Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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6.12.2019

Abschied von Günter Lindke

von Lutz Poetter

Günter wurde am 13. November 1930 in Friedenau als Jüngster von vier Geschwistern geboren. Zwei ältere Schwestern und sein Bruder sorgten sich mit um den Kleinen. Die Elternrollen waren traditionell verteilt: Mutter gütig, Vater streng. Der war Hauswart und als glühender Kommunist Gegner der Nazis. Die Taufe erhielt Günter in der Nathanael-Kirche. Sein erster Spielplatz wurde die Wielandstraße nahe der S-Bahn. Diese ruhige Straße mit den kleinen Läden faszinierte den Jungen, vor allem der Laden mit den großen Bonbongläsern. 1937 wurde Günter in die 8. Volksschule eingeschult. Dann brach der Krieg aus. Bomben zerstörten 1943 die Wohnung der Familie Lindke in Friedenau, ihr wurde eine Unterkunft in einer vornehmen Lichterfelder Villa in der Ringstraße zugewiesen.

Gemeinsam mit einer Schwester und Cousinen wurde Günter evakuiert nach Schlesien. Der hungrige Halbwüchsige machte allerdings schlechte Erfahrungen mit den einheimischen Bauern. Die ausgebombten Kinder aus der Großstadt waren nicht willkommen auf dem Lande. Französische Zwangsarbeiter waren die einzigen, die ihnen etwas zum Essen zusteckten. 1944 fand der 13jährige Günter auf eigene Faust den Weg zurück nach Berlin. Im Frühjahr 1945 beendete er seine Schulzeit und wurde in der Nathanael-Kirche konfirmiert. Mit Kriegsende begann Günters Lehrzeit. Zuerst versuchte er sich als Gärtner, merkte aber schnell, dass ihm Zupfen und Rupfen nicht lagen. Am 1. Juni 1945 fing Günter als Lehrling in der Tischlerei Fritz Gumtau in der Roonstraße in Lichterfelde-West an.

Im Juni 1952 lernte das Lehrmädchen Eveline den 21jährigen Tischlergesellen Günter bei einem Laubenpieperfest gegenüber dem Rittbergkrankenhaus kennen. Nach dem Tanz spendierte Günter Eveline ein Bier, machte aber keinen Hehl aus seinem schmalen Gesellenlohn. Eveline wollte ihn gerne wieder sehen – sie mochte keine Angeber, Günter gefiel ihr deshalb mit seiner offenen ehrlichen Art. Im Dezember 1952 verlobten sich die beiden, zum Standesamt gingen sie im September 1954. Die Welt stand dem jungen Paar offen, zumindest soweit der schicke Motorroller die beiden brachte: Immerhin über den Brenner bis nach Italien...

Im Frühjahr 1961 verlor Günter bei einem Arbeitsunfall seinen rechten Daumen. In der Tischlerei konnte er mit diesem Handicap nicht mehr voll eingesetzt werden. Bald darauf kam Tochter Karin zur Welt. Günter brauchte nun einen neuen Beruf. Per Zeitungsinserat suchte die Petrusgemeinde gerade einen Haus- und Kirchwart und eine Reinigungskraft. Günter und Eveline bewarben sich beim Gemeindekirchenrat, und der nahm an.

Am 1. Juni 1962 zogen Lindkes als Haus- und Kirchwartsehepaar auf zwei vollen Stellen in die Dienstwohnung ins Gemeindehaus Parallelstraße: Zuständig für Gemeindehaus samt Gelände und Petruskirche. Es war die Ära der Pfarrer Baltzer und Rohde, Wand an Wand lebte Familie Lindke mit den Gemeindeschwestern Emma und Gertrud auf der einen Seite, dem Kindergarten auf der anderen Seite der Etage. Der große Gemeindesaal besaß noch die alte Kinobestuhlung, im Keller befand sich die arbeitsintensive Koksheizung, ein ebensolches Exemplar hatte die Petruskirche. Kirchwart zu sein bedeutete damals auch Heizer – Tag und Nacht. Gemeinsam zu leben und zu arbeiten und die Kinder dabei um sich zu haben – das war dem Ehepaar Lindke bei aller Arbeit am wichtigsten, gerade auch nach der Geburt ihres Sohnes Gerhard.
Zu den regulären Aufgaben in Gemeindehaus und Kirche kam bald eine Reihe von Bauprojekten der Petrusgemeinde. 1964 entstand der Neubau des Kindergartens Petrusheim.

