ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > Mai 2004

21.1.2019

Unsere Dorfkirche
Teil 2: Krieg und Frieden – Die Dorfkirche vom Spätmittelalter bis heute

von Torsten Lüdtke


Dorfkirche Giesensdorf vor 1936
Wenn wir von den ersten Bewohnern Giesensdorfs auch nicht viel wissen, so haben sie uns Spuren hinterlassen, die wir noch heute wahrnehmen können; so findet sich im Landbuch Kaiser Karls IV. Von 1375 folgender Eintrag: "In Gieseberchstorff (Giesensdorf) sind 50 Hufen. Der Pfarrer hat 3 davon. An Pacht gibt jede Hufe 6 Scheffel Roggen und 6 Scheffel Hafer, an Zins 2 Schilling. [...] Es ist kein Krug dort. Von alters her war dort eine Windmühle, gegenwärtig wüste wegen Armut." (zitiert nach: Muhs, Lichterfelde einst und jetzt. Ein Heimatbuch, Berlin 1919, S. 13.)

Armut und Dürftigkeit des Dorfes werden aus diesen wenigen Zeilen deutlich. Das 14. Jahrhundert war für die noch junge Mark Brandenburg und Ghiselbrechtsdorp eine unruhige Zeit: Krieg und mehrfach wechselnde Herrscher liessen nach dem Tod des letzten Askaniers im Jahre 1319 ein verarmtes und verwüstetes Land zurück. Aber auch Karl konnte die Verhältnisse in Brandenburg nicht ordnen; 1378, bereits fünf Jahre nach der Erwerbung der Mark starb der Kaiser in Prag.

Aus diesem Jahrhundert des Chaos und der Anarchie fehlen für Giesensdorf fast alle weiteren Spuren. Hinweise auf die Siedlung finden sich daher in den Quellen ebenso wenig wie auch archäologische Sachzeugnisse. Auch das Patrozinium, auf das die Kirche nach ihrer Erbauung geweiht wurde, kann nicht mit Sicherheit benannt werden, doch ist eine Weihe auf den Namen der Maria, des Nikolaus oder des Petrus – wie vielfach in Brandenburg und östlich der Elbe – naheliegend. Für das 15. Jahrhundert sind wiederum die Namen zweier Pfarrer überliefert: um das Jahr 1400 ist Ambrosius Haverlang, für 1438 Johannes Hyden als Geistlicher der Kirche zu Giesensdorf bezeugt. Der katholischen Messe lauschten Männer und Frauen in der Kirche durch den Mittelgang von einander getrennt. Die stehende und knieende Gemeinde war darüberhinaus noch durch eine Schranke vom Altar und dem die Messe zelebrierenden Priester geschieden.

Mit der Einführung der Reformation in Brandenburg 1539 änderten sich nicht nur das, sondern auch die Pfarrsprengel; das Dorf Steglitz verlor seine kirchliche Eigenständigkeit und wurde Teil der Parochie (d.i. der Pfarrbezirk) Giesendorf.

Für die Jahre zwischen 1600 und 1615 sind mehrfache Umgestaltungen im Inneren der Kirche bezeugt; so erhielt die Kirche einen gemauerten Altartisch und ein festes Kirchengestühl. Der Kirchenboden bekam eine hölzerne Dielung, zu der das Holz aus Spandau geholt wurde und schließlich auch einen steingepflasterten Mittelgang.

Während des Dreißigjährigen Krieges wird Giesensdorf mehrfach von durchziehenden Soldateska heimgesucht. Das Dorf und die Kirche werden mehrfach geplündert und gebrandschatzt, wobei die Kirche stark in Mitleidenschaft gezogen wird, aber nicht ausgebrannt zu sein scheint. Von den in Giesensdorf ansässigen Familien überlebt nur eine die Wirren des Krieges; aus den umliegenden Dörfern und Flecken kommen in der Folgezeit neue Einwohner.

1686 besitzt die Dorfkirche bereits einen Turm, in dem eine beim Glockengießer Heinze in Berlin bestellte Glocke aufgehangen wird. Nur fünf Jahre später musste der in Holzfachwerk ausgeführte Turm bereits das erste Mal instand gesetzt werden; doch blieb der Holzturm eine Bürde für die Gemeinde: Das gesamte 18. und 19. Jahrhundert hindurch erschienen immer neue Klagen über den schlechten baulichen Zustand des Turmes und der Kirche, an dem sich aber – bis auf kleinere Instandsetzungen und geringe Umbauten – nicht viel änderte. Der einzige größere Eingriff in die bestehende Bausubstanz fand 1711 statt, als die noch heute vorhandenen barocken Korbbogenfenster in die Mauern der Kirche gebrochen wurden.

Das äußere Erscheinungsbild der Kirche sollte sich dann auch bis 1945 nicht mehr grundlegend ändern. Im Innenraum dagegen fanden im 19. Jahrhundert einschneidende Änderungen statt; 1873 wurde eine Seitenempore errichtet, der fünf Jahre später eine weitere folgt, letztendlich erhält die Kirche eine kleine Orgel. Die Einbauten des 19. Jahrhunderts erzielten zwar eine sehr malerische Wirkung, aber führten auch eine qualvolle Enge in Kirchenschiff.

Nach der Zerstörung im April 1945, in der die Kirche bis auf die Grundmauern niederbrannte, wurde unsere Dorfkirche nach Plänen von Charlotte und Ludolf von Waldhausen wiederaufgebaut. Unter der Beratung des Landeskonservators Scheper orientierten sich die Architekten an den – für das ausgehende Mittelalter typischen – Befunden bei der Innen- und Außengestaltung; es unterblieb daher die Rekonstruktion des Turmes und der Emporen im Innenraum, und so präsentiert sich die Dorfkirche mit ihrem aus Feldsteinen ausgeführten Dachreiter außen und der den weißgekalkten Wänden im Innenraum heute nahezu wie vor rund siebenhundert Jahren.

zum Seitenanfang

Lesen Sie zu diesem Thema auch: