Dabei spielen auch die großen geschichtlichen Jahreszahlen eine Rolle: 700 Jahre Giesensdorf, 100 Jahre Petruskirche waren Anlass zu festlicher Bestandsaufnahme der Kirchengemeinde. Natürlich haben wir auch unsere Fusion im Jahr 2000 gefeiert.

Nachdenkliche Zeitgenossen fragen sich manchmal, ob es eigentlich in unsere Zeit passt, fröhlich und ausgelassen Feste zu feiern. Sie verweisen auf die Zustände auf unserem Globus, der auch am Beginn des 21. Jahrhunderts von Hunger, Kriegen und Zerstörung gezeichnet ist. Sie blicken sorgenvoll auf das sich rasant vergrößernde Europa und unser eigenes Land. Auch bei uns entdecken sie wenig Gründe zum Feiern. "Erst sollten wir die Dinge in Ordnung bringen, gegen Hass, Gewalt, Armut und Dummheit kämpfen. Danach sollten wir feiern."

Jemand hat einmal gesagt: "Wer keinen Mut zum Träumen hat, der hat auch keine Kraft zum Kämpfen." Woher aber kommt der Mut zum Träumen? Er entsteht beim Feiern. Und wer sich keine Zeit nimmt zum Feiern, der kriegt ihn nicht.

Lutz Poetter