Danach stand der zeitgemäße Umbau des Gemeindehauses Parallelstraße selbst an. Günter lieferte dem Architekten wertvolle Anregungen für die Neugestaltung der Innenräume. Pfarrer Baltzer ging in den Ruhestand und mit den jungen Pfarrern Scherer und Frickel kam eine neue Theologengeneration in die Petrusgemeinde. Heinrich Frickel förderte das Theaterspiel im Gemeindehaus – und Günter war dabei. "Johannes, der Täufer", "Aus dem Tabakladen" und "Weihnachten eines Clowns" kamen zur Aufführung. Günter spielte mit und malte die Kulissen. Pfarrer Rohde und Grete Hengelvoß gründeten die Altentagesstätte im Gemeindehaus. Als Pfarrer Scherer den Familiengottesdienst dort startete, zeichnete Günter die Projektionsfolien für die biblischen Geschichten. Wann immer Plakate, Handzettel für Gemeindefeste oder Zeichnungen für das Gemeindeblatt "Der Schlüssel" nötig waren verfertigte Günter sie mit künstlerischem Geschick. Er malte übrigens auch in Öl. Seine gesammelten Arbeiten waren einmal auf dem Dachboden des Pfarrhauses ausgestellt. Voll am Gemeindeleben beteiligt nahm sich Günter Lindke genug Zeit für seine Kinder, die sich gerne an ausgiebige Unternehmungen mit ihrem Vater erinnern. Auch das Hobby kam nicht zu kurz: Wenn Günter in die Tasten griff, erklang die Heimorgel in der Kirchwartswohnung.

Apropos Orgel: 1967 erhielt die Petruskirche eine neue Orgel. Der nächste große Umbau bahnte sich allerdings erst ein gutes Jahrzehnt später an. Rolf Reisert war inzwischen Pfarrer der Petruskirche und von ihm stammte die Idee einer erweiterten Nutzung des sanierungsbedürftigen Bauwerks auf dem Oberhoferplatz. Das Projekt "Petruskirche für Lichterfelde" mit seiner richtungsweisenden Kulturarbeit war geboren. Nach anfänglicher Skepsis ließ Günter sich überzeugen und wurde ein wichtiger Mitarbeiter der Kulturgruppe, natürlich gemeinsam mit seiner Eveline.


Kulturgruppe in der Petruskirche: Tagungsfahrt im Januar 2002

Die legendären Himmelfahrtsfeste um die Kirche warben erste Interessenten und Mitstreiter für das ehrgeizige Vorhaben. Die Gemeinde hatte sich entschieden, ein Architektenteam machte sich an die Planungsarbeit. Nach dem Umbau 1981 entwickelte sich eine ganz neue Dynamik in der Petruskirche: Ausstellungen, Kulturveranstaltungen für Jung und Alt, Zweites Frühstück in der Kirche, Maifest bedeuteten eine große Umstellung für die Gemeinde wie auch für Günter als altgedienten Kirchwart. Ihn erfreute es besonders, dass auch der sonntägliche Gottesdienstbesuch nach dem Umbau deutlich zunahm. Das Kulturprogramm wurde ein großer Erfolg. Andere Kirchen in unserer Stadt ahmten später das Lichterfelder Beispiel erfolgreich nach. 1985 lernte ich als Petrus-Jugendpfarrer Günter Lindke kennen und schätzen. Damals ahnte ich noch nicht, wie bald ich auch für die Kulturarbeit zuständig sein würde. Mit Siggi Jacobs, als Regisseur und Schauspieler hauptamtlicher Organisator der Kulturarbeit in den späten achtziger Jahren und seiner Frau Monika verbindet das Ehepaar Lindke eine lebenslange Freundschaft. 1994 gingen Günter und Eveline nach 32 Dienstjahren in den Ruhestand, blieben ehrenamtlich jedoch weiter aktiv in der Kulturarbeit.

Rechtzeitig vor dem großen Umbau des Gemeindehauses nach der Fusion zur Gemeinde Petrus-Giesensdorf zogen Lindkes aus der Parallelstraße in eine schöne Wohnung in der Celsiusstraße. Günter genoss seinen Ruhestand, hatte er doch endlich genug Zeit, die Brandenburger Umgebung zu erkunden. Doch nach seinem Schlaganfall 2002 konnte sich Günter nicht mehr richtig erholen. Seine Kraft nahm in den letzten Monaten immer mehr ab. Daran konnten auch mehrere Krankenhausaufenthalte nichts ändern. Es machte Günter schwer zu schaffen, dass er nicht mehr so tatkräftig mitmachen konnte. Am 28. Februar starb er im Alter von 73 Jahren, so wie er es sich gewünscht hat – in seiner vertrauten Wohnung, in den Armen seiner Ehefrau Eveline. Wir nehmen als Gemeinde, Freunde und Gefährten Abschied von Günter Lindke: Nach seinem Wunsch dort, wo er sich am wohlsten gefühlt hat – in der Petruskirche am Donnerstag, 22. April 04 um 11.00 Uhr. Anstelle von Blumen bittet Familie Lindke um eine Kollekte für die Kulturarbeit.

Lutz Poetter

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